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Paket-Flut – Wie Geschenke ohne Chaos ankommen

PlayPakete liegen für den Zusteller bereit.
Paket-Flut – Wie Geschenke ohne Chaos ankommen | Video verfügbar bis 19.12.2019 | Bild: dpa / Marius Becker

– Zwölf Millionen Pakete werden täglich ausgeliefert
– Innenstädte leiden unter Verkehrschaos durch die Paketfahrzeuge
– Einige Paketunternehmen beschäftigen Subunternehmen zur Auslieferung
– Manche Paketzusteller werden weit unter Mindestlohn bezahlt
– Zur Kontrolle der Schwarzarbeit fehlt Behörden oftmals das Personal
– Paketfirmen wollen Preise für die Haustürlieferung erhöhen

Weihnachtsgeschenke werden fleißig im Internet bestellt: Zwölf Millionen sind jetzt unterwegs – jeden Tag! Um diese Flut zu bewältigen, haben die großen Dienstleister zusätzlich tausende Mitarbeiter eingestellt – teils unter schlechten Arbeitsbedingungen. Und das Zustell-Chaos belastet den Stadtverkehr. Hierzulande ist die Branche am Limit. Ein Blick ins Ausland zeigt, dass es auch anders geht.

Die Paket-Flut auf der letzten Meile

Paketzustellung – Chaos auf der letzten Meile, dem Endspurt bis zur Haustür. Sprinter der verschiedenen Paketdienste verstopfen die Straßen in Hamburg oder Frankfurt. Die Deutschen sind Europas Rekordsieger im Onlinebestellen. Hier verzeichnet die Paket-Flut sogar ein Plus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Der Kollaps droht: Ein Drittel des Großstadtverkehrs besteht aus Lieferdiensten. Wolfgang Beecken war einer der ersten Berater für eine bessere Stadtlogistik. Er forscht schon seit Jahren über die letzte Meile. Ein Ende des Chaos sieht er nicht: "Der Leidensdruck liegt aus unserer Sicht bei allen Beteiligten im Bereich der letzten Meile und Stadtlogistik. Aber der Leidensdruck ist anscheinend noch nicht groß genug“. Ideen und Lösungsansätze gibt es jede Menge, 46 Projekte in 21 Jahren. Ob Mikrodepots, Elektrobikes oder Paketzustellung per Tram – davon übrig geblieben sind nur eine Handvoll. Die meisten verschwinden sobald kein Fördergeld mehr fließt.

Mit der eigentlichen Zustellung auf der letzten Meile sei eigentlich kein Geld mehr zu verdienen. Die Margen seien zu klein und zu knapp kalkuliert, insofern zögen sich Dienstleister zurück, wenn es keine Förderung mehr gebe, erklärt Stadtlogistikberater Beecken.

Weihnachtspost zum Hungerlohn

Pakete bis zur Haustür sind für Kunden bequem – für die Branche aber teuer. Es sei denn, man spart bei den Paketzustellern.

"Plusminus" ist zu Besuch bei Holger Simon von der Gewerkschaft Verdi in Frankfurt. Ein Zusteller bittet dort um Hilfe. Er sagt, er arbeite zehn bis zwölf Stunden am Tag und verdiene nur 50 Cent pro Paket. Sein Arbeitgeber ist ein Subunternehmer, der bei Hermes unter Vertrag steht. Der Gewerkschafter stellt fest: der Zusteller bekommt nicht einmal Mindestlohn ausgezahlt. Doch nicht nur das: ein vermisstes Paket wurde auch noch von seinem Lohn abgezogen. Der Hermes-Mitarbeiter klagt, er habe im Monat nur 209 Euro bekommen. Das sei sittenwidrig.

"Plusminus" bittet Hermes um Stellungnahme. Die Antwort von Hermes:

»Der von Ihnen übermittelte Fall rangiert vollständig außerhalb der von uns definierten Sozialstandards. (…) Wir setzen die Zahlung eines mengenunabhängigen Stundenlohns in Verbindung mit der Beachtung geltender Arbeitszeitgesetze zwingend voraus. «

Hermes kontrolliert seine Vertragspartner einmal im Jahr und kündigt ihnen bei Verstößen. Das Subunternehmen in unserem Beispiel blieb bisher aber unentdeckt, wie offenbar viele von ihnen.

"Plusminus" ist mit Verdi auf einer Autobahnraststätte im Rhein-Main-Gebiet unterwegs. Auch hier treffen wir Paketzusteller, die in elenden Verhältnissen arbeiten: "Die Arbeitgeber machen es sich da sehr einfach. Die Haftungsfragen übergeben sie einfach an die Menschen, die bei den Subunternehmern arbeiten. Die großen Konzerne reden sich raus", erklärt Holger Simon von der Gewerkschaft Verdi.

