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Weniger Zucker – Was uns Franzosen und Engländer voraus haben

PlayViel Zucker im Glas
Weniger Zucker – Was uns Franzosen und Engländer voraus haben | Video verfügbar bis 18.07.2019 | Bild: Das Erste

– In Deutschland ist in vielen Produkten deutlich mehr Zucker enthalten als in Produkten europäischer Nachbarländer.
– Eine Zuckersteuer hat in Großbritannien und Frankreich zu Reduzierung von Zucker in Produkten geführt.
– Die Politik in Deutschland will vorerst keine Zuckersteuer oder Kennzeichnung, wie eine Lebensmittel-Ampel, einführen.

Sprite oder Fanta – in Deutschland sind die Getränke mehr als doppelt so süß als in Großbritannien. Auch in Frankreich ist weniger Zucker in der Limo. Selbst die Discounter Lidl und Aldi machen bei ihren Getränken dort den Unterschied: Wo es die Zuckersteuer oder Lebensmittelampeln gibt, geht es auch mit weniger Kalorien.

Der Zuckergehalt im Erfrischungsgetränk "Sprite“ entspricht in Deutschland 9,1 Gramm Zucker pro 100 Milliliter. In Großbritannien sind es 3,3 Gramm, in Frankreich zwei Gramm. In der deutschen Literflasche "Fanta" stecken umgerechnet 15 Zuckerwürfel, in der französischen elf, in der britischen nur acht Stück. Wie kann das sein? Ganz einfach: Die Zuckersteuer macht den Unterschied. In Großbritannien werden zum Beispiel die Softdrink-Hersteller ab fünf Gramm pro 100 Milliliter zur Kasse gebeten. Also senken die Unternehmen den Zuckergehalt unter diese Marke. – Die Steuer wirkt.

Zuckersteuer wirkt

Die Steuer schlägt auch bei Eigenmarken deutscher Hersteller durch. In der deutschen Cola von Lidl steckt doppelt so viel Zucker, wie in der britischen Variante. Auch in der Limonade von Aldi ist der Zuckergehalt in Deutschland fast doppelt so hoch wie in Großbritannien. Oliver Huizinga, von der Verbraucherorganisation "Foodwatch“, setzt sich deshalb schon länger für eine Zuckersteuer – auch in Deutschland – ein. Doch die Politik blockiere, so Oliver Huizinga: "Hierzulande traut man sich nicht, sich mit der Lebensmittelindustrie anzulegen. Die zuständige Ministerin schlägt sich sogar auf die Seite der Zuckerlobby. Das muss wirklich aufhören, sonst werden wir die Epidemie an Übergewicht, die Epidemie an Typ2-Diabetes, nicht in den Griff bekommen, Hier muss die Politik gegenüber der Industrie klare Kante zeigen.“

Länder mit Zuckersteuer
Länder mit Zuckersteuer | Bild: Das Erste

 

Zuständiges Ministerium glaubt nicht an die Zuckersteuer

In manchen Ländern zeigt die Politik klare Kante: Neben Großbritannien gibt es zum Beispiel eine Zuckersteuer in Frankreich, Belgien, Portugal und Norwegen. Insgesamt in neun Ländern in Europa. Deutschland ist erkennbar nicht dabei. Warum nicht? "Plusminus" fragt im Ministerium von Julia Klöckner (CDU) nach. Schriftlich teilt man uns als Begründung mit: "Unklar ist, ob die Einführung der Steuer auf Dauer den Konsum der Verbraucher verändert.“ Stattdessen solle ein gesunder Lebensstil "vor allem durch Transparenz, Information und Ernährungskompetenz erreicht werden.“

Die Getränke-Hersteller berufen sich gerne auf den Kundengeschmack. Gibt es bei der Sprite einen Unterschied? Doch in einer Stichprobe schmecken die Probanden kaum einen Unterschied. Die Hersteller kündigen zwar an, den Zucker zu reduzieren. Aber nach eigenen Regeln. Noch bekommen die Deutschen im EU-Vergleich, die Zucker- und Kalorienbomben ab. Und nicht nur das: Auch bei der Kennzeichnung der Nährwerte, von  Zucker, Fett und Salz hinkt Deutschland hinterher.

