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Wie deutsche Sparer unter den Dauer-Nullzinsen leiden

PlayFür den Sparer gibt es kaum noch Zinsen.
Wie deutsche Sparer unter den Dauer-Nullzinsen leiden | Video verfügbar bis 27.11.2020 | Bild: dpa / Daniel Reinhardt

– Die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank wird sich nach Meinung der Experten vorerst nicht ändern
– Über 2.000 Milliarden Euro liegen derzeit auf deutschen Giro- und Tagesgeldkonten
– Zwischen den Jahren 2011 und 2019 sind den Deutschen über 570 Milliarden Euro an Zinseinnahmen entgangen
– Auch Lebensversicherungen haben an Zinsvermögen stark eingebüßt
– Wertpapiere, gemanagte Fonds und ETFs bieten noch Rendite

Sparen ist eine deutsche Disziplin

Zinsen – die gab es früher. Fast zehn Jahre dauert jetzt schon die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank in Frankfurt, und nichts spricht dafür, dass sich in den nächsten Jahren etwas ändert. Und der größte Verlierer dabei ist der deutsche Sparer. Im europäischen Vergleich steht er fast alleine da, denn Sparen ist eine rein deutsche Disziplin: Über 2.000 Milliarden Euro liegen derzeit auf deutschen Giro- und Tagesgeldkonten herum, fast unverzinst natürlich.

Auch bei den Lebensversicherungen, als zusätzliche Rente im Alter, ist kaum mehr als der ständig sinkende Garantiezins zu holen. Das Umdenken in diesen neuen Zeiten fällt vielen schwer, doch nötig ist es. Exklusiv für "Plusminus" hat die DZ Bank in Frankfurt ausgerechnet, welcher Sparertyp wie viel Geld verloren hat und wie viel er in den nächsten Jahren noch verliert, wenn er nicht bald anders anlegt.

Der "Sparspaß" ist durch die Nullzinspolitik der EZB vorerst vorbei

Wir sind zu Besuch bei Markus Gründer in Braunschweig-Rautheim. Haus, Hof und Grill leistet sich der Immobilienwirt aus Prinzip nicht auf Pump. Das Geld dafür spare er sich lieber zusammen. Dafür legt er für den Urlaub, Auto und Haus pro Jahr gut 15.000 Euro zur Seite. Das macht er auf Konten bei verschiedenen Banken, zu möglichst hohen Zinsen. So konnte sich das Geld früher ganz leicht vermehren. Dass der Sparspaß für Markus Gründer heutzutage vorbei ist, liegt vor allem an der Europäischen Zentralbank.

Über 460 Euro pro Jahr gehen Markus Gründer an Erträgen verloren.
Über 460 Euro pro Jahr gehen Markus Gründer an Erträgen verloren. | Bild: ARD

Nach der Finanzkrise in Jahr 2008 senkte die EZB den für das Sparen relevanten Leitzins von 3,25 Prozent auf historische Tiefststände. Besonders stark unter deren Präsident Mario Draghi, auf Minus 0,5 Prozent. Nimmt man den Leitzins vom Jahr 2008 als Referenz, dann bedeutet das: Markus Gründer entgehen bei seinem aktuellen Zinssatz pro Jahr mittlerweile über 460 Euro an Erträgen.

Zwischen 2011 und 2019 sind den Deutschen über 570 Milliarden Euro an Zinseinnahmen entgangen

Entgangene Zinseinahmen zwischen den Jahren 2011-2019.
Entgangene Zinseinahmen zwischen den Jahren 2011-2019. | Bild: ARD

Die DZ-Bank hat für uns nachgerechnet, wie viele Zinseinnahmen die Deutschen unter Mario Draghi verloren haben. Die Zahlen zeigen, dass zwischen dem Jahr 2011 und dem Jahr 2019 den Deutschen insgesamt mehr als 570 Milliarden Euro an Zinseinnahmen entgangen sind. Davon 289 Milliarden Euro allein auf dem Bankkonto. Der Chefvolkswirt der DZ Bank, Stefan Bielmeier, erklärt das so: "Die Niedrigzinsphase in Deutschland hat einen großen Verlierer – und das ist der deutsche Sparer. Weil der natürlich in der Vergangenheit sehr stark zinslastig angelegt hat.“

