SENDETERMIN Mi, 04.09.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Wie die Deutschen wegen der EZB-Politik umdenken müssen

PlayWie geht die Zinspolitik der EZB weiter?
Wie die Deutschen wegen der EZB-Politik umdenken müssen | Video verfügbar bis 04.09.2020 | Bild: Das Erste

- Seit rund zehn Jahren sind die Zinsen auf einem Rekordtief bei fast null Prozent.
- Kreditnehmer profitieren von den niedrigen Zinsen, zum Beispiel beim Hausbau.
- Die Zinsen werden vermutlich noch jahrelang so niedrig bleiben.
- Sparer bekommen auf ihr Geld fast keine Zinsen mehr.
- Mit dem Zinsgeschäft bricht auch die Haupteinnahmequelle der Banken weg.
- Die Deutschen müssen deshalb umdenken und ihr Sparverhalten ändern.

Fast zehn Jahre dauert die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) schon an. Auch mit der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde werden die Zinsen in Europa wohl nicht steigen. Welche Folgen das für Sparer, Immobilienbesitzer oder Banken hat, zeigt "Plusminus".

Minizinsen: für Kreditnehmer von Vorteil

Familie Payer lebt in Gießen und lernt gerade mit dauerhaften Minizinsen zu leben. "Für mich als Kreditnehmer ist das eine freudige Nachricht. Als Sparer trifft es mich ins Mark und erschüttert mich schon", erzält der Familienvater. Die Niedrigzins-Phase wird zum Dauerzustand und wohl noch extremer. Das glaubt auch Professor Andreas Hackethal, Finanzexperte an der Goethe-Universität Frankfurt: "Dass die Zinsen steigen, ist sehr unwahrscheinlich. Dass sie aber weiter fallen, ist sehr wohl möglich."

Deutsche-Bank-Chef Christian Sewing äußerte am 4. September 2019 auf einer Bankentagung in Frankfurt scharfe Kritik an der Zinspolitik der EZB:
"Langfristig ruinieren diese Niedrigzinsen das Finanzsystem."

Gesamtwirtschaftlich werde eine weitere Zinssenkung auf dem aktuellen Niveau verpuffen und werde lediglich die Vermögenspreise weiter in die Höhe treiben. Die Sparer und die Bankenbranche würden so weiter belastet.

Hauskredite sind zurzeit günstig

Zinsen für Hauskredite in Vergleich vom Jahr 2007 zum Jahr 2019
Zinsen für Hauskredite in Vergleich vom Jahr 2007 zum Jahr 2019 | Bild: Das Erste

In zwei Jahren braucht die Familie Payer eine Anschlussfinanzierung für ihren Hauskredit. Das sorgt nun nicht mehr für schlaflose Nächte: "Bei meinen Eltern war es so, dass sie schon in ziemlich grausiger Erwartung vor steigenden Zinsen waren. Ich kann mich eigentlich bequem zurücklehnen und die Sache auf mich zukommen lassen". Völlig zu Recht, denn beim Hauskauf im Jahr 2007 lag der Kreditzins bei 5,1 Prozent, nun liegt er nur noch bei 0,5 Prozent. Bei 100.000 Euro Kreditsumme ist das eine Ersparnis von 26.300 Euro in zehn Jahren. Insgesamt haben die Deutschen so seit dem Jahr 2010 schon 237 Milliarden Euro Zinsen gespart, das hat die DZ Bank für "Plusminus" berechnet.

Zu viel Erspartes trifft auf zu wenig Kreditnachfrage

Dankesbriefe dafür sind bei der EZB in Frankfurt aber nicht eingegangen. EZB-Chef Mario Draghi wird immer noch heftig kritisiert, dass er die Zinsen abgeschafft hat. Doch auch ein EZB-Präsident kann nur wenig dafür, dass viel zu viel Erspartes auf zu wenig Kreditnachfrage trifft. Sinkende Zinsen sind die Folge. Für ein differenziertes Urteil plädiert daher Finanzexperte Andreas Hackethal von der Frankfurter Goethe-Universität. Für die Minizinsen sieht er mehrere Gründe. Es gebe zu viel Ersparnisse, die die Zinsen drücken. Dann gebe es zusätzlich gar nicht so viel Nachfrage nach Kapital und zuletzt die Zinspolitik der Zentralbanken, die aber nicht den stärksten Effekt auf die Minizinsen hätten.

Sparer gehen beim Zinsgeschäft fast leer aus

Die Folgen für Sparer sind klar: Sparer bekommen zurzeit fast keine Zinsen mehr. Welchen Stellenwert Sparen einmal hatte, wird klar, wenn man beispielweise in ein Sparbuch des Jahres 1975 blickt. Damals gab es noch ein Zinssatz von 5,5 Prozent. Die nächste Generation muss also umdenken.  

So sieht das auch Familienmutter Katrin Reissner-Payer: "Meine Kinder haben eine ganz andere Vorstellung vom Sparen. Für sie bedeutet das Sparen, Geld zu sammeln. Dass Sparen bedeutet, Zinsen zu bekommen, ist ihnen völlig fremd, weil sie so gar nicht aufgewachsen sind." Bis zu ihrem 18. Geburtstag bekommt Tochter Emma zurzeit gerade einmal 1,20 Euro für 3.000 Euro in vier Jahren, bei einem Zinssatz von aktuell 0,01 Prozent. Im Jahr 2008 gab es zum Vergleich noch 2,1 Prozent Zinsen. Das sind 260 Euro weniger für das Ersparte. Insgesamt haben die Deutschen so 281 Milliarden Euro weniger Zinsen bekommen. Mit der Inflation ist Sparen längst ein Minusgeschäft. Und das wird wohl so bleiben, weiß Finanzexperte Professor Andreas Hackethal. Man müsse den Gedanken aufgeben, dass ein Zinseszins-Effekt entstehe und dadurch ein wirklich größeres Vermögen zustande komme.

