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Online-Broker – Wie der Traum vom schnellen Geld platzt

PlayEs gibt auch "schwarze Schafe" unter den Online-Brokern.
Online-Broker – Wie der Traum vom schnellen Geld platzt  | Video verfügbar bis 18.07.2019 | Bild: Das Erste

– Online-Broker werben für schnelle Gewinne
– Geschäftsbedingungen eröffnen oftmals Betrug "Tür und Tor“
– Online-Broker haben ihren Sitz oftmals im Ausland
– Die Opfer haben es in der Regel schwer ihr Recht durchzusetzen
– BAFIN hat keine Kontrollmöglichkeit auf Online-Broker im Ausland

"Plusminus“ hat wochenlang in der Branche der Online-Broker recherchiert. Neben den seriösen Anbietern tummeln sich auf dem Markt auch "schwarze Schafe". In Köln, in München, auf Zypern, in Tel Aviv: Ein undurchschaubares Geflecht von Firmen, ein Milliarden-Geschäft, bei dem die Strafverfolgung scheitert.

Anbieter versprechen schnelle Gewinne

Einer der Großen der Branche ist 24Option in Köln. Der Online-Broker schmückt sich mit Sportikonen. Darunter Italiens Serienmeister Juventus Turin. Mit dabei war auch: Tennis-Legende Boris Becker. Der Spot verspricht schnelle Gewinne. "With 24Option on your mobile the winning never stop."

Er ist reingefallen auf das Versprechen: Raphael M., der seinen Namen aus Scham nicht genannt haben will. Der Schauspieler und Theaterregisseur meldet sich bei 24Option an. Er trifft auf einen sogenannten Broker, der sagt: "Ich bin der beste in Deutschland, und ich mach' die höchsten Gewinne". Raphael M. hat wirklich nichts feststellen können, um an der Zuverlässigkeit des Brokers zu zweifeln.

"Es ging mit kleineren Beträgen los …"

Was folgt, ist die Blaupause für die organisierte Abzocke im Netz. Raphael M. fängt an zu "traden" – telefoniert täglich mit seinem "Account Manager". Der erklärt M. genau, was er machen muss. "Es ging mit kleineren Beträgen los, zum Testen. Es gab immer die Beratung. Schau mal, ich hab' Dir doch den Tipp gegeben. Du siehst, Du hast den Erfolg. Dann hieß es eben: Also wenn Du den großen Erfolg suchst, muss auch eine große Summe vorhanden sein."

Verlust – 60.000 Euro in zehn Minuten

Und M. tappt in diese Falle. An einem Freitag geht er "all in" – setzt seine gesamten Ersparnisse ein, mehr als 60.000 Euro. "Wo ich einen Anruf bekam mit kleinlauter Stimme: Setz zehn Minuten so und so. Ich sehr verstört: Ja alles? Also ein größerer Betrag. – Ja, ja, war die Antwort." Zehn Minuten später ist das ganze Geld weg. Und sein Kundenbetreuer nicht mehr zu erreichen.

Dieser Mann in München kennt die systematische Abzocke der Online-Broker, wie kein anderer. Rechtsanwalt Patrick Wilson. Er betreut mittlerweile hunderte solcher Fälle. Anleger, die hohe Summen verloren haben. "Es ist wirklich erstaunlich, was für gestandene Geschäftsmänner da auch drin hängen, die sich das im Nachgang überhaupt nicht erklären können. Sie haben es da mit Leuten zu tun, die absolute Profis sind. Jeder der glaubt, er könne vor so etwas gefeit sein, der täuscht sich."

Das Geschäftsmodell der Online-Broker funktioniert so: Kunden setzen auf steigende oder fallende Kurse, etwa bei Aktien und Währungen. Liegen sie richtig, gewinnen sie. Liegen sie falsch, verlieren sie. Das klingt nach Börse.

