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Vorsicht, Geldanlage! – Wie die eigentlich sicheren ETFs jetzt gefährlich werden

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Vorsicht, Geldanlage! – Wie die eigentlich sicheren ETFs jetzt gefährlich werden | Video verfügbar bis 26.09.2019 | Bild: dpa / Frank Rumpenhorst

- ETF ist ein börsengehandelter Fond (englisch exchange-traded fund)
- Banken werben mit ETF-Produkten bei Anlegern
- Nicht alle Anbieter infomieren ausreichend über die Gefahren von sythetischen ETFs
- Synthetische ETFs sind in den USA verboten

Die nächste Finanzkrise kommt bestimmt, sagen Experten. Und dann sieht es für das Modeprodukt der heutigen Geldanlage zum Teil gar nicht gut aus: Börsengehandelte Fonds namens ETFs. "Plusminus" zeigt, welche Gefahren mit "synthetischen" ETFs einhergehen und wie man sie erkennen kann.

Zehn Jahre nach der Lehmann-Pleite und der danach folgenden Euro-Krise haben Sparer schon länger nichts mehr zu lachen: Die Zinsen sind niedriger als die Inflation. Wer Geld für das Alter zurücklegen will, muss mit Wertverlust rechnen. Wer dagegen in Aktien investiert, konnte sich in den letzen Jahren über große Kursgewinne freuen.

ETF – am Boom der Börsen teilhaben?

Passend dazu, machen Banken zunehmend Angebote, mit denen auch kleine, private Anleger am Boom der Börsen teilhaben können – ohne das Risiko beim Aktienkauf die falschen zu erwischen. Mit überschaubarem Risiko, scheinbar ganz einfach. Das Modewort heißt ETF – das sind börsengehandelte Fonds. Weltweit fließt immer mehr Geld in diese neuartige Geldanlage, auch immer mehr Geld von Privatanlegern. Doch Vorsicht! ETFs sind nicht gleich ETFs – da gibt es einige, sogenannte synthetische – bei denen der Anleger im Krisenfall durchaus wieder im Regen stehen kann.

Gerade die Postbank hat einige der gefährlicheren ETFs im Angebot. "Plusminus" macht deshalb eine Stichprobe in einer der Filialen. Weisen uns deren Berater auf die höheren Risiken der "synthetischen" ETFs hin? Wir fragen, ob die Anlageform sicher sei. Der Berater antwortet, dass diese sicher seien. Soweit man Aktien halt als sicher bezeichnen könne.

Tatsächlich ist das aber falsch. Ein anderer Berater antwortet auf die gleiche Frage völlig anders. Der Berater warnt vor den synthetischen ETFs. Wenn er die Wahl hätte, würde er diese nicht kaufen. Zwei Beratungen in derselben Bank, mit zwei völlig verschiedene Ergebnissen. Wie kann das sein? Klar ist: Wer heute Geld anlegen will, kommt an ETFs nicht vorbei. Die Commerzbank bezeichnet ETFs als "Superheld". Die Postbank verspricht: Das Sparschwein sei zurück.

Was sind ETFs überhaupt?

ETFs sind Fonds, die viele Aktien oder andere Wertpapiere kaufen und sammeln. Und zwar immer präzise genau die Aktien, die in einem bestimmten Aktienindex vorhanden sind. Angeboten werden ETFs, die den deutschen Dax nachbilden, den europäischen Index "Euro Stoxx" oder sogar weltweite Indizes, wie MSCI. Auf den Postbank-Seiten sieht man, dass diese in den letzten Jahren massive Gewinne gemacht haben.

Vorsicht vor "synthetischen ETFs"

Eine Kaderschmiede für Banker ist die "Frankfurt-School of Finance". Sie wird von der Bankenwirtschaft getragen. Trotzdem warnt einer ihrer Professoren vor genau den synthetischen ETFs. Denn in denen stecke nicht das, was drauf steht. Professor Martin Faust von der Frankfurt School of Finance and Management erklärt das so: "Der Anleger investiert in einen Dax-ETF. Das Geld aber wird nicht in Dax-Werte investiert, sondern zum Beispiel in exotische Aktien. Die Bank verspricht dem Anleger aber, die Wertentwicklung des Dax auszuzahlen. Die Gefahr besteht jetzt darin, dass die Bank das Versprechen nicht einhalten kann."

Ein Beispiel: Ein ETF, der eigentlich europäische Aktien des Euro Stoxx enthalten soll, wird dann synthetisch, wenn er die gar nicht kauft – sondern tatsächlich ganz andere Wertpapiere – zum Beispiel aus Entwicklungsländern. Nun kommt ein zusätzlicher Vertragspartner hinzu, meist eine Bank – mit einem sogenannten "Swap"-Geschäft. Das heißt: "Wenn der Euro Stoxx steigt, die aber tatsächlich im ETF liegenden exotischen Aktien fallen, muss der Swap-Partner das ausgleichen. Die große Frage ist aber, ob der im Krisenfall tatsächlich noch zahlen kann", so Experte Martin Faust.

