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Neue Pflege-Probleme – Warum kaum jemand für die Zukunft vorsorgt

PlayEine Bewohnerin einer Seniorenwohnanlage bekommt den Blutdruck gemessen.
Neue Pflege-Probleme – Warum kaum jemand für die Zukunft vorsorgt | Bild: dpa / Marijan Murat

- Zahl der zu Pflegenden wächst in den nächsten Jahrzehnten rasant
- Etwa ein Drittel aller Pflegebedürftigen in Heimen bekommt Sozialhilfe – Anzahl steigend
- Neues Modell: Jeder Pflegebedürftige zahlt einen festen Eigenanteil

Eine neue Studie hat wieder gezeigt: Die Zahl der zu Pflegenden in Deutschland wächst in den nächsten Jahrzehnten rasant. Die Kosten für die Pflege werden drastisch steigen. Und trotzdem sorgen immer weniger Menschen vor: Zu unattraktiv sind die Angebote. Die Politik ist gefordert. Experten schlagen einen Systemwechsel vor, der das derzeitige Modell vom Kopf auf die Füße stellt.

Johanna Frowein braucht Pflege. Sie lebt seit sechs Jahren im Seniorenzentrum Herz-Jesu-Stift in Köln. 40 Jahre hat sie als kaufmännische Angestellte bei Bayer gearbeitet. Ihre Alters- und die Betriebsrente betragen 1.870 Euro, doch ihren Heimplatz kann sie damit nicht bezahlen. Da sie weder Kinder noch Besitz hat, muss das Sozialamt einspringen. Zum Sozialfall zu werden, war hart für die 80-Jährige: "Das war ja richtig furchtbar. Ich kam mir vor wie eine arme Maus. Wenn Sie kein Geld haben, ist das schon schlimm!"

Für Johanna Frowein sieht die Rechnung so aus: Der Heimplatz kostet 4.300 Euro im Monat, 1.715 Euro zahlt die Pflegeversicherung, 1.870 Euro begleicht sie über ihre Renten. Es bleiben 715 Euro offen, die das Sozialamt übernimmt.

Das zeigt: Das jetzige Pflegesystem funktioniert bei Menschen wie Johanna Frowein nicht gut. In Deutschland steigen die Eigenanteile der Heimbewohner. Die Pflege wird immer teurer und kostet mehr als Rente und Pflegegeld zusammen. Im Bundesschnitt liegt der Eigenanteil bei 1.751 Euro – Nordrhein-Westfalen liegt mit 2.263 Euro an der Spitze.

"Der Eigenanteil wird steigen"

Etwa ein Drittel aller Pflegebedürftigen in Heimen bekommt Sozialhilfe, weil die Rente nicht reicht. Pflege-Experte Heinz Rothgang prognostiziert, dass die Zahl steigen wird: "Unsere Pflegeversicherung als Teilleistungsversicherung basiert auf der Gewährung von Pauschalen, im ambulanten wie auch im stationären Bereich. Jede Verbesserung, beispielsweise die Personalausstattung in einem Heim, führt dazu, dass dieser Eigenanteil steigt. Wenn ich mehr Personal und eine bessere Bezahlung im Heim habe und der Pflegesatz um 100 Euro steigt, dann steigt der Eigenanteil um 100 Euro. Die Leistungen der Pflegeversicherung sind aber gedeckelt – und das ist das Problem", erklärt Professor Heinz Rothgang von der Universität Bremen.

Pflegfälle bis zum Jahr 2035.
Pflegfälle bis zum Jahr 2035. | Bild: Das Erste

Absturz in die Sozialhilfe

Es droht immer öfter der Absturz in die Sozialhilfe. Susanna Kochskämper vom Institut der deutschen Wirtschaft (iW) hat ausgerechnet, dass die Zahl der Pflegebedürftigen in den nächsten Jahren rasant wächst: Im Jahr 1999 waren es gut zwei Millionen Pflegebedürftige, bis ins Jahr 2035 werden es rund vier Millionen sein. Die Folge: Die Ausgaben für das jetzige Modell der Pflegeversicherung steigen enorm.

Susanne Kochskämper vom Institut der deutschen Wirtschaft in Köln sieht die Politik gefordert. Es sei an der Zeit, ganz ehrlich zu sagen, wie die Zukunft aussieht: was von den Pflegbedürftigen selbst finanziert werden muss und was die Versicherung abdeckt. "Sie möchten heute vorsorgen für ein Risiko in 20 bis 30 Jahren, wissen aber gar nicht, wie viel die Versicherung dann abdeckt. Dann können Sie nicht richtig vorsorgen", mahnt die Expertin vom Institut der deutschen Wirtschaft.

