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Hohe Wohnkosten – Wo der Staat Mietern und Eigentümern in die Tasche greift

PlayDie Eigenheimquote in Deutschland bleibt niedrig, auch weil Mieter und Eigentümer stark belastet werden.
Hohe Wohnkosten – Wo der Staat Mietern und Eigentümern in die Tasche greift | Video verfügbar bis 29.05.2020 | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

Hohe Wohnkosten – Wo der Staat Mietern und Eigentümern in die Tasche greift

Die Eigenheimquote in Deutschland bleibt niedrig, auch weil Mieter und Eigentümer stark belastet werden.  | Bild: dpa / Julian Stratenschulte

– Niedrige Eigenheimquote in Deutschland
– Mieter werden durch hohe Mehrwertsteuern belastet
– Eigentümer werden durch Mehrwertsteuer, Grundbuch- und Notarkosten sowie Grunderwerbsteuer belastet
– Der Blick zum EU-Nachbarn: Neubauten sind in den Niederlanden von der Grunderwerbsteuer befreit

Die Eigenheimquote in Deutschland ist und bleibt niedrig, trotz Unterstützung von Bund und Ländern. Und die Wohnkosten steigen weiter, während der Staat Mieter und Eigentümer durch Steuern und Pflichtabgaben belastet. "Plusminus" zeigt, wie leicht es wäre, günstiger zu wohnen oder zu kaufen.

Weniger Mehrwertsteuer würde bedeuten: größere Wohnung

Das Ehepaar Passmann lebt in einer Mietwohnung
Das Ehepaar Passmann lebt in einer Mietwohnung | Bild: Das Erste

Sofie und Daniel Passmann leben seit fünf Jahren in einem Haus der städtischen Wohnbaugesellschaft und zahlen 425 Euro für ihre 60 Quadratmeter große Mietwohnung.  Dass in Deutschland Schätzungen zufolge zurzeit mehr als 800.000 Wohnungen fehlen und der Bestand immer teurer wird, spürt das junge Ehepaar. Eine bezahlbarere, größere Wohnung ist nicht zu finden. Jetzt steigt auch noch die Miete wegen einer energetischen Sanierung. Das bedeutet: Weniger Geld zum Sparen für die eigenen vier Wände. Dabei könnten die Passmanns viel günstiger Wohnen – wenn der Staat bei den Nebenkosten nicht so zulangen würde.

Gemeinsam mit Regina Kamm vom Mieterbund Darmstadt rechnet Plusminus nach: Zu Buche schlägt unter anderem die Grundsteuer. Hier zahlen die Passmanns jährlich knapp 80 Euro an den Staat. Besonders teuer kommt den Passmanns auch die Mehrwertsteuer. Addiert man die jeweilige Mehrwertsteuer auf Heizung, Betrieb und Strom hinzu, ergibt sich eine jährliche Abgabenlast von 276 Euro. Bei einer ermäßigten Mehrwertsteuer von sieben Prozent und einem Erlass der Grundsteuer, könnte das Ehepaar 200 Euro im Jahr sparen.

Der Mehrwertsteuersatz könnte reduziert werden

Für Regina Kamm wäre es folgerichtig, den Mehrwertsteuersatz anzupassen: "Beim Wasser zum Beispiel haben wir ja einen Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent, das könnte ja auf andere Leistungen, die notwendig sind, so abgesenkt werden." Also auf Leistungen wie Strom, Öl oder Gas.

Dass der Staat nicht nur bei den Mietern ordentlich kassiert, lernen wir bei Familie Schmidt. Sie sind Besitzer eines neuen Hauses in Friedberg in Hessen. Das ist in ihrer Generation gar nicht mehr selbstverständlich. Seit dem Jahr 2002 ist die Quote der jungen Eigentümer um 3,7 Prozent zurückgegangen. Schon immer wollten die Schmidts ein Eigenheim als Rückzugsort für ihre Familie. Finanziell eigentlich kein Problem für die beiden Bundesbanker, aber die Zusatzausgaben summierten sich.