Übersicht: Synthetische / nicht-synthetische ETFs.
Übersicht: Synthetische / nicht-synthetische ETFs. | Bild: Das Erste

Käufer erfährt häufig nichts über die Gefahren

Nach "Plusminus"-Recherchen sind etwa ein Viertel der in Deutschland angebotenen ETFs synthetisch – also potentiell gefährlich. Aber das erfährt ein Käufer nicht immer, so wie in unserer Stichprobe. Der erste Postbank-Mitarbeiter klärte zwar ordnungsgemäß, ob wir vom "Risikoprofil" her überhaupt für Anlagen in Aktien "geeignet" seien. Er erklärt auch, dass wir ETFs auf eigenes Risiko kaufen müssten. Aber auf die Frage, ob in ETFs wirklich immer das drin stecke, was drauf steht, antwortete der Berater ganz eindeutig, dass das sicher sei. Dass immer das im ETF drinstecke, was draufstehe, und dass man da schon sicher sein könne. Genau das ist eindeutig falsch und kann für den "Otto-Normal-Anleger" gefährlich sein.

Online preist die Postbank vier angebliche TOP-ETFs für ihren Sparplan. Aber zwei davon sind synthetisch. Sie enthalten also nicht die Aktien die drauf stehen. Die Postbank erklärt dazu schriftlich, dass ETF grundsätzlich nur ohne konkrete Beratung und auf Risiko des Kunden verkauft würden. "Zu jedem ETF findet der Kunde das gesetzlich vorgeschriebene Produktinformationsblatt. Dieses enthält auch die Information darüber, dass der Index synthetisch nachgebildet wird." Allerdings wirbt die Postbank nicht nur für ETFs, sie präsentiert zu jedem ETF umfangreiche Informationen – und das ohne jeden Hinweis auf irgendetwas "synthetisches". Erst mit einem Link zum Informationsblatt der Fondsgesellschaft findet man einen kleinen Hinweis.

Swap-Geschäfte der Banken können für Anleger zum Fiasko werden

 Wenn ein Swap-Geber pleitegeht, kommt es zu Problemen.
Wenn ein Swap-Geber pleitegeht, kommt es zu Problemen. | Bild: Das Erste

Dabei können die sogenannten Swap-Geschäfte der Banken für Anleger zum Fiasko werden. "Das Risiko ist bei normalen Marktentwicklungen nicht da. Sollten wir extreme Marktentwicklungen haben – wie zum Beispiel vor zehn Jahren, wo eine große Investmentbank wie Lehmann-Brohers pleitetegegangen ist, kann es natürlich zu Schwierigkeiten kommen. Das heißt, eine einzelne Bank könnte ausfallen. Auch Versicherungen sind damals ausgefallen und konnten ihren Verpflichtungen nicht mehr nachkommen", so Finanz-Experte Faust.

Und tatsächlich, bei einem zweiten Besuch, in einer anderen Postbank-Filiale bestätigt ihr Mitarbeiter eindeutig, dass da eine Gefahr lauert: "Wenn der Swap-Geber, eine Bank oder ein großes Handelshaus pleitegeht, dann könnte das schwierig werden. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich immer einen ETF nehmen, der die Aktien wirklich kauft."

Natürlich verkauft nicht nur die Postbank synthetische ETFs, eine ganze Reihe davon finden wir auch bei der ING-DIBA. Allerdings wird dort zumindest erklärt, was synthetische ETFs sind – wenn auch ohne deren spezielles Risiko explizit zu erwähnen. Noch etwas fällt auf: Unter den Gesellschaften, die ETFs auf den Markt bringen, gibt es aktuell sieben Marktführer. Vier davon haben einen hohen Anteil an synthetischen ETFs, sie sind Töchter großer europäischer Banken. Die anderen drei führen praktisch nur ETFs, bei denen die Aktien wirklich gekauft werden. Sie stammen aus der Schweiz und den USA.

US-Wertpapieraufsicht hat synthetische ETFs in den USA verboten

Dass ausgerechnet amerikanische Firmen keine synthetischen ETFs anbieten, hat einen Grund: Die amerikanische Wertpapieraufsicht hat synthetische ETFs in den USA verboten. Aus einem einfachen Grund: Wenn – wie 2008 – wieder eine große Bankenkrise kommt, können synthetische ETFs nicht nur für Anleger riskant werden. Eine neue Bankenkrise – und Experten sind sich einig, dass eine neue kommen wird – könnte wegen der rasant gewachsenen Menge von ETF weiter angeheizt werden.

Professor Martin Faust von der "Frankfurt School of  Finance and Management" warnt: "Synthetische ETFs können dazu führen, dass zum Beispiel einzelne Swap-Partner ausfallen. Das wiederum führt dazu, dass deren Kontrahenten auch wieder Probleme bekommen. Es entsteht eine Kette von Verpflichtungen, die nicht mehr erfüllt werden können – wie Dominosteine, die nacheinander kippen."

Mit ETFs können Kleinanleger vom Boom an den Börsen profitieren. Aber: Augen auf! Die riskanten Swap-Geschäfte bei synthetischen ETFs – die kann und sollte – der Normal-Anleger meiden.

Ein Beitrag von Michael Houben
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 27.09.2018 11:30 Uhr

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