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Mindestlohn-Debatte – Warum sich Arbeiten für Hartz-4-Empfänger oft nicht lohnt

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Mindestlohn-Debatte – Warum sich Arbeiten für Hartz-4-Empfänger oft nicht lohnt | Video verfügbar bis 18.12.2020 | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

– Das Arbeiten in Deutschland lohnt sich erst für einem Verdienst von mindestens 2.300 Euro brutto
– Bis dahin ist es rechnerisch besser mit "Arbeitslosengeld 2“ und den Zuschlägen zu leben oder mit Hartz IV "aufzustocken".
– 1,1 Millionen Menschen arbeiten in Deutschland im Niedriglohnsektor
– Der Verdienst im Niedriglohnsektor reicht oft nicht aus - viele müssen oder können mit Hartz IV aufstocken
– Gewerkschaften, SPD, Grüne, die Linke und sogar Teile der CDU fordern einen höheren Mindestlohn von zwölf Euro
– Damit sich die Arbeit mit Mindestlohn lohnt, müsste aber einer Erhöhung auf mindestens15 Euro erfolgen

Claire Funke hat rund 1.700 Euro zum Leben.
Claire Funke hat rund 1.700 Euro zum Leben. | Bild: ARD

Claire Funke ist studierte Sozialpädagogin und hat ihren Job verloren. Sie ist alleinerziehend mit zwei Kindern: Sie sei gut ausgebildet, habe immer gearbeitet. Urlaub gebe es für sie als Alleinerziehende schon jahrelang nicht mehr, obwohl sie erwerbstätig war. Denn oft hatte sie einen Lohn, der nicht höher war als Hartz IV. Für eine alleinerziehende Mutter mit zwei Kindern, die keinen Unterhalt für ihre Kinder bekommt, erhält sie mit Mietzuschuss etwa 1.650 Euro vom Staat. Mit Kindsunterhalt bekommt sie weniger, weil es angerechnet wird. Auf dem Arbeitsmarkt sind 1.650 Euro netto schwer zu verdienen.

Arbeit lohnt sich nur wenn mehr als Hartz IV herausspringt

Der Wirtschaftswissenschaftler Professor Peichl vom ifo-Institut in München forscht zu Hartz IV und der Frage, ab wann sich Arbeit lohnt. Er bilanziert: "Wenn man den Anfangspunkt verschiebt oder reduziert, geht man in Richtung des amerikanischen Prinzips, wo man, wenn man nicht arbeitet, keine Unterstützung erhält. Das ist glaube ich etwas, das wir als Gesellschaft nicht wollen, was aber auch nicht verfassungsgemäß in Deutschland wäre. Wir müssen das Existenzminimum sichern." Arbeit lohnt sich also, wenn netto mehr übrig bleibt als das Existenzminimum Hartz IV. Claire Funke hat nach sechs Monaten einen Minijob gefunden, als Assistentin in einem Online-Woll-Shop. Obwohl sie arbeitet, hat sie nicht mehr als mit Hartz IV und bekommt so noch immer Unterstützung vom Amt.

Beispielrechnung für Claire Funke.
Beispielrechnung für Claire Funke. | Bild: ARD

1,1 Millionen Arbeitnehmer haben einen Job, bei dem der Lohn nicht ausreicht

Wirtschaftswissenschaftler Professor Peichl vom ifo-Institut in München forscht zu Hartz IV.
Wirtschaftswissenschaftler Professor Peichl vom ifo-Institut in München forscht zu Hartz IV. | Bild: ARD