"Plusminus" fragt beim Bundesgesundheitsministerium nach. Für den Pflegebeauftragten der Bundesregierung, Andreas Westerfellhaus, ist die Arbeit mit den aktuellen Problemen schon groß genug: "Man muss eines einfach feststellen: Wir reden über das Hier und Heute. Zurzeit haben wir eine Teilkaskoversicherung. Jetzt denkt der Gesundheitsminister darüber nach, 0,5 Prozent Beitragssatzerhöhung vorzunehmen. Ich kann nicht spekulieren, welche politischen Entscheidungen dann in fünf oder zehn Jahren notwendig sind."

Bleibt also nur, sich vor dem drohenden Pflegerisiko selbst zu schützen?

Pflege - Neue Ideen für die Zukunft sind gefragt.
Pflege - Neue Ideen für die Zukunft sind gefragt. | Bild: Das Erste

Tatsächlich haben nur fünf Prozent der Deutschen eine private Pflegeversicherung abgeschlossen. Der Trend ist stark rückläufig: Im ersten Halbjahr 2017 haben noch 51.300 Menschen privat zusatzversichert. Im ersten Halbjahr 2018 waren es nur noch 8.100. Damit die Bürger selbst für den Pflegefall vorsorgen, brachte die Regierung 2012 den Pflege-Bahr auf den Weg. Hier schießt der Staat jährlich 60 Euro zur privaten Pflegezusatzversicherung dazu. Aber auch da ist das Interesse erlahmt. Manfred Stegger vom Pflegeschutzbund hält viele dieser Versicherungen für unzureichend: "Wie ich das sehe, können Sie in vielen Versicherungen die Beitragszahlungen nicht unterbrechen. Wenn Sie zum Beispiel mit 45 in die Versicherung eintreten, dann müssen Sie bis zum Eintritt der Pflegebedürftigkeit – also 30 bis 40 Jahre lang – monatlich die entsprechenden Beiträge zahlen. Wenn Sie das aus irgendeinem Grund nicht mehr können, verlieren Sie Ihre gesamte Anwaltschaft."

Planungssicherheit hat so niemand

Also: Unattraktiv. Bisher zahlt das jetzige System der Pflegeversicherung einen Gesamtbetrag für Pflegeleistungen. Fehlt Geld, muss der Versicherte zahlen oder eben das Sozialamt – und das immer öfter.

"Wir erleben im Moment, dass Einrichtungen, die auf Tarifentlohnungen umstellen, plötzlich Pflegesatzsteigerungen von 500 Euro bis 600 Euro haben. Die Eigenanteile steigen dann entsprechend. Das heißt: Wenn jemand ins Pflegeheim eingezogen ist und sich das gerade noch leisten konnte, ist er jetzt finanziell überfordert. Dann droht die Sozialhilfeabhängigkeit", erklärt Pflege-Experte Heinz Rothgang.

Was könnte dagegen helfen?

Ein System-Wechsel. Heinz Rothgang hat ein Modell erarbeitet, das die jetzige Pflegeversicherung umkehrt: Jeder Pflegebedürftige zahlt einen festen Eigenanteil von beispielsweise 300 Euro für seine Pflege – alles darüber hinaus zahlt die Pflegeversicherung. Wichtig dabei: Es geht nur um die Kosten der Pflege. Nicht um Wohnungs- oder Essenskosten. Die muss jeder Pflegebedürftige selbst tragen. "Damit würde die Versicherung das tun, was eine Versicherung normalerweise tut, nämlich das Risiko über die Ungewissheit der Zukunft abdecken", so Rothgang.

Die Kosten-Aufteilung
Die Kosten-Aufteilung | Bild: Das Erste

Auf Johanna Frowein bezogen, bedeutet das: 4.300 Euro kostet ihr Heimplatz. Davon sind 2.800 Euro Pflegekosten, 1.500 Euro ist der Anteil für Wohnen und Essen. Zieht man im neuen Modell die 300 Euro Eigenanteil ab, müsste die Pflegeversicherung 2.500 Euro zahlen. Mehr als bisher. Frau Frowein zahlt 1.500 Euro für Wohnen und Essen und ihren Eigenanteil. Die 1.800 Euro könnte sie mit ihrer Rente zahlen. Das Sozialamt bräuchte nicht mehr einzuspringen.

Was den Vorschlag umstritten macht: Auch Menschen, die zu Hause von ihren Angehörigen gepflegt werden, müssten den Eigenanteil zahlen, und der kann dann variabel sein. "Dieser Sockel kann in unterschiedlicher Höhe festgesetzt werden. Setze ich den Sockel auf 0 habe ich eine Vollversicherung. Sage ich, ich will das ausgabenneutral für die Pflegeversicherung durchführen, dann wäre ich bei einem Eigenanteil von etwa 300 Euro.

Ausgabenneutral heißt in diesem Fall: Wenn alle Pflegebedürftigen den Eigenanteil zahlen, würde das Modell keine Mehrkosten für die Pflegeversicherung bedeuten. Aber deutlich mehr Sicherheit für die Zukunft.

Ein Beitrag von Katrin Wegner
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 27.09.2018 11:40 Uhr

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