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Neue Krebsmedikamente – Sollen Hersteller nur bei Erfolg bezahlt werden?

PlayLabor zur Herstellung von Krebsmedikamenten
Neue Krebsmedikamente – Sollen Hersteller nur bei Erfolg bezahlt werden? | Video verfügbar bis 18.07.2019 | Bild: dpa / Rolf Vennenbernd

– Neue Generation von Krebsmedikamenten verfügbar
– Preise für die neue Therapie zum Teil sehr hoch
– Vorschlag von Pharmaunternehmen: Nur bei Therapie-Erfolg soll das Mittel bezahlt werden
– Datenaustausch zwischen Patient, Arzt, Kasse und dem Hersteller

Bei neuen Krebsmedikamenten gehen die Preise durch die Decke. Krankenkassen kommen an die Grenzen des Bezahlbaren. Eine Lösung des Problems hat die Pharmabranche parat: Bezahlt wird nur, wenn die teure Therapie beim Patienten anschlägt. 

Neue Generation von Krebsmitteln

Es sieht aus wie Wasser, was Patient Peter Wohlfahrt an Medizin bekommt. Doch im Beutel sind seine eigenen, aufbereiteten Zellen, die den schwarzen Hautkrebs blockieren sollen. – Eine neue Generation von Krebsmitteln: Für Kranke eine Riesenhoffnung. Im Tumorzentrum Heidelberg sind viele neue, und vor allem teure Krebsmittel im Einsatz. Das Mittel von Peter Wohlfahrt kostet pro Beutel 5.000 Euro. Alle drei Wochen braucht er das Medikament.

Bis zu 360.000 Euro für eine Behandlung

In der Summe wenig im Vergleich zu den neuen Medikamenten, die jetzt auf den Markt drängen. Voraussichtlich 360.000 Euro kostet eine Behandlung mit "Kymriah, von "Novartis“, gegen Leukämie. Das Konkurrenzprodukt von "Gilead“ wird mit voraussichtlich 300.000  Euro zu Buche schlagen. Beide Medikamente sind in Deutschland ab Herbst zugelassen. – Fast monatlich kommen neue hinzu, mit Preisen, die alles sprengen, was bisher in der Medizin üblich war.

"Das kann unser Solidarsystem auf Dauer nicht finanzieren", sagt Gesundheitsökonom Jürgen Wasem, Vorsitzender der Schiedsstelle Arzneimittelpreise. "Wir stecken als Gesellschaft sicher in einem Dilemma: Auf der einen Seite wollen wir, dass alle Versicherten bei dem Fortschritt dran teil haben. Das heißt natürlich – auch neue, wertvolle Therapien bekommen sollen. Auf der anderen Seite sind viele Arzneimittel so teuer, dass wir uns fragen müssen, ob wir uns das leisten wollen.

Eine Frage, die längst auf der Krebsstation angekommen ist. Peter Wohlfahrts Ärztin Jessica Hassel, Onkologin am Nationalen Tumorzentrum Heidelberg, ist täglich damit konfrontiert. Sie kann bei ihren Entscheidungen die  Kosten nicht immer außer Acht lassen. "Natürlich gibt man keine wahnsinnig teure Therapie, um vier Monate länger zu leben. Das macht keinen Sinn. Für mich liegt der Nutzen darin, einem Patienten eine langfristige Tumorkontrolle mit hoher Lebensqualität zu ermöglichen", so die Ärztin.

Was die Ärztin täglich am Patienten entscheiden muss, hat für ihren Chef, Professor Doktor Dirk Jäger, Ärztlicher Direktor am Nationalen Tumorzentrum Heidelberg, eine ganz andere Dimension. Verantwortlich für 40 Ärzte in der Onkologie, hat für ihn das Thema Preise nichts im Klinikalltag zu suchen. "Wir versuchen grundsätzlich immer wirtschaftlich zu denken, aber was ich nicht tun kann: eine bestimmte Prognose – eine Lebensverlängerung in Geld aufzuwiegen. Es ist eine gesundheitspolitische Diskussion, die wir selbst nicht führen können – und die wir auch nicht entscheiden können.“

Der Vorschlag – Krankenkassen zahlen nur bei Erfolg in der Therapie

Ein Blick in die Krankenhaus Apotheke macht das Problem deutlich: 60.000 Euro für ein Krebs Medikament oder 51.000 Euro. Eines kostet zum Beispiel fast 22.000 Euro. Preise nur für eine Monatsgabe. Während sich die Solidargemeinschaft noch fragt, wer das bezahlen soll, kommen ausgerechnet die weltweit, größten Pharmaunternehmen mit einem neuen Preismodell. Der Vorschlag: Krankenkassen zahlen nur bei Erfolg in der Therapie.

Das Pharmaunternehmen "Roche" erklärt "Plusminus“ auf Anfrage: "Bei Roche halten wir das Konzept der leistungsabhängigen Vergütung für einen geeigneten Ansatz." Der Konzern "Novartis" antwortet: "Novartis ist eines der ersten Unternehmen, das das Feld Kosten-Nutzen basierter Verträge, betritt."

"Ich denke das macht Sinn, dass wir, wenn Arzneimittel wirken, hohe Preise  zahlen – und wenn sie nicht wirken eben keine Preise dafür zahlen.", sagt Gesundheitsökonom Professor Jürgen Wasem.

