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EZB-Nullzinspolitik – Warum die Südländer noch kriseln und andere saniert sind

PlayDie Europäische Zentralbank (EZB) in Frankfurt
EZB-Nullzinspolitik – Warum die Südländer noch kriseln und andere saniert sind | Video verfügbar bis 29.05.2020 | Bild: dpa / Boris Roessler

– Die Nullzins-Politik der EZB soll dafür sorgen, dass Unternehmen günstig Geld leihen können
– Unternehmen in Italien und Spanien haben es schwer, Kredite zu erhalten
– Deutsche Unternehmen profitieren im Vergleich am meisten von der EZB-Geldpolitik

Die Nullzins-Politik der Europäischen Zentralbank

Mit der der Nullzins-Politik soll die EZB dafür sorgen, dass sich Unternehmen günstig Geld bei Banken leihen können. Doch in Ländern wie Italien und Spanien sinkt die Zahl der Kredite. In Deutschland hingegen, stellen Banken Unternehmen quasi unbegrenzt Kredite zur Verfügung. Was kann die EZB noch unternehmen, um den Südländern aus dem Tal zu helfen? Plusminus fragt nach.

Kreditklemme – vor allem in Italien

Die Europäische Zentralbank in Frankfurt hält seit Jahren die Zinsen bei null Prozent. Eigentlich soll das billige Geld die Wirtschaft im gesamten Euroraum in Schwung bringen. Das klappt aber nur, wenn Banken das Geld als Kredite auch an Unternehmen weitergeben. Italiens Banken stecken aber selbst noch immer in großen Schwierigkeiten. In ihren Bilanzen schlummern viele sogenannte "Faule Kredite", bei denen fraglich ist, ob die Unternehmen das Geld jemals zurückzahlen können. 

Italienische Banken haben viele "Faule Kredite" in ihren Büchern

"Faule Kredite" der Banken im Ländervergleich
"Faule Kredite" der Banken im Ländervergleich | Bild: Das Erste

Der Chef-Volkswirt der EZB Peter Praet sieht keine Schuld der Zentralbank für die Kreditklemme in Italien – im Gegenteil: "Die Banken sind vorsichtiger. Früher haben sie zu viele faule Kredite vergeben. Aber die Kreditbedingungen sind heute sehr gut, dank der EZB-Politik." Doch wie schlecht es um die Institute in Italien steht, ist offensichtlich. Italienische Banken haben 7,8 Prozent fauler Kredite in ihren Büchern. In Spanien, einem anderen Euro-Krisenland, sind es mit 3,5 Prozent weniger als halb so viele. In Deutschland sind nur 1,4 Prozent aller Kredite ausfallgefährdet. Für Professor Timo Wollmershäuser vom Münchner ifo-Institut ist klar, warum die Banken in so einer Lage auf der Kreditbremse stehen: "Wenn die Kredite ausfallen, drückt das auf das Eigenkapital. Das bedeutet Verluste für die Banken, denn die Eigenkapitalquote sinkt. Die Banken müssen natürlich dafür sorgen ihre Eigenkapitalquote stabil zu halten. Das können sie erreichen, indem sie den Anteil an Krediten, den sie vergeben, reduzieren." Das Ergebnis: Die Banken sind zurückhaltend bei der Kreditvergabe.

Deutsche Unternehmen kommen leicht an Geld für Investitionen

Komplett anders sieht die Situation in Deutschland aus. Ein Beispiel dafür ist die Armaturenfabrik Christian Bollin nahe Frankfurt. Das Familienunternehmen produziert Spezialventile für die Industrie. Als der Weltmarktführer drei Millionen Euro für den neuen Firmensitz braucht, überboten sich die Banken mit Angeboten. Firmen-Chef Bernd Flade ist sich sicher, dass sich daran auch in Zukunft nichts ändern wird: "Für die neuen Maschinen-Investitionen, die geplant sind, sehe ich überhaupt kein Problem. Ich bin sicher, dass wir auch da von den Banken wieder fair behandelt werden."

