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Streit um Weißmacher – Wie ein womöglich krebserregender Stoff Europa spaltet

PlayTitandioxid wird als Weißmacher in vielen Zahnpastas verwendet.
Streit um Weißmacher – Wie ein womöglich krebserregender Stoff Europa spaltet | Video verfügbar bis 29.05.2020 | Bild: dpa / Achim Scheidemann

– Der Weißmacher Titandioxid wird in Zahnpastas, Lebensmitteln oder Wandfarben verwendet
– Debatte um Gesundheitsgefährdung durch Titandioxid
– Frankreich verbietet Titandioxid in Lebensmitteln
– Lebensmittelhersteller in Deutschland stellen Produktion um
– Rund 8.150 Arbeitsplätze hängen in der europäischen Chemie-Industrie von der Titandioxid-Produktion ab
– Lobbyisten üben Druck auf EU-Entscheider aus
– EU-Kommission will über Titandioxid entscheiden

Die Industrie verwendet den Weißmacher Titandioxid in Zahnpasta, Lebensmitteln oder Wandfarben. Forscher halten den Stoff für womöglich krebserregend, Frankreich hat ihn schon verboten. Jetzt nach der Europawahl tobt ein Kampf der Interessenverbände, ob und wie gefährlich Titandioxid ist. "Plusminus" zeigt die Hintergründe des Streits.

Titandioxid – ein Stoff, der vieles weiß und glänzend macht

Die strahlend weiße Zahnpasta, Kaugummis, die aussehen wie lackiert oder wie bunte Schokobonbons. Um solche Produkte hübsch und farbintensiv wirken zu lassen, braucht es Titandioxid als Zutat. Auch in Wandfarben, Kosmetika oder Sonnencrèmes ist Titandioxid für die Industrie der Weißmacher der Wahl. In Lebensmitteln wird der Stoff meistens als Farbstoff E171 gekennzeichnet. In Kosmetika oder Zahnpasta unter CI 77891 ausgewiesen.

Im Jahr 2017 warnte die europäische Chemikalienbehörde: Titandioxid steht im Verdacht, Krebs auszulösen.
Im Jahr 2017 warnte die europäische Chemikalienbehörde: Titandioxid steht im Verdacht, Krebs auszulösen. | Bild: Das Erste

Rolf Buschmann ist Chemiker beim Umweltverband BUND. Er stuft Titandioxid als bedenklichen Stoff ein, weil er in nanokleinen Partikeln auftauchen und so in Zellen eindringen könne. "Bei der Aufnahme von Nahrungsmitteln, die Titandioxid enthalten, gelangt das Titandioxid auch in den Magen-Darm-Trakt. Dort ist möglicherweise eine Freisetzung von Nanopartikeln vorhanden. In Tierversuchen konnten entzündliche Reaktionen nachgewiesen werden. Bei Untersuchungen, die wir durchgeführt haben, wurden zum Beispiel in einem Kaugummiüberzug acht Prozent dieser Nanopartikel gefunden".

Ist der Weißmacher gesundheitsschädlich?

Beeinträchtigt Titandioxid die Gesundheit, ist der Stoff sogar gefährlich? Seit Jahren gibt es dazu eine hitzige Debatte. Im Jahr 2017 warnte die europäische Chemikalienbehörde, dass der Stoff im Verdacht steht, Krebs auszulösen, wenn der Weißmacher über die Atemluft in den menschlichen Körper gelangt . Im vergangenen Monat ging die französische Regierung voran mit einem Verbot von Titandioxid in Lebensmitteln – für ein Jahr ab dem Jahr 2020.

Der Umweltexperte Dr. Rolf Buschmann begrüßt die Entscheidung:" Solange wir nicht nachweisen, dass Titandioxid in Ordnung ist, darf es eigentlich gar nicht vermarktet werden. Daher ist die Entscheidung in Frankreich sicherlich richtig."

Frankreich verbietet Titandioxid in Lebensmitteln für begrenzte Zeit

Frankreich hat damit Fakten geschaffen. Obwohl der Fall Titandioxid alles andere als eindeutig ist. Mehr als 300 Studien gibt es zu dem Themenkomplex. Trotzdem hat das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) erst vergangene Woche notiert: "Es besteht noch Forschungsbedarf."