Was in Deutschland Neuland ist, hat sich im Ausland schon bewährt. Auch aus Deutschland kommt jetzt ein neues Krebsmittel auf den Markt. "Plusminus" ist zu Besuch bei "Miltenyi Biotec" in Bergisch Gladbach. Dort hat man ein Präparat gegen Leukämie entwickelt. Doktorin Iris Bürger, Leiterin des Forschungsteams, erklärt die hohen Kosten so: "Sie sind deswegen so teuer, weil wir hohe Entwicklungskosten haben, und diese Produkte individuell hergestellt werden. Das heißt, für jeden Patient einzeln, in sehr aufwendigen, biotechnischen Verfahren."

Das Unternehmen hat schon im Vorfeld geschafft, die Herstellungskosten zu senken. Trotzdem ist das Medikament noch im sechsstelligen Euro Bereich. "Der medizinische Bedarf ist sehr hoch, dem gegenüber steht der hohe Preis, den die Gesellschaft nicht tragen kann. Die Industrie muss sich da mit Modellen auf die Krankenkassen zu bewegen", meint Iris Bürger bei "Miltenyi Biotec".

Verhandlungen mit Pharmafirmen

Genau das passiert gerade – fast unbemerkt. Von der Krankenkasse "DAK Gesundheit" sitzt Doktor Detlev Parow am Verhandlungstisch, mit dem Pharmariesen "Novartis". Konkret geht es um das teuerste Mittel "Kymriah" für etwa 360.000 Euro. "Wir haben die Möglichkeit mit einem direkten Vertrag mit den Herstellern Konditionen zu erreichen, die für beide Seiten zufriedenstellend sind. Was man nicht vergessen darf, wir hatten in der Vergangenheit schon so teure Medikamente, dass diese nicht angewandt wurden. Insofern hat der Hersteller durchaus ein Interesse, in einer Preisregion zu sein, die hinterher auch dazu führt, dass das Medikament genutzt wird."

Preisregion heißt hier konkret: Nur Geld für die Hersteller wenn das Medikament auch anschlägt. Schon jetzt ist der Druck groß. Die neuen Krebsmittel sind die Kostentreiber Nummer eins bei den Krankenkassen.

Kostensteigerung bei Krebsmedikamenten im Zeitraum von 2011 bis 2017.
Kostensteigerung bei Krebsmedikamenten im Zeitraum von 2011 bis 2017. | Bild: Das Erste

Die Ausgaben der neuen Krebsmittel stiegen 2011 von 104, 5 Millionen Euro auf 270,5  Millionen im Jahr 2017 – die Ausgaben haben sich mehr als verdoppelt, in nur sechs Jahren. Die Motivation der Kassen ist also hoch, den Schulterschluss mit der Industrie zu suchen. Doch das Ganze funktioniert nur, wenn die Daten ausgetauscht werden, und zwar zwischen Patient, Arzt und Kasse und dem Hersteller. Und das hat durchaus einen Nutzen.

Daten sind die neue Währung

"Ein Grund warum Arzneimittelunternehmen jetzt anbieten, dass sie Geld zurückzahlen, wenn das Arzneimittel nicht wirkt, ist auch gleichzeitig ein Ansatz, dass man die Datenlage damit verbessern kann. Da ist man gezwungen zu dokumentieren, an wie vielen Patienten das Arzneimittel wirkt – und bei wie vielen nicht", sagt Gesundheitsökonom Wasem. Daten sind also die neue Währung.

Patient Peter Wohlfahrt sieht das gelassen. Schließlich hat ein Krebsmittel der neuen Generation sein Leben gerettet. "Ich habe von Anfang an auch meine ganzen Werte zu Verfügung gestellt, um letztendlich auch anderen Menschen zu helfen. Ich denke, das gehört sich so".

Der medizinische Fortschritt hat einen hohen Preis – im wahrsten Sinne des Wortes. Höchste Zeit für neue Wege.

»Hintergrundinformation zu hohen Preisen zellulärer Krebstherapien

In der Therapie von Krebs, insbesondere von Blutkrebs, findet derzeit eine Revolution statt: Endstadium-Patienten, die auf konventionelle Chemo- und Strahlentherapie nicht mehr ansprechen, können mit der neuen Generation von Arzneimitteln geheilt werden! Dieser kurative Effekt basiert auf körpereigenen, vom Patienten selbst gespendeten Blutzellen, die außerhalb des Körpers in einem biotechnologischen Verfahren aufwendig aufgearbeitet, und zu hochwirksamen Effektorzellen gegen den Tumor umgewandelt werden. Vereinfacht gesprochen erlangen die Zellen des Patienten die Fähigkeit, Krebszellen zu erkennen und gänzlich zu eliminieren.

Bei derart personalisierter Medizin wird das Arzneimittel für jeden Patienten individuell hergestellt und der wesentliche Unterschied zur klassischen Arzneimittelherstellung ist: War es bisher möglich, viele Tausende von Arzneimittelanwendungen für entsprechend viele Patienten in einer Produktion herzustellen, so ist es mit den Anforderungen an neue Tumortherapien genau umgekehrt. Für jeden Patienten muss eine einzelne Arzneimittelanwendung in nur einer einzigen Produktion basierend auf den körpereigenen Zellen individuell hergestellt werden. (Quelle: Miltenyi Biotec).«

Ein Beitrag von Barbara Berner

Stand: 19.07.2018 09:37 Uhr

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