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Vermisst: Die Inflation – Warum die Preise nicht mehr steigen

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Vermisst: Die Inflation – Warum die Preise nicht mehr steigen | Video verfügbar bis 18.12.2020 | Bild: dpa / Nicolas Armer

– Die Teuerungsrate in Deutschland liegt seit Monaten bei gut einem Prozent
– Die "gefühlte Inflation" fällt beim Verbraucher aber sehr hoch aus
– Die Europäische Zentralbank kämpft mit Anleihen-Kaufprogrammen und niedrigen Zinsen gegen zu niedrige Teuerungsraten
– Die Europäische Zentralbank strebt eine Inflationsrate von rund zwei Prozent an
– Die Globalisierung sorgt für niedrige Preise
– Neue EZB-Chefin Christine Lagarde will die Strategie und das Inflationsziel auf den Prüfstand stellen

Preisermittlung im Supermarkt für das Statistische Landesamt.
Preisermittlung im Supermarkt für das Statistische Landesamt. | Bild: ARD

Die verschwundene Inflation: Bei der Europäischen Zentralbank in Frankfurt wird die Preissteigerung schon lange schmerzlich vermisst. Dass es keine Inflation gibt, erlebt die staatliche Preisermittlerin Maxin Bakalo beim Gang durch die Regale vor Weihnachten. Sie hat 460 Produkte im Blick. Die Studentin ist eine von 600 Mitarbeitern in Deutschland, die einmal im Monat, in immer denselben Geschäften, auf die Preisschilder blicken. Sie ist im Auftrag des Statistischen Landesamts in Hessen unterwegs und leitet die ermittelten Preise per Smartphone an die Behörde weiter. In den Statistikämtern errechnen die Experten aus diesen Angaben dann die Preissteigerung - die Inflationsrate. In die Berechnung der Inflationsrate fließen 300.000 Einzelpreise aus ganz Deutschland ein. Im Warenkorb zur Ermittlung der Rate steckt mit 20 Prozent der Anteil der Miete, dann mit 13 Prozent der Anteil der Lebensmittel, gefolgt von den Kosten für Freizeit und Unterhaltung.

Die gefühlte Inflation ist hoch

"Plusminus" macht eine Stichprobe zur "gefühlten Inflation" im Äppelallee-Center Wiesbaden. Die Besucher des Einkaufscenters sollen einschätzen, wie sich zum Beispiel die Preise für die Mandeln zum Plätzchenbacken, Nudeln oder auch die Miete in den vergangen vier Jahren entwickelt haben. Doch alle liegen mit ihrer Einschätzung des Preisanstiegs daneben. Tatsächlich sind Nudeln gegenüber dem Jahr 2015 zwei Prozent billiger geworden. Die Mandeln sogar um 17 Prozent. Die Mieten legten im Schnitt nur um 5,7 Prozent in vier Jahren zu – nicht einmal eineinhalb Prozent pro Jahr.

Die explodierenden Mieten treffen nur eine Minderheit. Statistiker Markus Stahl weiß, warum bei der Mietfrage schnell ein falscher Eindruck entsteht: "Die Mieten steigen sehr stark in Ballungsräumen und Neuvermietungen. Für eine repräsentative Stichprobe ist es wichtig, dass wir eben auch Mieten in ländlichen Räumen berücksichtigen. Da steigen die Mieten deutlich schwächer. Wir müssen auch berücksichtigen, dass nicht alle Mieter umziehen, sondern für einen langen Zeitraum in ihren Wohnungen bleiben."

Die Entwicklung der Inflationsrate - von den 70er Jahren bis heute.
Die Entwicklung der Inflationsrate - von den 70er Jahren bis heute. | Bild: ARD

EZB will eine Inflationsrate um die zwei Prozent

Die Expertin Christiane Nickel bei der EZB wünscht sich eine höhere Inflation.
Die Expertin Christiane Nickel bei der EZB wünscht sich eine höhere Inflation. | Bild: ARD

Stabile Preise klingen für den Verbraucher ganz toll: Die Weihnachtsgeschenke sind auch dieses Jahr nicht teurer. Doch bei der EZB kommt keine Freude auf. Hier wünscht sich die Inflationsexpertin Christiane Nickel eine höhere Inflation, nahe der zwei Prozent, als Sicherheitspuffer zu fallenden Preisen. "Zunächst freue ich mich natürlich als Konsumentin auch erst einmal über niedrigere Preise. Aber wenn diese Preise eben allgemein am Sinken sind, dann würde das bedeuten, dass jeder anfängt abzuwarten, weil er ja damit rechnet, dass die Preise weiter niedriger werden. Das bedeutet, dass die Wirtschaft eigentlich gelähmt wird." Die EZB befürchtet, dass auch Unternehmen ihre Investitionen verschieben. So käme es zu einer Deflation. Aber nicht eine solche Deflation, sondern das Gegenteil: Eine hohe Inflation war lange Zeit das große Schreckgespenst. Auf hohem Niveau schwankte der Wert seit den 70er Jahren. Mehr als drei Prozent waren üblich. Doch seit Beginn des Jahrtausends sind – wie in diesem Jahr –  1,5 Prozent die neue Normalität.  