Professor Peichl hat für "Plusminus" berechnet, wie viel eine vergleichbare Alleinerziehende mit zwei Kindern und ohne Kindsunterhalt, verdienen müsste, um mehr in der Tasche zu haben als noch mit Hartz IV. Das Ergebnis: Sie müsste 2.600 Euro brutto verdienen. Mit Kindergeld und nach Abzug von Steuern, Miete, Kitagebühren, bleiben derzeit netto gut 1.700 Euro. Bis zu 1.650 Euro würde das Amt zahlen. "Für Alleinerziehende mit Kindern ist es so, dass es tatsächlich sowas wie eine Todeszone gibt. Dass tatsächlich netto, wenn man noch Kinderbetreuungskosten berücksichtigt, und andere Dinge wie Fahrtkosten, dann immer noch weniger zur Verfügung steht. Von daher ist es in der Tat so, dass sich Arbeit oder Mehrarbeit nur für Personen mit höheren Stundenlöhnen lohnt - die dann bei Vollzeitarbeit über 2.300 Euro bis 2.500 brutto im Monat verdienen." Doch viele erreichen einen solchen Verdient gar nicht. Rund 20 Prozent der Arbeitnehmer arbeiten im Niedriglohnsektor. 1,1 Millionen Menschen in Deutschland haben einen Job, bei dem der Lohn nicht ausreicht. Sie müssen oder können mit Hartz IV aufstocken. Auch, weil sie zum Mindestlohn von heute 9,19 Euro pro Stunde arbeiten. Ab Januar erhöht sich der Mindestlohn gerade einmal um 16 Cent.

Manuel Stammeier lebt von1.400 Euro netto plus Kindergeld.
Manuel Stammeier lebt von1.400 Euro netto plus Kindergeld. | Bild: ARD

Manuel Stammeier verdient etwas mehr als den Mindestlohn. Er ist alleinerziehend mit drei Kindern und war bis vor kurzem noch Hartz-IV-Empfänger. Nun repariert er Rollstühle und Fahrräder, 40 Stunden die Woche, für ein kleines Sanitätshaus. Dafür bekommt er sogar weniger als vorher mit Hartz IV. Als Hartz IV-Empfänger hatte er mit drei Kindern monatlich einen Anspruch auf 1.500 Euro plus Miete von 630 Euro vom Amt. Jetzt hat er mit Arbeit 1.400 Euro netto plus Kindergeld. Die Miete muss er nun aber selbst zahlen. Es bleiben ihm etwa 1.390 Euro, also weniger als mit Hartz IV. Unterstützung will er nicht beantragen, er will nicht mehr abhängig sein. Zwölf Euro Mindestlohn, wie er jetzt in der Diskussion ist, wäre für Manuel Stammeier ein Schritt in die richtige Richtung.

Beispielrechnung für Manuel Stammeier.
Beispielrechnung für Manuel Stammeier. | Bild: ARD

Zwölf Euro Mindestlohn - fordern Teile von Parteien und Gewerkschaften

Der Wirtschaftsminister Hubertus Heil (SPD) kann sich einen Mindestlohn von zwölf Euro vorstellen.
Der Wirtschaftsminister Hubertus Heil (SPD) kann sich einen Mindestlohn von zwölf Euro vorstellen. | Bild: ARD

"Plusminus" trifft den Bundesminister für Arbeit Hubertus Heil in Berlin. Auch für ihn ist eine Erhöhung des Mindestlohns das Rezept, um den oft geringen Abstand zwischen Hartz IV und Niedriglohn-Sektor zu lösen: "Ich will, dass sich Arbeit lohnt, dass Menschen mehr in der Tasche haben, die arbeiten. Das ist ein Gebot der Vernunft, dass wir dort auch die Lohnuntergrenzen, den Mindestlohn Stück für Stück, nicht mit einem Schlag, aber Richtung zwölf Euro führen und darüber dafür sorgen, dass wir mehr Tarifbindung haben." Die SPD will die Erhöhung des Mindestlohns. Gewerkschaften, die Grünen, die Linke und sogar Teile der CDU können sich damit anfreunden.

Erst ein Mindestlohn von mehr als 15 Euro würde helfen

Aber reicht ein Mindestlohn von zwölf Euro überhaupt aus? Zurück zu dem Beispiel einer alleinerziehenden Mutter mit zwei Kindern: Arbeit lohnt sich hier erst bei einem Bruttolohn von 2.600 Euro, wie Professor Peichl für die Beispielfälle errechnet hat. Das heißt: Erst ein Mindestlohn über 15 Euro würde für unsere Beispiele über die Hartz-IV-Schwelle helfen. Ein echtes Dilemma für die Tarifparteien und die Politik.

Erläuterung:
Das Sytem der ALG-II-Leistung ist sehr komplex. Die hier gezeigten Rechnungen beziehen sich deshalb auf die Einzelbeispiele im Film und können nicht ohne weiteres auf andere Fälle übertragen werden.

Ein Beitrag von Katrin Wegner
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 19.12.2019 00:42 Uhr

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