Im Vergleich zu Italien sind deutsche Unternehmen besser auf den weltweiten Wettbewerb eingestellt. Die Banken vergeben in Deutschland gerne Kredite, um weiteres Wachstum zu finanzieren. "Den Banken in Deutschland geht es sehr gut. Die Europäische Zentralbank gibt ihnen diese Liquidität und sie suchen händeringend nach Abnehmern", erklärt Professor Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut.

Neue Kredite im Ländervergleich
Neue Kredite im Ländervergleich | Bild: Das Erste

Das zeigt der Ländervergleich: Seit dem Jahr 2013 legt die Kreditvergabe in Deutschland in fast jedem Quartal zu. Dagegen dümpelt in Italien und Spanien das Neugeschäft seit Jahren vor sich hin.

Im Jahr 2018 sind die Kredite an kleinere Unternehmen in Spanien um sieben Prozent geschrumpft

In Madrid besucht Plusminus das "Theatros Luchana". Aus dem ältesten Multiplex-Kino der Stadt ist ein Theater geworden. Eine Million Euro brauchten die Gründer um Ventura Gil für den Umbau und hatten große Probleme bei den Banken einen Kredit zu bekommen. "Wir haben über ein Jahr nach der Finanzierung gesucht. Das war ein sehr schwieriger Weg. Die Banken hatten zwar verfügbares Kapital aber sie haben es nicht weitergegeben, weil sie bei der Risikobewertung so strenge Kriterien angelegt haben", sagt Gilfür.

So etwas erleben spanische Unternehmen häufig. In einer der angesehensten Wirtschaftsuniversitäten Spaniens treffen wir Professor Javier. In verschiedenen Branchen kommen die Firmen nicht an das billige Geld der EZB. "Im Jahr 2018 sind die Kredite an kleinere Unternehmen um sieben Prozent geschrumpft. Viel Geld der EZB geht also nicht in den privaten Bereich sondern an den Staat", erklärt der Professor der EAE Business School Madrid.

So steigt die Staatsverschuldung statt der Kreditvergabe an Unternehmen. Die Theatergründer haben letztlich über eine spezielle Agentur doch noch das Geld bekommen. Geld aus anderen Quellen statt von der Bank – das hält die Europäische Zentralbank in Frankfurt sogar für vorbildlich: "Risikokapital kommt nicht von Banken. Banken vergeben traditionelle Kredite. Geld für Gründungen holt man sich am Kapitalmarkt", meint EZB-Chefvolkswirt Peter Praet.

In Spanien hilft das Geld der EZB den Unternehmen nicht so stark wie erhofft aber der Trend geht in die richtige Richtung. Die Wirtschaft wächst und neue Jobs entstehen – mit positiven Folgen für den Arbeitsmarkt.

Arbeitslosenquote in Spanien sinkt

Die Arbeitslosenquote im Ländervergleich
Die Arbeitslosenquote im Ländervergleich | Bild: Das Erste

Die Arbeitslosenquote in Spanien sinkt von 26 Prozent zum Höhepunkt der Krise im Jahr 2013, auf 15 Prozent im Jahr 2018. Im selben Zeitraum ging die Arbeitslosenquote in Italien nur leicht zurück. In Deutschland sank die Quote von 5,2 Prozent auf 3,4 Prozent. Im Vergleich steht Spanien immer noch schlecht da. "Man kann sich darüber beklagen, dass die Erwerbstätigkeit nicht schnell genug steigt und die Arbeitslosigkeit nicht schnell genug sinkt. Aber die gute Konjunktur sieht man auch am spanischen Arbeitsmarkt. Insofern kommt die Niedrigzinspolitik auch bei den spanischen Haushalten an", meint Professor Timo Wollmershäuser vom ifo-Institut.

Das Plusmins-Fazit: Die Geldpolitik der EZB wirkt. Aber nicht überall – wie der Blick nach Italien zeigt. Nicht so schnell – wie man am Beispiel Spaniens sieht. Am meisten profitieren von der EZB-Geldpolitik die Unternehmen in Deutschland.  

Ein Beitrag von Steffen Clement und Michael Houben
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 29.05.2019 23:36 Uhr

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