Eigenheim: Staat schlägt auch bei Grundbuchkosten und Grunderwerbsteuer zu

Gemeinsam mit den Experten vom Eigentümerverband „Haus und Grund“ rechnen wir nach, wo der Staat die Schmidts beim Hausbau besonders belastet hat. Von den Gesamtkosten in Höhe von knapp 600.000 Euro schlägt der Staat vor allem bei der Mehrwertsteuer, den Grundbuch- und Notarkosten sowie der Grunderwerbsteuer zu – mit insgesamt knapp 79.000 Euro.

Familie Schmidt hat ein Haus gebaut
Familie Schmidt hat ein Haus gebaut | Bild: Das Erste

Ein besonders kritischer Punkt ist die Grunderwerbsteuer, die seit der Föderalismusreform von jedem Bundesland selbst festgelegt werden kann. Die niedrigsten Sätze gibt es in Sachsen und Bayern mit 3,5 Prozent – entsprechend viel wird hier gebaut. Die höchsten Sätze gibt es dagegen vor allem in den stark verschuldeten Ländern Nordrhein-Westfalen, Saarland oder Schleswig-Holstein. In Hessen, wo die Schmidts wohnen, liegt die Grunderwerbsteuer bei sechs Prozent.

Es sind Belastungen, die die Eigenheimfördereffekte des Bundes zunichtemachen. Kai Warnecke von "Haus und Grund" Deutschland plädiert deswegen für eine Steuersenkung. Bei einer ermäßigten Mehrwertsteuer, einem Erlass der Grundbuch- und Notarkosten sowie einer gesenkten Grunderwerbsteuer von zwei Prozent hätten die Schmidts nur noch gut 26.000 Euro an den Staat zahlen müssen. Eine Ersparnis von mehr als 50.000 Euro.

Übrigens: Nimmt man alleine die Grunderwerbssteuer und die Grundbuchkosten der Schmidts zusammen, entspräche dies in etwa der Fördermenge für das neu geschaffene Baukindergeld. Würde man diese Abgaben einfach weglassen, könnten alle direkt davon profitieren – ohne lästige Anträge.

Wie es besser gehen kann, zeigen die Niederlande

Familie Hoogeboom hat ein Reinenhaus in Rotterdam gebaut
Familie Hoogeboom hat ein Reinenhaus in Rotterdam gebaut | Bild: Das Erste

Wie es besser gehen kann, zeigt ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn, erklärt uns Michael Voigtländer vom Institut der deutschen Wirtschaft. "Bei den Abgaben haben die Niederländer vorgelegt. Dort war die Grunderwerbssteuer bei sechs Prozent. Heute ist sie nur noch bei zwei Prozent. Auf Neubauten fällt gar keine Grunderwerbssteuer an. Dadurch ist das Bauen eben auch günstiger." Plusminus fährt nach Rotterdam. Besonders auffällig ist dort, dass bei vielen Bauprojekten, wie einer neuen Markthalle, gleich auch Wohnungen eingeplant wurden.

Die Häuslebauer in Holland haben es relativ leicht: Familie Hoogeboom zum Beispiel hat im Rotterdamer Stadtteil Katendrecht ein Reihenhaus gebaut. Obwohl Jack Hoogeboom als Architekt selbst viel plant und baut, war er überrascht von der guten Betreuung durch die niederländischen Behörden. 18 Monate dauerte es nur vom ersten Gedanken bis zum Einzug. Auch die Abgaben an den Staat hielten sich in Grenzen. Von den Baukosten flossen 900 Euro für Grundbucheintrag und Notarkosten an den Staat. Neubauten sind dort von der Grunderwerbsteuer befreit. Familie Hoogeboom zahlte so 14.400 Euro weniger als Familie Schmidt in Deutschland.

Die Plusminus-Recherche zeigt: Der deutsche Staat belastet Häuslebauer und Mieter mit hohen Nebenkosten und Steuern. Eine Senkung könnte das Bauen und Mieten für viele erleichtern. Es bräuchte den politischen Mut zu einer großen Steuerreform, um die Lage beim Wohnen deutlich zu entspannen.

Ein Beitrag von Marcus Pfeiffer
Bearbeitung: Jan Arnold

Stand: 29.05.2019 23:33 Uhr

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