SENDETERMIN Mi, 04.09.19 | 21:45 Uhr | Das Erste

Verspäteter Urlaubsflug – Wie die Entschädigungsportale jetzt boomen

PlayEin Flugzeug fliegt der Sonne entgegen
Verspäteter Urlaubsflug – Wie die Entschädigungsportale jetzt boomen | Video verfügbar bis 04.09.2020 | Bild: dpa

– Nach dem Chaos-Sommer 2018 sind auch dieses Jahr tausende Flüge verspätet
– Bei Verspätungen ab drei Stunden steht dem Fluggast eine Entschädigung zu
– Fluglinien versuchen in vielen Fällen Entschädigungsansprüche nicht anzuerkennen
– Verlangen viele Passagiere bei Verspätung eine Entschädigung, ist der Flug ein Minusgeschäft für die Airline
– Fluggastrechteportale im Internet fordern für Fluggäste Entschädigungen ein
– Über 50 Inkassobüros haben sich mittlerweile auf das Eintreiben von Fluggastrechten spezialisiert

Verspätete Flüge sind an der Tagesordnung. Fluglinien versuchen in vielen Fällen Entschädigungsansprüche der Passagiere nicht anzuerkennen. Fluggastrechteportale im Internet helfen, Ansprüche gegen Fluggesellschaften durchsetzen. "Plusminus“ wirft einen Blick hinter die Kulissen der Entschädigungswelle nach den Sommerferien.

50.000 verspätete Flüge im ersten Halbjahr 2019

Anspruch auf Entschädigung
Anspruch auf Entschädigung | Bild: Das Erste

Chaos am Himmel über Deutschland: Im ersten Halbjahr starteten 50.000 Flüge verspätet. Ein Leidtragender ist zum Beispiel Dominik Penke aus Berlin. Sein easyJet-Flug hatte dreieinhalb Stunden Verspätung und landete erst morgens um drei Uhr. Bis August waren am Flughafen Frankfurt fast 4.000 Flüge in Deutschland mehr als drei Stunden verspätet. Weniger als letztes Jahr, aber mehr als in allen Jahren zuvor. Ab drei Stunden Verspätung gibt es allerdings eine Entschädigung. Bei einem Flug bis zu 1.500 Flugkilometern 250 Euro, bis 3.500 Kilometern 400 Euro und ab 3.500 Kilometer 600 Euro. Die Voraussetzung ist, dass die Fluggesellschaft schuld ist - und zahlt. Doch das ist nicht immer der Fall: "Die Airline hat meinen Anspruch abgelehnt. Sie haben es mit einer Betriebsversammlung begründet, das sei höhere Gewalt", beklagt sich der Flugreisende Dominik Penke.

Airlines versuchen Entschädigungsansprüche abzuwehren

Pionier der Fluggastrechte ist Ronald Schmid, Anwalt und Professor für Luftverkehrsrecht an der TU Darmstadt. Er hört von Klienten oft, dass sich Airlines mit höherer Gewalt rausreden, obwohl die Gründe für Verspätungen selbstverschuldet waren: "Keine Fluggesellschaft ist begeistert, dass Passagiere rechtlich Verbraucherschutz haben. Wer aber in den letzten Jahren besonders auffällt ist easyJet, Ryanair, auch LaudaAir", so der Experte.

"Plusminus" hat sechs Airlines um Stellungnahme gebeten. Drei Fluganbieter haben geantwortet. Zum Beispiel Lufthansa. "Bei der Bewertung von Passagieranfragen ist nicht auszuschließen, dass es in seltenen Einzelfällen einmal zu Fehleinschätzungen kommen kann (...)." Und easyJet schreibt: "easyJet investiert in Systeme, um die Bearbeitung von bis zu 20.000 Entschädigungsforderungen pro Woche (...) zu verbessern." Insgesamt fliegen pro Woche etwa  2.250.000 Flugpassagiere mit easyJet.

Fluggastrechteportale sind auf das Eintreiben von Entschädigungen spezialisiert

Dominik Penke bekam seine Entschädigung trotzdem nicht. Auch wenn Streik ein Grenzfall ist, übertrug er seinen Fall an ein Fluggastrechteportal. Erst als das Fluggastportal für ihn tätig wurde, zahlte die Airline 250 Euro Entschädigung. Davon erhielt er aber nur 175 Euro, die restlichen 75 Euro gingen als Provision an das Rechteportal. So finanziert sich der neue Wirtschaftszweig, der seit dem Jahr 2010 wächst und boomt: Über 50 Inkassobüros, wie Flightright in Berlin, haben sich auf das Eintreiben von Fluggastrechten spezialisiert. Flightright ist Marktführer in Deutschland und hat schon 250 Millionen Euro an Entschädigungen eingetrieben. Alexander Weishaupt arbeitet dort als Jurist. Viele seiner Kunden hätten es trotz Anspruch zuerst auf eigene Faust versucht aber ohne Erfolg: "Wir gehen davon aus, dass es um rein finanzielle Interessen geht, weil der Flugmarkt einfach heftig umkämpft ist. Die Entschädigungen der Fluggastverordnung kann einfach eine hohe finanzielle Belastung sein."

Kosten der Fluglinien bei Entschädigung
Kosten der Fluglinien bei Entschädigung | Bild: Das Erste

"Plusminus" rechnet nach: Bei einem verspäteten Flug auf die Kanaren, mit 200 Fluggästen, müsste die Airline eine Entschädigung von 80.000 Euro zahlen. Ein Flug nach New York, mit 500 Passagieren, würde die Airline 300.000 Euro kosten. Dazu kommt, dass je billiger der Flug ist, desto größer das Minusgeschäft für die Airlines ausfällt. "Wenn ich wenig verdiene, bin ich natürlich wenig bereit, von dem Wenigen noch etwas abzugeben. Nur man muss dann auch mal fragen: Wer muss denn für 39 Euro Leute nach Mallorca befördern?", fragt Anwalt und Professor für Luftverkehrsrecht Ronald Schmid.

Der harte Preiskampf, ein voller Himmel – Chaos und Verspätungen – all das wird es weiter geben. Für die Fluggastportale ein lukratives Geschäft. Solange Kunden ihren Anspruch nicht alleine durchsetzen können, wird der Boom der Portale weitergehen.

Ein Beitrag von Katrin Wegner
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 05.09.2019 09:47 Uhr

0 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.