Lebensversicherungen haben an Zinsvermögen stark eingebüßt

Der Ingenieur Mark Mauer hat Anfang der 2000er Jahre im Neubaugebiet ein Eigenheim für seine damals noch junge Familie gebaut. Um im Falle des Falles und im Alter finanziell gut ausgestattet zu bleiben, hatte er vor 15 Jahren bewusst eine dynamische Lebensversicherung abgeschlossen, mit Erträgen von drei bis fünf Prozent im Jahr. Die Erfolgsaussichten waren damals gut. Doch mit den sinkenden Zinsen sank auch schleichend die Rendite. Im Jahr 2018 gab es in Deutschland 83 Millionen Lebensversicherungen. Alle Lebensversicherungen zusammen haben laut unserer Rechnung in den Jahren unter Mario Draghi, wegen der Niedrigzinsen, 197 Milliarden Euro an Zinsvermögen eingebüßt. 

Aktienfonds statt Sparbuch

"Die Altersvorsorge in Deutschland basiert hauptsächlich auf Zinseszinseffekte. Diese fallen jetzt komplett weg und werden sich natürlich in ein paar Jahren entsprechend negativ in der Altersvorsorge bemerkbar machen", erklärt der Chefvolkswirt der DZ-Bank. Damit trotzdem noch etwas für das Alter bleibt, hat Mark Mauer inzwischen Konsequenzen gezogen und setzt auf Aktienfonds statt dem Sparbuch. Das wird auch ein Rezept für die Zeit mit der neuen EZB-Chefin Christine Lagarde.

Aber Finanzprofessor Andreas Hackethal von der Goethe Uni Frankfurt sagt: Die Eurokrise und die EZB-Politik unter Mario Draghi sind nicht allein verantwortlich für die Dauer-Niedrigzinsen: "Die Zentralbank, über die man jetzt gerade in den letzten zehn Jahren spricht, hat vielleicht oder wahrscheinlich ihren Anteil. Aber da gibt es etwas im Hintergrund, das schon sehr langfristig wirkt: der demografische Wandel – und damit viel Geld, das für die Altersvorsorge weltweit auf die Kapitalmärkte gespült wird. Das sorgt dafür, dass die Renditen gedrückt werden, gerade bei risikofreien Papieren. Und das wird sich auch in den nächsten Jahren wahrscheinlich oder sicher nicht ändern.“ Eine Entwicklung, auf die sich alle einstellen sollten.

Wertpapiere sorgen für bessere Rendite

Wertpapiere, Fonds und ETFs bringen Rendite.
Wertpapiere, Fonds und ETFs bringen Rendite. | Bild: ARD

Doch wie kann das gehen? Katharina Lawrence von der Verbraucherzentrale Hessen meint, es gebe eine einfache Daumenregel: "Wichtig ist, sich klarzumachen, was ich für Wünsche habe und wie risikoscheu ich bin. Bin ich risikobereit? Kann meine Familie ein Risiko tragen?“ Risikoscheue Anleger können zum Beispiel weiter nach klassischen Anlagen wie Tagesgeld oder Festgeld suchen – einige Banken bieten dort noch ein paar magere Zinsen an. Für eine bessere Rendite müsse man sich aber schon an den Kapitalmarkt wagen und einzelne Wertpapiere kaufen, oder eben gemanagte Fonds, wie ETFs. "Wer risikofähig ist, sollte trotzdem nicht übereilt auf den Kapitalmarkt gehen. Sondern sich genau überlegen, welches Wertpapier kommt für mich in Frage? Wie breit streue ich meine Anlage?“, rät die Verbraucherschützerin.

Acht Jahre Mario Draghi, acht Jahre immer niedrigere Zinsen – so wird es auch unter der neuen EZB-Chefin Lagarde bleiben. Wer künftig noch etwas aus seinem Geld machen will, muss sich also Mühe machen und gezielt nach einer passenden Anlageform suchen.

Ein Beitrag von Marcus Pfeiffer
Online-Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 29.11.2019 09:47 Uhr

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