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Explodierende Mieten? – Warum Wohnen unter dem Strich nicht teurer wird

PlayWie hoch ist der Wohnkostenanteil der Deutschen?
Warum Wohnen unter dem Strich nicht teurer wird | Video verfügbar bis 06.06.2019 | Bild: Das Erste

– Wohnkosten in Großstädten überdurschnittlich hoch
– Wohnkostenanteil vom Bruttolohn beträgt im Durchschnitt nur 17 Prozent
– Einkommen in ländlichen Gebieten gestiegen
– Geförderter Wohnraum dient als Puffer gegen höhere Mieten

Laut Medienberichten geben Millionen Haushalte 30 Prozent und mehr ihres Bruttoeinkommens für Miete aus. Schaut man auf die nüchterne Statistik, beträgt der Wohnkostenanteil der Deutschen nur 17 Prozent – unverändert seit zehn Jahren. Wie passt das zusammen? "Plusminus" will wissen, warum die allgemeine Wahrnehmung scheinbar nichts mit den Fakten zu tun hat.

Wohnkosten – nur 17 Prozent des Bruttoeinkommens

Wenn es um die Wohnkosten geht, scheinen die Unterschiede in Deutschland extremer geworden zu sein. Besonders angespannt ist die Lage in den Großstädten. Erst am Wochenende machten in Hamburg Tausende ihrem Ärger über das teure Wohnen Luft. Im April gingen mehr als 15.000 Berliner auf die Straße. Dementsprechend ist die Wahrnehmung der Bürger.

"Plusminus" fragt in der Stadt und auf dem Land: Wie viel gibt der Deutsche von seinem Bruttolohn für das Wohnen aus? Um die 30 bis 40 Prozent – schätzen die Teilnehmer bei einer Befragung. Laut Statistik sind es allerdings nur 17 Prozent des Bruttoeinkommens, die der Deutsche für die Warmmiete aufwendet. Wie kann das sein?

Wohnen in Großstädten – überdurchnittlich teuer

Steffi Brooks hat vor zwei Monaten eine neue Wohnung im Berliner Stadtteil Charlottenburg gefunden, nach einer einjährigen Odyssee. Sie ist alleinerziehende, zweifache Mutter und arbeitet als Physiotherapeutin. 40 Prozent ihres Einkommens muss sie für das Wohnen ausgeben. Dabei hat Steffi Brooks noch Glück, dass die Drei-Zimmer-Wohnung nur 1.000 Euro warm kostet. In der Metropole Berlin müssen die Menschen im Schnitt, mehr als ein Viertel ihres Lohnes für Wohnen ausgeben. Kein Einzelfall.

Neu errichtete Mehrfamilienhäuser im Europaviertel in Frankfurt.
Neu errichtete Mehrfamilienhäuser im Europaviertel in Frankfurt. | Bild: dpa / Arne Dedert

Zusammen mit der Analysefirma Empirica hat "Plusminus" einen Wohnkosten-Atlas erstellt. Extrem hoch ist der Wohnkostenanteil neben Berlin in München, Freiburg, Frankfurt, Köln, Jena und Kiel. Auch deutlich über dem Bundesdurchschnitt: der Süden Bayerns, die Ostseeküste, Stuttgart, Aachen und Hamburg. Warum steigen die Mieten in manchen Städten viel stärker als in anderen? Reiner Braun, Immobilien-Experte bei Empirica, erforscht die Immobilienmärkte seit Jahrzehnten – und beobachtet einen Trend. "Wir verteilen uns ungünstig. Wir haben zunehmende Leerstände in den Abwanderungsregionen und zunehmende Knappheiten in den beliebten Städten. Diesen Effekt beobachten wir in Deutschland etwa seit dem Jahr 2010."

Eine Erklärung für den niedrigen Durchschnitt finden wir in Zweibrücken in der Pfalz. Hier ist die Wohnbelastung in den vergangenen Jahren sogar gesunken – und liegt mit 14 Prozent unter dem Durchschnitt. Die Region gilt als strukturschwach, seitdem Schuhindustrie und US-Luftwaffenstützpunkt weg sind. Eine bezahlbare Wohnung war hier für Michèle Groß und ihren Freund Maurice Eickhoff schnell gefunden, obwohl beide keine Großverdiener sind. Ihre neue Wohnung hat vier Zimmer und kostet 600 Euro warm. Das sind nur 15 Prozent ihres Bruttolohns.

Einkommen in ländlichen Gebieten gestiegen

Zweibrücken ist keine Ausnahme. Viele Regionen in Deutschland liegen deutlich unter dem Durchschnitt. Besonders günstig ist es im Saarland, in der Pfalz, im nordöstlichen Bayern, in Nordhessen und Westfalen. Auch noch unter den 17 Prozent liegen weite Teile Sachsens, Ostfriesland bis zum Niederrhein und das Wendland. Alle diese Landstriche bilden ein Gegengewicht zu den teuren Metropolen. Das bedeutet: In den meisten Regionen Deutschlands müssen die Menschen gar nicht viel von ihrem Einkommen für das Wohnen ausgeben, und dieser Wert hat sich in den vergangenen fünf Jahren kaum verändert. Wie kann das sein? – Ein Grund ist die gute Lohnentwicklung.

Wohnen auf dem Land
Wohnen auf dem Land | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

Immobilien-Experte, Reiner Braun erklärt: "Insbesondere in ländlichen Regionen beobachten wir, dass die Einkommen sehr stark gestiegen sind – viel stärker als in den boomenden Städten. Die Mieten sind aber sehr viel weniger gestiegen. Das heißt, wir haben in Deutschland durchaus auch Regionen mit fallender Mietbelastung." Hinzu kommt, dass die Deutschen zunehmend vor den hohen Mietkosten flüchten und ins Umland ziehen, oder länger in ihren alten Mietverträgen bleiben. Das dämpft die Preissprünge.

Geförderter Wohnraum dient als Puffer gegen höhere Mieten

"Plusminus" ist in Deutschlands teuerster Stadt, München. Selbst dort findet man noch bezahlbaren Wohnraum. Norbert Haberger und seine Frau wohnen mit ihren drei Kindern in der Nähe des Olympiaparks. Vor zwei Jahren wurde der Familie die Wohnung wegen Eigenbedarfs gekündigt. Sie hatten sich eigentlich schon damit abgefunden, weit aus der Stadt ziehen zu müssen. Sie wohnen aber jetzt in einer Genossenschaftswohnung. Rund 25 Prozent ihres Einkommens geben sie für die Miete aus – das liegt unter dem Münchener Durchschnitt.

Geförderter Wohnraum ist in München keine Seltenheit: 795.000 Wohnungen gibt es insgesamt in der Stadt. Davon sind 193.000 städtische Sozial- oder Genossenschaftswohnungen und somit gefördert. Jede vierte Wohnung ist bezahlbarer Wohnraum. Geförderte Wohnungen wirken in den Städten also als Puffer gegen noch höhere Mieten.

Und was ist jetzt mit dem Durchschnitt?

Reiner Braun, Immobilien-Experte bei Empirica beantwortet die Frage so: "Tatsächlich kann man sagen, dass rund zwei Drittel der Bevölkerung in Deutschland eher nicht von deutlichen Mietsteigerungen betroffen sind." – Den Menschen in den Städten und Ballungszentren allerdings nützt solch eine Zahl natürlich nichts. – Ihre Lebensrealität ist oft eine ganz andere.

Ein Beitrag von Daniel Hoh

Stand: 09.10.2018 11:07 Uhr

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