Die Globalisierung – ein Grund für die niedrigen Preise

Ex-Finanzminister Hans Eichel hat noch eine andere Geldpolitik erlebt.
Ex-Finanzminister Hans Eichel hat noch eine andere Geldpolitik erlebt. | Bild: ARD

Ex-Finanzminister Hans Eichel hat persönlich miterlebt, dass wir jetzt in völlig anderen Zeiten leben. "Das gab es natürlich nicht, dass Notenbanken versuchen mussten, durch ihre Geldpolitik die Inflationsrate nach oben zu bringen, auf Richtung zwei Prozent. Sie hatten meistens alle Hände voll zu tun, damit sie nicht über zwei Prozent lag. Und sie lag sehr oft über zwei Prozent." Bislang galt: Höhere Löhne und niedrige Zinsen bringen mehr Inflation. Jetzt aber steigen die Löhne. Die Zinsen sind sogar verschwunden und bei der Inflation passiert nichts. An der Frankfurt School of Finance and Management nennt Professor Adalbert Winkler den wichtigsten Grund dafür: Die Globalisierung. Denn wenn ein Unternehmen aufgrund der gestiegenen Nachfrage einen höheren Preis durchsetzen wolle, stoße es in Europa oder weltweit auf Unternehmen, die billiger anbieten und entsprechend auch den Zuschlag bekommen. Um das zu verhindern, biete das erste Unternehmen gar nicht zu höheren Preisen an – deshalb sei die Inflation niedrig.

Noch etwas dämpft die Inflation: Früher waren für Kunden Preisvergleiche in den Geschäften aufwendig. Heute genügt ein kurzer Blick ins Internet und das günstigste Angebot für die Kaffeemaschine unter dem Weihnachtsbaum ist gefunden. Auch deshalb steigen die Preise kaum.

Wie die EZB mit Anleihekäufen die Inflation steigert

Mit einem Leitzins von Null Prozent, den Negativzinsen für Banken und den Kauf von Staatsanleihen versucht die EZB alles für mehr Inflation. Mit dem Anleihe-Kaufprogramm wächst die Geldmenge und steigert so laut Lehrbuch die Inflation. Niels Krieghoff und seine Kollegen kaufen seit November für 20 Milliarden Euro pro Monat wieder solche Papiere. Wie das mit dem Kauf der Anleihen funktioniert, erklärt der Banker so: "Das ist relativ einfach. Ich wollte heute zum Beispiel eine italienische Staatsanleihe kaufen, die über zehn Jahre läuft. Ich habe hier schon eine rausgesucht. Dann suche ich mir noch Handelspartner aus und gebe schnell den Sicherheitscode ein. Jetzt frage ich Preise bei den Handelspartnern an und warte auf die Preise. Ich drücke auf Kaufen – und habe jetzt Anleihen für 20 Millionen Euro gekauft."

EZB-Chefin will Strategie und Inflationsziel überprüfen

Trotz aller dieser Maßnahmen: Das Ziel von zwei Prozent Inflation wird nicht erreicht. Auch deshalb hat die neue EZB-Chefin Christine Lagarde am vergangenen Donnerstag angekündigt, Strategie und Inflationsziel auf den Prüfstand zu stellen. Das Ergebnis ist offen. Das Comeback der Inflation ist vorstellbar. "Wenn die Nachfrage wieder sehr stark steigt, dann werden wir auch wieder Inflationsraten sehen, die zwei Prozent überschreiten", meint der Finanzexperte Adalbert Winkler. Der Professor an der "Frankfurt School of Finance" halte es für falsch die Inflation für tot zu erklären, nur weil sie die letzten zehn Jahre nicht da war.

Ein Beitrag von Steffen Clement
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Wir danken Luzi und Frauchen Nicole von der Rettungshundestaffel Frankfurt am Main e.V. für die bildliche Hilfe bei der Suche nach der Inflation.

Spürhund Luzi
Spürhund Luzi | Bild: ARD

Stand: 19.12.2019 00:41 Uhr

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