SENDETERMIN Mi, 19.12.18 | 21:45 Uhr | Das Erste

"Kerninflation" – Warum Guthaben schwinden und Zinsen nicht steigen

PlayDie Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) in der Kritik.
"Kerninflation“ – Warum Guthaben schwinden und Zinsen nicht steigen | Video verfügbar bis 19.12.2019 | Bild: dpa / Boris Roessler

– EZB hat den Auftrag für Preisstabilität zu sorgen
– EZB orientiert sich bei der Geldpolitik an der "Kerninflation": einer Kennzahl ohne die Preissteigerung von Öl und Lebensmitteln
– Möglicher Zinsanstieg frühestens ab Mitte des Jahres 2019
– Wirtschaft in Deutschland kühlt aber ab, in einer Rezession werden wohl keine Zinsen steigen
– Auf Erspartes gibt es auf längere Sicht keine Rendite

Die EZB bleibt bei ihrer lockeren Geldpolitik: Die sogenannte Kerninflation – die Preissteigerung ohne Öl und Lebensmittel – sei zu niedrig. Frühestens Mitte des Jahres 2019 könnten die Zinsen steigen. Doch das wird immer unwahrscheinlicher. Viel spricht dafür, dass der Wirtschaftsboom vorbei ist. Ein Blick auf die Finanzpolitik.

Kerninflation
Kerninflation | Bild: Das Erste

Die Europäische Zentralbank hat den Auftrag für Preisstabilität zu sorgen. Die Bank will auf jeden Fall Deflation – eine Abwertung des Geldes – vermeiden. Knapp unter zwei Prozent Inflation will der Präsident der EZB Mario Drathi deshalb erreichen. Doch die haben wir nun schon seit letztem Frühjahr und das reicht der EZB offensichtlich nicht. So erklärt Christiane Nickel, EZB Abteilungsleiterin des Ressorts Inflation, dass der momentane Inflationsanstieg vor allen Dingen von vorübergehenden Effekten der Ölpreise getrieben werde. Das bedeute letztendlich, dass man mehr Geduld bei der Ausführung bei der Geldpolitik brauche.

Leitzins weiter auf null Prozent

Die EZB hat bislang nicht nur den Leitzins auf null Prozent gesetzt, sondern auch in großem Stil Anleihen aufgekauft. Auch damit sollte die Geldmenge erhöht und die Inflation angeheizt werden. Das Anleihenkauf-Programm endet nun zum Jahresende. Doch höhere Zinsen soll es bis weit ins nächste Jahr nicht geben.

Volker Wieland, einer der "fünf Wirtschaftsweisen" in Deutschland, gehört zur wachsenden Zahl der Kritiker an der Geldpolitik der Europäischen Zentralbank. Nach seiner Meinung habe die EZB schon recht lange gewartet, und hätte eigentlich –  ähnlich wie in den USA – früher starten können, diese sehr krisenorientierte Politik zu beenden. Denn in den USA hätte man jetzt einen Zins von zwei bis zweieinhalb Prozent. Das heißt, die EZB könnte heute auch schon deutlich im positiven Bereich sein.

Vorsorgen für das Alter wird ohne Zinsen schwer

Kerninflation
Kerninflation | Bild: Das Erste

Die Zeche zahlen die Verbraucher. Vorsorgen für das Alter wird ohne Zinsen schwer und auch Lebensmittelpreise steigen gefühlt mehr als zwei Prozent. Die EZB jedoch verweist auf die sogenannte Kerninflation. Diese Inflation wird ohne Preise für Energie und Lebensmittel berechnet. Die offizielle Inflation, der Verbraucherpreisindex, liegt schon seit Ende 2017 teilweise über zwei Prozent. Nur die Kerninflation – ohne Energie und Lebensmittel – dümpelt bei rund einem Prozent vor sich hin.

Thomas Mayer, lange Jahre Chef-Volkswirt der Deutschen Bank, hält den Verweis auf diese Kerninflation für vorgeschoben. Er habe den Eindruck, dass die EZB sich an der Inflation orientiere, die zu ihrer Geldpolitik passe. Vor einiger Zeit sei es die allgemeine, sehr niedrige Inflation gewesen, die der Bank erlaubte eine sehr expansive Geldpolitik zu begründen. Jetzt sei die allgemeine Inflation hoch, beziehungsweise sogar höher. Eigentlich könne man die Geldpolitik jetzt wieder straffen. Das wolle man aber nicht. Deshalb orientiere man sich an der Kerninflation, die deutlich niedriger ist.