Haupteinnahmequelle der Banken bricht weg

Der Vergleich von Spar- und Kreditzins im Zeitraum von 2003 bis 2019
Der Vergleich von Spar- und Kreditzins im Zeitraum von 2003 bis 2019 | Bild: Das Erste

Auch die Banken trifft es hart mit ihrem Zinsgeschäft. Das Prinzip: Sie verlangen höhere Zinsen für Kredite als sie Sparern zahlen. Dieser Zinsabstand ist die Haupteinnahmequelle. Die Zinsen auf dem Sparbuch sind immer weiter gefallen und liegen jetzt fast bei null Prozent. Viel stärker sind aber die Kreditzinsen abgestürzt auf aktuell 1,6 Prozent. Das bedeutet: Statt 4,2 Prozent beträgt der Zinsabstand, nur noch 1,6 Prozent.

"Plusminus" ist zu Gast bei einer Sparkasse im mittelhessischen Gelnhausen. In der neuen Zinswelt bleiben Sparkassendirektor Horst Wanik nur zwei Möglichkeiten: "Die eine Perspektive ist die Kosten zu senken. Die andere Perspektive ist die Erträge steigern. Dadurch, dass wir Marktanteile gewinnen und dadurch, dass wir mehr Geldgeschäfte mit unseren Kunden machen. Und dass wir eben für die tollen Dienstleistungen, die wir erbringen, einen höheren Preis verlangen müssen."

Das kostenlose Online-Konto wurde schon vor eineinhalb Jahren abgeschafft und kostet jetzt 3,90 Euro pro Monat. Zugleich müssen alle Banken minus 0,4 Prozent Negativzinsen an die EZB zahlen, wenn sie dort Geld parken. Allein im vergangenen Jahr hat die Kreissparkasse in Gelnhausen so 307.000 Euro Negativzinsen an die EZB bezahlt. Alle Banken in Deutschland zusammengerechnet sogar 2,5 Milliarden Euro. Wenn die EZB den Negativzins für Banken nächste Woche erhöht, steigt der Druck. Dann kämen Minuszinsen für Normalsparer immer näher.    

"Für mich als Sparkässler, der seit 43 Jahren Sparkasse lebt und Sparkasse liebt, hätte ich mir nie vorstellen können, dass wir jemals in so eine Situation kommen können. Dass wir darüber nachdenken müssen, unsere Sparer unter Umständen mit dem Thema eines Verwahr-Entgeltes konfrontieren müssen", klagt Sparkassendirektor Horst Wanik.

Negativzinsen auf Guthaben?

Der Weg zum Minuszins
Der Weg zum Minuszins | Bild: Das Erste

Verwahr-Entgelte, also Negativzinsen auf Guthaben, müssten die Banken eigentlich jetzt schon verlangen. In den Jahren vor der Finanzkrise lag der Zinsabstand bei durchschnittlich 3,4 Prozent. Hätten die Banken diesen lukrativen Zinsabstand beibehalten, hätte es schon ab 2012 gar keine Zinsen für Sparer geben dürfen. Längst müssten die Banken sogar einen Minuszins verlangen, nach diesem Modell von minus 1,8 Prozent. Aber, so weiß Professor Andreas Hackethal von der Goethe-Universität in Frankfurt: "Da möchte niemand der Erste sein. Und deswegen ist die Frage, wie lange es dauern wird, bis sich das durchsetzt. Denn das ist die ökonomische Wahrheit."

Wann diese negativen Zinsen für Normalsparer kommen, in welcher Höhe und ab welchem Guthaben, all das ist genau so unklar wie die rechtliche Zulässigkeit. Denn so etwas gab es noch nie. Bei Lebensversicherungen und Ähnlichem ist klar: 258 Milliarden Euro haben die Deutschen schon verloren.

Zu den Betroffenen gehört auch die Familie Payer. Ihre Lebensversicherung wird zwar erst im Jahr 2035 ausbezahlt, was aber am Ende rauskommt, für die monatlich 100 Euro, wird schon jetzt immer deutlicher: Statt der 4,4 Prozent mit Überschussbeteiligung bleibt nur der Garantiezins von 2,8 Prozent. Das bedeutet 20.200 Euro weniger als erhofft, beim Abschluss im Jahr 2004.

Größter Gewinner ist der Staat

Übersicht zur Bilanz des Niedrigzinses im Zeitraum 2010 bis 2018
Übersicht zur Bilanz des Niedrigzinses im Zeitraum 2010 bis 2018 | Bild: Das Erste

Die Gesamtbilanz ab dem Jahr 2010 für Deutschland: Bei Krediten summiert sich die Ersparnis auf 237 Milliarden Euro. Beim Geldvermögen steht aber ein Verlust von 539 Milliarden Euro. Unter dem Strich ist das ein Minus von 302 Milliarden Euro. Größter Gewinner ist der Staat: 360 Milliarden Euro haben Bund, Länder und Gemeinden an Zinsen gespart.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 05.09.2019 09:40 Uhr

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