SENDETERMIN Do, 20.12.18 | 05:00 Uhr | Das Erste

"Reshoring“ – Wieso Arbeitsplätze nach Deutschland zurückkommen

PlayNeuer Trend: "Industrie 4.0"
"Re-Shoring“ – Wieso Arbeitsplätze nach Deutschland zurückkommen | Video verfügbar bis 19.12.2019 | Bild: dpa / Ole Spata

– Digitale Produktionsverfahren ersetzen teure Handarbeit
– Weniger Unternehmen verlagern ihre Produktion ins Ausland
– "Reshoring": Rückverlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen nach Deutschland
– Einstige Billiglohn-Länder wie China werden immer teurer
–"Made in Germany" wird wieder attraktiver für Unternehmen
– "Individualisierte Massenfertigung" braucht Kundennähe

Die digital-vernetzte Welt der "Industrie 4.0"

In der Industrie beginnt ein neuer Trend: Statt immer mehr Arbeitsplätze nach Fernost zu verlagern, bleiben immer öfter Unternehmen in Deutschland oder kommen sogar zurück. Die "Industrie 4.0" sorgt dafür, dass auch hier die Lohnstückkosten rentabel bleiben und "Made in Germany" für Unternehmen wieder attraktiv wird.

Erst nach China, jetzt aber zurück nach Deutschland. Im hessischen Odenwald, am Stammsitz von Rowenta, hat sich der Wind komplett gedreht. Maschinen-Einrichter Johann Ens hat das ganz persönlich miterlebt. Seit Jahresanfang arbeitet er wieder für dieselbe Firma, die ihn vor 13 Jahren auf die Straße setzte. "Ein Teil der Mitarbeiter wurde damals entlassen und ich war auch dabei. Aber dadurch, dass jetzt wieder hier produziert wird, bin ich wieder bei Rowenta. Und darüber bin ich sehr froh."

Teure Handarbeit wird durch vernetzte Produktionsverfahren ersetzt

Damals ging fast die Hälfte der 500 Arbeitsplätze ins Ausland verloren. Jetzt gibt es 15 Neueinstellungen. Wie ist das möglich? "Industrie 4.0" ist das Zauberwort, die effiziente Produktionsweise der Zukunft. Die Produktion im Werk ist jetzt mit technischen Helfern digital vernetzt, die punktgenau und selbständig zuarbeiten. Noch vor kurzem war das teure Handarbeit. So aber lässt Rowenta-Chef Jochen Weber inzwischen 20 Prozent mehr Teile in Deutschland produzieren. "Reshoring" heißt das in der Fachsprache, die Rückverlagerung von Produktion und Arbeitsplätzen nach Deutschland. Auch Adidas fertigt wieder hier, nach zwei Jahrzehnten ausschließlich in Fernost. Auch das Unternehmen Gigaset. Nach dem Nokia-Aus im Jahr 2008 werden erstmals Smartphones in Deutschland produziert. Genau diesen Weg gehen inzwischen rund 500 Firmen jedes Jahr.

"Reshoring" – Unternehmen holen ihre Produktion zurück nach Deutschland

Professor Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe forscht seit 20 Jahren über Standort-Verlagerungen. Er sieht inzwischen ein zentrales Motiv für die Rückverlagerung. "Heute eröffnen sich neue Möglichkeiten durch die neuen Technologien, wie digitale Vernetzung, die Industrie 4.0. Das führt dazu, dass Unternehmen wieder vermehrt ihre Produktion nach Deutschland zurückholen."

"Made in Germany" wird wieder attraktiv
"Made in Germany" wird wieder attraktiv | Bild: Das Erste

Bei Märklin kam sogar erst nach der Insolvenz die Rolle rückwärts. Vor zehn Jahren ist der Modellbauer nach Ungarn und China geflohen – wegen des Lohnunterschieds. Jetzt die Rückkehr aus China an den Stammsitz Göppingen. Denn zwei Dinge haben sich verändert: Erstens werden einstige Billiglohn-Länder immer teurer. In China zum Beispiel steigen seit langem die Löhne um rund zehn Prozent, Jahr für Jahr.

Zweitens wird auch hier viel effizienter produziert: ein Industrieroboter schleift alleine. Früher war das teure Handarbeit. In China ist das heute noch so. Daher sieht Märklin-Chef Wolfrad Bächle den deutschen Standort klar im Vorteil. "Wir setzen hier moderne Roboter und CNC-Technologien ein, die wir sehr geschickt verknüpft haben. Dadurch gelingt es mit einem Zehntel an Personal hier am Standort die gleiche Arbeit zu verrichten, die wir bisher aus Fernost bekamen."

Kein Job-Boom bei "einfachen Arbeiten" in der Industrie

So stark kann die Hightech-Produktion Personal und damit Kosten einsparen. Einen Job-Boom bei einfachen Arbeiten kann es da gar nicht geben. Experte für Produktionsverlagerungen Steffen Kinkel von der Hochschule Karlsruhe erklärt warum: "Was ursprünglich ins Ausland verlagert wurde, war sicherlich eine höhere Anzahl an Arbeitsplätzen, wie heutzutage wieder zurückkommen. Das liegt daran, dass die Produktionsprozesse, die hier wieder aufgebaut werden, höher automatisiert sind."

Hightech-Fertigung ist der beste Schutz vor Verlagerung

Das bedeutet auch: Statt ins Ausland zu verlagern, bleiben immer mehr Unternehmen gleich in Deutschland. Zum Beispiel BSH, eine Bosch-Tochter für die Kühlschrankproduktion. Am Standort Giengen in Baden-Württemberg müssen sich die fast 3.000 Mitarbeiter keine Sorgen machen. Die effiziente Hightech-Fertigung ist der beste Schutz vor Verlagerung. Das Unternehmen hat eine vernetzte Produktion: Schneller, effizienter, flexibler – und vor allem günstiger. Jochen Heel, weltweit zuständig für die Kühlschrankproduktion, setzt voll auf die neuen Möglichkeiten. "Wir sind sehr optimistisch, dass wir erst am Anfang dessen stehen, was "Industrie 4.0" uns an Möglichkeiten und Perspektiven bieten wird."

Produktion und Belieferung rücken immer stärker in die Nähe der Kunden

Die Basis für wirklich Revolutionäres ist schon gelegt: Die sogenannte "individualisierte Massenfertigung". Der Kunde kann künftig sein Einzelstück nach eigenen Wünschen zusammenstellen, erst nach der Bestellung wird es produziert. Der deutsche Käufer wird dann nicht zwei Monate warten wollen, bis sein Wunschstück über die Meere geschippert ist. Also wird künftig noch mehr hier produziert. "Dadurch rücken die Produktion und die Belieferung immer stärker in die Nähe der Kunden – für deutsche Kunden nach Europa. Also stärker dort, wo die Kunden sitzen, als dort, wo die Kosten niedrig sind",  ergänzt Professor Steffen Kinkel, von der Hochschule Karlsruhe.

Ob Bügeleisen, Modelleisenbahn oder Kühlschrank. "Made in Germany" wird immer attraktiver. Eine Chance für alle, die sich auf die anspruchsvolleren Jobs der Zukunft einstellen.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 11.09.2019 22:43 Uhr

7 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Do, 20.12.18 | 05:00 Uhr
Das Erste

Mehr zum Thema:

Produktion

Hessischer Rundfunk
für
DasErste