EZB orientiert sich an der "Kerninflation"

Niedrige Kerninflation als Begründung, den Sparern Zinsen auf ihr Erspartes zu verwehren? Ärgerlich für alle, die besonders die Dinge brauchen, die in der Kerninflation nicht erfasst werden: Lebensmittel und Produkte des täglichen Lebens, wie Gas und Strom.

Trotzdem verweist die EZB auf Inflation ohne Energie und Nahrung. – Aber warum? Die EZB-Abteilungsleiterin Christiane Nickel erklärt: "Wir schauen uns die Kerninflation an, weil sie uns etwas über den langfristigen Trend der Verbraucherpreise sagt. Da sehen wir eben, dass der Preisdruck, den wir sehen möchten, noch nicht vorhanden ist."

Kerninflation und Zinsen der EZB
Kerninflation und Zinsen der EZB | Bild: Das Erste

Der "Wirtschaftsweise" Professor Volker Wieland, der an der Goethe-Universität in Frankfurt lehrt, entgegnet, dass man bei der Inflation schon vor drei bis vier Jahren, in der Nähe von einem Prozent gewesen sei. "Da müsste man sich fragen, ob es wirklich notwendig war, Ende des Jahres 2014, den Zins in den negativen Bereich zu setzen und die Anlagekäufe so aufzubauen. Denn bei der Kerninflation ist ja nicht so viel passiert." Noch etwas ist an der Argumentation der EZB merkwürdig. Wenn man die Entwicklung der Kerninflation und gleichzeitig die Leitzinsen der EZB betrachtet, dann sieht es nicht so aus, als ob Zinssenkungen jemals für höhere Kerninflation gesorgt hätten.

Thomas Mayer vom Flossbach von Storch Research Institut meint, dass das Geld, das die EZB über die Banken erzeugt, woanders hinfließe – nämlich in die Vermögenswerte. Immobilienpreise seien stark gestiegen auch Aktien hätten bis vor kurzem eine tolle Rallye hingelegt und auch der Goldpreis steige. "Aber nicht der Index, auf den die EZB schaut."

EZB: "Geldpolitik wirkt mit zeitlicher Verzögerung"

Wenn die Zinspolitik der EZB aber anscheinend nicht zur gewünschten Inflation führt, warum hält sie dann die Zinsen immer noch länger bei null Prozent? "Unsere Geldpolitik wirkt. Sie wirkt allerdings mit zeitlicher Verzögerung. In der Regel sieht man zuerst die Wirkung der Geldpolitik bei den Banken und Finanzmärkten. Dann setzt sich das langsam erst fort – und das braucht eben einfach Zeit." erklärt die EZB Abteilungsleiterin Christiane Nickel.

Was wird aus den Zinsen?
Was wird aus den Zinsen? | Bild: Das Erste

Aber wie viel Zeit will sie sich noch nehmen? Die EZB will die europäische Wirtschaft ankurbeln – doch das jahrelange Wachstum in Deutschland kommt gerade gehörig ins Stottern. Das merkt zum Beispiel die fränkische Zollner AG. Das Unternehmen produziert mit 11.000 Mitarbeitern Leiterplatten für viele Branchen, von Automobil- über Flugzeug- und Maschinenbau. "Wenn ich jetzt die Gespräche mit unseren Kunden, aber auch mit anderen Geschäftspartnern der letzten Monate betrachte, dann muss ich leider feststellen, dass die Auftragslage schlechter wird. Die Aufträge gehen zurück – und das nicht nur bezogen auf eine Branche, sondern wirklich über alle Branchen ist ein klarer Trend nach unten spürbar", mahnt Johann Weber von der Zollner AG.

Zinserhöhung vorerst nicht in Sicht

Weniger Aufträge in allen Branchen. Die Wirtschaft kühlt ab. Wirtschaftsinstitute senken die Prognosen, die Börsenkurse fallen. Können Sparer überhaupt noch auf steigende Zinsen hoffen? "Ich fürchte, dass die EZB auf absehbare Zeit, die Zinsen nicht erhöhen können wird, weil die Konjunktur schon so schwach ist, dass es bei Zinserhöhungen womöglich zu einer Rezession führen würde", sagt Thomas Mayer vom Flossbach von Storch Research Intitut.

Mit Rezession wäre die Hoffnung auf steigende Zinsen endgültig vorbei. Ohne Zins, trotz steigender Preise, bleiben normale Sparer die großen Verlierer.

Ein Beitrag von Michael Houben
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 20.12.2018 09:19 Uhr

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