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Schmuddelimage ade – Warum sich Leiharbeit für viele Beschäftigte lohnt

PlayLeiharbeit im Trend
Schmuddelimage ade – Warum sich Leiharbeit für viele Beschäftigte lohnt | Video verfügbar bis 06.03.2020 | Bild: dpa / Arno Burgi

- Das schlechte Image der Zeitarbeit hat sich gewandelt
- In Mangelberufen verdienen Leiharbeiter oft mehr als Festangestellte
- Die Arbeitsbedingungen sind für Leiharbeiter seit 2017 besser geworden
- Leiharbeit ist zwischen dem Jahr 1985 und dem Jahr von 42.000 auf 1,04 Millionen Leiharbeiter gestiegen

Jahrzehntelang hatte Zeit- oder Leiharbeit ein übles Negativimage: Als rechtelose "Arbeitnehmer zweiter Klasse" galten sie oder als schlecht bezahlte "industrielle Reservearmee". Vor allem Gewerkschaften lehnten sie ab. Das aber war gestern - denn das Image der Zeitarbeit hat sich in den vergangenen Monaten stark gewandelt.

Leiharbeit kommt raus aus dem "Schmuddelimage"

Seit es auch in der Zeitarbeit steigende Mindestlöhne gibt und der Fachkräftemangel in Industrie und Dienstleitungsberufen immer größer wird, ist Zeitarbeit für viele Arbeitnehmer zunehmend interessant. In absoluten Mangelberufen verdienen Leiharbeiter heute besser als ihre fest angestellten Kollegen, können sich Schichten und auch den Arbeitsort aussuchen. Nicht nur in der Pflege ist das so, auch in vielen Handwerks- und Industrieberufen. Kein Wunder also, dass es mittlerweile sogar Ärzte oder sogar Rechtsanwälte als Zeitarbeiter gibt.

In Mangelberufen boomt die Leiharbeit

Ist die Leiharbeit also besser als ihr Image? Gerade in Mangelberufen, wie etwa in der Altenpflege, boomt Leiharbeit. In nur drei Jahren ist der Anteil in diesem Segment um 40 Prozent gestiegen. Zum Vorteil der Leiharbeiter. Sie können ihre Arbeitsbedingungen zum Teil besser aushandeln als Festangestellte. Insbesondere bei den Arbeitszeiten, aber auch bei der Bezahlung. So erhalten Leiharbeiter teilweise 300 Euro Brutto mehr als eine festangestellte Pflegerin.

Jahrelang waren Gewerkschaften gegen Leiharbeit und organisierten Demos gegen Missbrauch und Lohn-Dumping. Doch gerade in der Pflege hat sich das Verhältnis laut Lutz Krause-Ziehaus von Verdi komplett gedreht: "In der Pflege ist es so, dass die Arbeitsbedingungen für festangestellte Pflegekräfte so schlecht geworden sind, dass es für viele attraktiv wird, sich in die Leiharbeit zu flüchten. Weil sie da bessere Arbeitsbedingungen finden", so der Gewerkschafter.

Leiharbeit liegt im Trend

Starker Anstieg bei der Leiharbeit
Starker Anstieg bei der Leiharbeit | Bild: Das Erste

Leiharbeit – ein noch recht neuer Trend. Im Jahr 1985 gab es nur 42.000 Leiharbeiter. Ab dem Jahr 2002 wuchs die Zahl rasant an und liegt heute bei 1.040.000 Leiharbeitern. "Früher hatten wir Arbeitsmarktprobleme. Was damals in der Leiharbeit als erstes durchgesetzt wurde, waren niedrige Löhne. Das hat dieses "Schmuddelimage" befördert und sorgt eigentlich auch in den politischen Kampagnen seither weiterhin dafür, dass man aus der Ecke nicht raus kommt. Aber das entspricht heute nicht mehr der Realität", erklärt Professor Lars Feld von der Universität Freiburg.

Wachsende Leiharbeit auch bei den Lokführern. Dort ist ein lukrativer Markt entstanden weil rund 1.500 Lokführer fehlen. Da die Personaldecke so dünn ist, haben Lokführer in Leihfirmen gute Verhandlungschancen. Freie Wochenenden und mehr Freizeit - aber auch bei der Bezahlung macht sich das bemerkbar. So kann ein Bahnlokführer einen Mehrverdienst von 300 Euro brutto gegenüber einem Festangestellten erzielen.

Festangestellte sind in manchen Berufen zur Mangelware geworden

Für Claus Weselsky, Chef der Gewerkschaft deutscher Lokführer, ist das ein falsches Signal. "Im Moment herrscht ein bisschen Goldgräberstimmung, weil man für mehr Geld, mehr Lokführer verleihen kann, ist (der Festangestellte) Mangelware geworden. Das liegt ganz klar an der Deutschen Bahn AG, die jahrzehntelang Missmanagement in der Personalplanung betrieben hat."

Leiharbeit: Handwerk- und Industrie zahlen höhere Löhne

Goldgräberstimmung bei Fachkräften, die händeringend gesucht werden. Seit einer Gesetzesänderung im April 2017 kommt hinzu, dass sich die Rechte der Leiharbeiter deutlich verbessert haben. So werden auch in Handwerk- und Industrie teils vom ersten Tag an höhere Brutto-Löhne gezahlt - deutlich über dem Tarif der Zeitarbeitsbranche. Zudem muss nach neun Monaten im Betrieb, laut Gesetz, derselbe Stundenlohn gezahlt werden, wie bei Festangestellten. Nach anderthalb Jahren muss dann letztendlich eine Festanstellung im Betrieb erfolgen. Sofern der Leiharbeiter das überhaupt wünscht.

Das "Plusminus-Fazit": Leiharbeit im Jahr 2019 – das Image vom ausgebeuteten, entrechteten Zeitarbeiter war gestern, zumindest unter den qualifizierten Fachkräften.

Beitrag von Katrin Wegner
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 07.03.2019 00:00 Uhr

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