Länder mit Lebenmittel-Ampel
Länder mit Lebenmittel-Ampel | Bild: Das Erste

Orientierung für Verbraucher – Die Lebensmittel-Ampel

In Großbritannien gibt es schon seit längerem eine sogenannte Lebensmittel-Ampel. Ende 2017 hat Frankreich ein eigenes Modell eingeführt, angeschoben von der Regierung.

"Plusminus“ ist im Großraum Paris unterwegs – in einem Supermarkt der Kette "Intermarché“. Hier finden wir den sogenannten "nutriscore“: A und B stehen für ausgewogene, gesunde Produkte. Zeigt die Ampel D oder E, ist das Lebensmittel sehr süß, salzig oder fettig. Olivier Touzé kümmert sich bei "Intermarché“ um die Umsetzung der Lebensmittel-Ampel. Die ersten Aufdrucke gibt es schon, es sollen schnell mehr werden.

Was die Lebensmittel-Ampel in Frankreich bewirkt

"Bis Ende des Jahres werden wir rund 350 Produkte umgestellt haben, bis Mitte 2019 dann schon 650. Die Ampel ist dann in den Filialen, wie auch in unserem Online-Shop zu sehen." Die Hersteller stehen in Frankreich unter Druck, für ihre Produkte eine möglichst gute Ampel-Bewertung zu bekommen. Also entwickeln sie neue Rezepte – das heißt: gesündere Produkte.

"Bei diesem Schinkensalat zum Beispiel, haben wir den Fett-, Zucker- und Salzgehalt gesenkt. Wir haben die Mayonnaise darin verändert. Jetzt sind es 40 Prozent weniger Fett und 30 Prozent weniger Salz. Dadurch hat der Salat die Note B bekommen." erklärt Qualitätsmanager Olivier Touzé. Mit dem alten Rezept wäre es die Note D gewesen. Das Beispiel zeigt: Die Lebensmittel-Produzenten liefern sich hier einen Wettbewerb, um das gesündere Produkt. – Die Ampel funktioniert. Gut 70 Hersteller machen in Frankreich schon mit, unter anderem die großen Supermarkt-Ketten.

Berlin geht auf Distanz zur Lebensmittel-Ampel

Und wie sieht es in Deutschland aus? Auch zur Lebensmittel-Ampel geht Berlin auf Distanz. Dabei ist fast jeder, der hierzulande mit Gesundheit und Ernährung zu tun hat, für die Lebensmittel-Ampel: Verbraucherschutzminister, Krankenkassen, Ärzte und Verbraucherschützer.

"Wir brauchen eine Kennzeichnung in Ampelfarben, die muss auf der Vorderseite des Produkts sein, die muss leicht verständlich sein und sie muss einheitlich sein. Bislang hat die Ernährungsindustrie erfolgreich ein einfaches Modell verhindert, und die Bundesregierung hat dabei Schützenhilfe geleistet.", beklagt Oliver Huizinga von "Foodwatch".

Ein Hersteller prescht vor – mit eigenem Ampel-Modell

Unerwartete Unterstützung kommt jetzt von dem Hersteller "Danone“. Ab dem Jahr 2019 will der Konzern hierzulande das französische Ampelmodell auf seine Joghurts drucken. Deutschland-Chef Richard Trechman erklärt warum. "Es ist wissenschaftlich anerkannt, und es ist für den Verbraucher sehr einfach zu verstehen. Das Wichtigste: Es verändert das Einkaufs- und Konsumverhalten, hin zu einer gesünderen Ernährung.“ Verkehrte Welt: Jetzt gibt die Industrie beim Verbraucherschutz den Takt an. "Wir würden uns wünschen, dass die Bundesregierung diese Initiative unterstützt, weil wir denken, dass es das Richtige für den Verbraucher ist." fügt "Danone"-Deutschland-Chef, Richard Trechman, hinzu.

Wie es aussähe, wenn auf allen Lebensmitteln in Deutschland eine Ampel wäre

Dosenmais und Spaghetti bekämen ein A, eingelegte Gurken und Himbeer-Joghurt ein B. Bei Tütensuppe, Knusper-Müsli und  Chips würde die Ampel auf das gelbe C springen. Und auf "Nutella", "Cola“ und Co. würde ein rotes E prangen.

Kein Wunder, dass gerade diese Hersteller staatliche Regulierungen ablehnen. Dabei zeigen unsere Nachbarländer, wie es besser geht.

Ein Beitrag von Daniel Hoh und Sebastian Hanisch

Stand: 31.07.2018 12:12 Uhr

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