Die Lebensmittelindustrie verwendet Titandioxid – oft nur aus ästhetischen Gründen.
Die Lebensmittelindustrie verwendet Titandioxid – oft nur aus ästhetischen Gründen.  | Bild: Das Erste

Sieglinde Stähle arbeitet beim Verband BLL, der die Lebensmittel-Industrie in Deutschland vertritt und beruft sich auf die Europäische Lebensmittelbehörde. Die kommt bislang zu dem Ergebnis, dass von Titandioxid im Essen keine Gefahr ausgeht. "Das Vorsorgeprinzip ist wichtig. Aber es darf nicht beliebig instrumentalisiert werden. Und das ist die Kritik, die wir am Vorgehen Frankreichs haben."

Hersteller stellen Produktion um

Eine Plusminus-Umfrage unter den 15 großen Süßwaren-Produzenten aber zeigt, dass einige Hersteller in Deutschland ihre Rezepte geändert haben. Kein Titandioxid verwenden laut eigener Angabe Kellogg’s, Bahlsen, Unilever, Ferrero, Danone, Ritter Sport und Intersnack. In den Produkten von Storck, Mars, Haribo, Dr. Oetker, Lindt, Mondelez und Nestlé kann dagegen noch Titandioxid stecken. Allerdings stellen davon fast alle ihre Produktion um. Der Hersteller Lambertz hat schon komplett umgesattelt.

"Die Hersteller machen das nicht aus Überzeugung, dass Titandioxid aus gesundheitlichen Gründen ausgetauscht werden muss. Sie reagieren jetzt auf die neuen rechtlichen Rahmenbedingungen, dass für ein Jahr ihre Produkte in Frankreich nicht verkehrsfähig sein sollen" entgegnet Sieglinde Stähle vom Verband BLL. Die Auswirkungen sind enorm, denn viele Konzerne produzieren für den gesamten europäischen Markt. In der Lebensmittelindustrie dürfte das Mittel Titandioxid in den meisten Produkten vor dem Aus stehen.

Streit in der Chemie-Industrie

Einen heftigen Streit gibt es in noch der Chemie-Industrie. Der Weißmacher Titandioxid steckt in Farben und Lacken, Zahnpasta, Sonnencremes, und Kosmetika. Jährlich setzten Europas Hersteller mit dem Weißmacher drei Milliarden Euro um. Rund 8.150 Arbeitsplätze sollen daran hängen.

Auch in manchen Farben ist Titandioxid als Weißmacher enthalten.
Auch in manchen Farben ist Titandioxid als Weißmacher enthalten. | Bild: Das Erste

Nach den Europawahlen will die neue EU-Kommission jetzt entscheiden, wie sie Titandioxid als Stoff einordnet. Margarida Silva arbeitet in Brüssel für eine Organisation, die den Machteinfluss der Unternehmen analysiert. Der Druck der Industrie sei bei Titandioxid größer als in der Debatte um das Pestizid Glyphosat. "Ich glaube, es war ein französischer Beamter, der mal einem Lobbytreffen zugestimmt hatte. Als seine Bürotür aufging, standen rund 20 Industrievertreter vor ihm. So etwas hat es ziemlich oft gegeben", erinnert sich Margarida Silva vom "Corporate Europe Observatory".

EU-Kommission will über Titandioxid entscheiden

In der EU-Hauptstadt Brüssel konzentriert sich der Streit. Der Hersteller-Verband TDMA weist Gesundheitsgefahren zurück. Der Verband gibt 14 Millionen Euro nur für die Lobbyarbeit aus: "Wir sprechen hier über die Kosmetik-Branche, über die Hersteller von Sonnencremes oder die Farbindustrie. Normalerweise sind das keine großen Player, aber sie verbünden sich und sind so ziemlich einflussreich geworden", erklärt Margarida Silva.

Rolf Buschmann vom BUND will die Diskussion nicht auf den Gesundheitsaspekt reduzieren. Die letzten Lebensmittelhersteller, die Titandioxid noch nutzen, müssten sich fragen, warum sie überhaupt noch an dem Stoff festhalten: "Titandioxid hat keinen ernährungsphysiologischen Mehrwert für uns, sonders soll Produkte nur schöner, hübscher oder glänzender machen. Darauf kann man auch verzichten wenn das Lebensmittel eine gute Qualität hat."

Im Supermarkt-Regal gibt es auch Süßwaren mit natürlichen Farbstoffen. Manche Hersteller weisen auf der Verpackung darauf hin. Dann ist ein Imagegewinn garantiert.

Hinweis der Redaktion: In einer vorherigen Text-Version ist uns ein Fehler unterlaufen. In den Produkten des Herstellers Storck kann mitunter Titandioxid enthalten sein (zum Beispiel im Produkt "Nimm2 Lolly"), das Unternehmen selber hat sich dazu in seiner Stellungnahme nicht geäußert.

Ein Beitrag von Daniel Hoh
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 11.06.2019 15:04 Uhr

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