Erich Mocanu hat eine Beratungsstelle für Saisonarbeiter. Er unterstützt Verdi und trifft einen Rumänen, der bis vor kurzem noch Pakete ausgeliefert hat. Der rumänische Saisonarbeiter ist 14 bis 15 Stunden am Tag unterwegs, bei einem Bruttostundenlohn von rund sechs Euro – deutlich unter dem Mindestlohn und wieder kein Einzelfall. "Es wird nichts getan" und einer der Schuldigen sei auch das Zollamt, so Mocanu. Auch wenn eine Beschwerde mit Beweisen gemeldet werde, passiere nichts. Die Firmen, Systempartner und Subunternehmer wüssten – auch wenn einmal alle vier bis fünf Jahre eine Kontrolle komme – werde nur ein kleines Strafgeld fällig.

Paket-Flut in Deutschland
Paket-Flut in Deutschland | Bild: Das Erste

Zur Kontrolle der Schwarzarbeit fehlt oftmals das Personal

Ist Deutschland ein Paradies für fragwürdige Subunternehmen? Wir fragen nach beim Bundesministerium für Arbeit und Soziales. Die Antwort:

»Die Logistik- und Paketbranche zählt (…) zu den besonders von Schwarzarbeit und illegaler Beschäftigung bedrohten Branchen und steht daher bei der Prüfung im besonderen Fokus der Finanzkontrolle Schwarzarbeit.
«

Im Jahr 2017 sind die Kontrollen zwar verstärkt worden, aber es fehlen Beamte, um mehr schwarze Schafe ausfindig zu machen. Sozialwissenschaftler Tim Engartner von der Goethe-Universität Frankfurt sieht die großen Paketunternehmen in der Pflicht: "Man kann schon von fast "mafiösen" Strukturen sprechen, die in der Paketbranche herrschen. Dort gibt es keine institutionelle Verantwortung für die großen Player wie Hermes, dpd, UPS, DHL und Co."

Es geht auch anders: Beispiel Dänemark

Üble Arbeitsbedingungen und Verkehrschaos. Ist das in ganz Europa so? "Plusminus" hat in Dänemark eine Lösung gefunden: Dort werden Arbeitsbedingungen von der Polizei streng kontrolliert. Rund 70 Prozent aller Arbeitnehmer sind in Gewerkschaften, die zum Generalstreik aufrufen, wenn Tarifverträge nicht eingehalten werden. Dazu kommt: Ein Paket-Verkehrschaos gibt es in Dänemark nicht. In Roskilde beispielsweise sorgt eine sogenannte "Citylogistik" für freie Straßen: In einem Lager werden alle Pakete gesammelt und dann für Rathaus, Behörden und 150 Schulen und Kindergärten mit Elektrofahrzeugen nur noch gebündelt zugestellt. Immer mehr Kommunen nutzen das Angebot, sagt der Anbieter Thomas Marschall. "Ich denke, es geht hier nicht darum, was am billigsten ist, sondern was es für einen Nutzen bringt. Es ist anstrengend, den ganzen Tag unterbrochen zu werden, von verschiedenen Paketdiensten. Wir kommen nur einmal, mit allen Paketen. Nämlich dann, wenn du sagst, du willst unterbrochen werden."

Auch private Pakete werden in Dänemark anders verteilt: Sie werden nicht nach Hause gebracht, sondern liegen in Kiosken, in Supermärkten oder in Paketboxen. Die gibt es dort an jeder Ecke und sie sind viel günstiger: Das Paket an die Packstation kostet knapp acht Euro, an die Haustür mit 15 Euro fast das Doppelte. Eine Paket-Flut mit allen negativen Auswüchsen wie in Deutschland gibt es in Dänemark also nicht. Für den dänischen Umweltdezernenten Karim Friis Arfaoui gibt es dafür einen einfachen Grund: Der hohe Preis für die Haustürlieferung. "Der Preis für Pakete musste klar erhöht werden, damit es erschwert wird, sich alles nach Hause liefern zu lassen. Ich denke, es ist in allen Bereichen eine Balance, wo du Preise erhöhen kannst und damit das Bewusstsein der Menschen veränderst, damit sie sich im Alltag ökologisch verhalten."

Städte und Kommunen müssten eingreifen

Ein Modell wie in Dänemark wird es in Deutschland aber nur geben, wenn Städte und Kommunen eingreifen, sagt Stadtlogistiker Wolfgang Beecken: "Im Grunde müssten die Kommunen hergehen und bei der Stadt- und Verkehrsplanung beginnen. Dann wären wir wirklich in der Lage, für künftige Generationen den Bereich der Stadtlogistik auch nachhaltig zu planen. So aber wie es im Moment läuft, kommen wir nicht auf einen grünen Zweig."

Für den Paket-Wahnsinn gibt es in Deutschland keine Lösung, solange der Preis für die Lieferung bis zur Empfängertür so niedrig bleibt. Immerhin haben das auch Unternehmen wie Hermes erkannt: Der Zusteller erhöht zum 1. Januar 2019 seine Preise für die Haustürlieferung um 50 Cent. Andere wollen folgen. Aber auch das könnte wohl noch viel zu wenig sein.

Ein Beitrag von Katrin Wegner
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 11.09.2019 22:43 Uhr

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