Roulette statt Börse

Was viele Kunden nicht wissen: Die Wette ist brandgefährlich. Es geht am Ende um den kompletten Einsatz. Roulette statt Börse – bei dem der Broker die Regeln alleine bestimmen kann. "Man muss auf jeden Fall vermuten, dass die Plattformen die Möglichkeit haben, die Software völlig frei zu handhaben, und die Kurse auch völlig frei zu bestimmen" sagt Rechtanwalt Patrick Wilson. – Kurse, die der Broker selbst bestimmt. Das wäre wie Roulette, bei dem das Casino entscheiden würde, ob die Kugel bei schwarz oder rot liegen bleibt.

Geschäftsbedingungen eröffnen oftmals Betrug "Tür und Tor"

"Plusminus" zu Besuch bei der Verbraucherzentrale in Frankfurt. Wir erfahren, dass die Zahl der dubiosen Online-Broker wächst. Wolf Brandes hat mit seinem Team von "Marktwächter Finanzen" die Geschäftsbedingungen der Anbieter unter die Lupe genommen. Das Ergebnis ist alarmierend, denn diese AGBs eröffnen Betrug "Tür und Tor". Etwa: "Dass die einseitig Preise ändern können, dass die einseitig den Handel aussetzen können. Es ist auch so, dass die zum Teil sagen können: Wir legen die Plattform still, ohne die Kunden entsprechend zu informieren. Die Geschäftsbedingungen sind in vielen Fällen also ein Freifahrtsschein, den man unterzeichnet. Demnach würde man das, nach deutschem AGB-Recht, schon angreifen und wahrscheinlich aushebeln können. Das Problem ist hier wieder, dass man nicht in Deutschland den Vertragspartner hat, sondern im Ausland – zum Teil auch im außereuropäischen Ausland", so Wolf Brandes von den "Marktwächtern" der Verbraucherzentralen.

Die Verflechtungen der Online-Broker, sind in diesem Beispiel, international.
Die Verflechtungen der Online-Broker, sind in diesem Beispiel, international. | Bild: Das Erste

Online-Broker im Ausland – BAFIN hat keine Handhabe

Was das bedeutet, zeigt das Beispiel 24Option. Für Online-Broker ist die BAFIN, die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht, in Frankfurt zuständig. Hat die Firma ihren Sitz aber im Ausland, ist die BAFIN raus. "Wenn Sie sich in Deutschland bewerben, sind die Anforderungen hoch. Sie müssen sicherlich auch Nachweise erbringen, dass Sie hier ein sauberes Geschäft führen. In anderen Ländern ist das vielleicht nur eine Frage des Geldes.", vermutet Rechtsanwalt Patrick Wilson.

Undurchschaubares Geflecht von Firmen – Online-Betrüger kaum zu fassen

Unsere Recherche führt uns nach Zypern. Hier hat die "Rodeler Ltd." ihren Sitz, der Betreiber von 24Option. 250 Firmen mit mehr als 650 Online-Broker-Seiten betreiben von hier aus ihr weltweites Geschäft. Unsere Fragen an Zyperns Finanzaufsicht "CySec" bleiben bis heute unbeantwortet. Die Spur von 24Option verliert sich schließlich in Tel Aviv, dem Mekka der Online-Broker schlechthin. Ein undurchschaubares Geflecht von Firmen, weltweit verstreut, so sind die Online-Betrüger kaum zu fassen. "Es ist theoretisch möglich, über internationale Abkommen. Aber der Aufwand wäre riesig und die Chancen sind sehr schlecht." sagt Wolfgang Brandes, von den Marktwächtern

Und so geht das miese Geschäft der Online-Broker ungehindert weiter. Auf jährlich bis zu zehn Milliarden Euro wird der Schaden durch Unternehmen wie "24Option" geschätzt. Bezahlt von Menschen wie Raphael M., die den naiven Traum vom schnellen Geld teuer bezahlen.

Ein Beitrag von Julian Herbst

Stand: 31.07.2018 12:11 Uhr

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