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Kfz-Steuer – klammheimliche Erhöhung

PlayAus dem Auspuff eines Autos kommt eine dunkle Abgaswolke
Kfz-Steuer – klammheimliche Erhöhung | Video verfügbar bis 15.05.2020 | Bild: Fotolia / olando

– Weil bei alten Modellen getrickst wurde, wird nun beim sogenannten WLTP-Test genauer gemessen. Der für Autos ermittelte Kraftstoffverbrauch und der CO2-Ausstoß liegen fast immer deutlich höher.
– So wird die Kfz-Steuer für viele Autos deutlich teurer als die ihrer Vorgänger-Modelle, selbst wenn sie in der Praxis viel umweltfreundlicher sind.
– Der ADAC fordert, die Kfz-Steuer an die neuen Messwerte anzupassen und nicht Kunden zu bestrafen. Mit einem Umrechnungsfaktor könnte ein Ausgleich geschaffen werden.

Mehr KFZ-Steuer bezahlen, wenn man ein umweltfreundliches Auto kauft – kaum zu glauben aber wahr. Dabei erinnern uns die Politiker doch ständig daran, dass wir noch mehr für den Klimaschutz zahlen müssten – wie etwa die viel diskutierte CO 2-Steuer. Doch in diesem Fall ist das neue Messverfahren für Abgaswerte der Grund: Weil vorher beim Verbrauch kräftig getrickst wurde, müssen Autokäufer jetzt mehr zahlen. Und das trotz besserer Motoren:

Eigentlich ist er mit seinem neuen Auto sehr zufrieden. Der Dacia Duster von Christian J. ist mit Adblue-Technik besonders umweltfreundlich und verbraucht einen Liter weniger als sein Vorgänger-Modell. Umso mehr war er verärgert, als der Kfz-Steuer-Bescheid kam. Statt 150 sind es für den Neuen nun plötzlich 236 € pro Jahr. Fast 60 Prozent mehr für ein sparsameres Auto?  

Christian J.: "Der Dieselfahrer ist schon gestraft. Habe es beim Vorgängermodell erlebt, als der Vorgänger rauskam, da ging es mit dem Dieselskandal los und der Wert sofort in den Keller gesackt und wenn man dann sagt, ich nehme den neuen, umweltfreundlicheren, dann durch die kalte Küche bestraft zu werden, das ärgert."

Neue Dieselautos deutlich teurer als Vorgänger

Und so ergeht es nun fast allen Käufern von Neuwagen. Weil bei den alten Modellen getrickst wurde, wird jetzt genauer gemessen. Beim so genannten WLTP-Test liegt der Kraftstoffverbrauch und damit der CO2-Ausstoß fast immer deutlich höher. Auf dem Prüfstand werden voll ausgestattete Autos eingesetzt und auch höhere Geschwindigkeiten gefahren. Eigentlich gut, aber: Mehr CO2 – mehr Kfz-Steuer. So werden viele Autos deutlich teurer als ihre Vorgänger-Modelle – selbst wenn sie in der Praxis viel umweltfreundlicher sind.

Aktuelle Einstufung bei Kfz-Steuer sorgt für Überraschung

Prof. Ferdinand Dudenhöffer, Verkehrswissenschaftler Universität Duisburg-Essen: "Unter dem neuen Prüfzyklus WLTP steigt die Steuer bei allen Fahrzeugen, bei einigen sehr stark, bei den Benzinern, und beim Diesel bleibt es überschaubarer. Es gibt eine neue Einstufung, die bei den einen oder anderen für Augenreiben sorgen wird."

Die Experten der Universität Duisburg-Essen haben sich den neuen Test und die Kfz-Steuer genau angeschaut. Ergebnis: Der gemessene Verbrauch auf dem Prüfstand ist im Schnitt 20 Prozent höher als früher, die Kfz-Steuer legt deutlich zu. Bei Einkommenssteuer oder Stromrechnung würde es einen kollektiven Aufschrei geben. Hier bleibt der offenbar aus. Wieso eigentlich?

Prof. Ferdinand Dudenhöffer, Verkehrswissenschaftler Universität Duisburg-Essen: "Die Erhöhungen der Kfz-Steuer werden kaum sichtbar werden, weil sie in der Regel abgebucht werden. Kein Mensch weiß, wie hoch die Kfz-Steuer ist. Bei manchen sind die Erhöhungen 20, 30, 50€. Es kann aber auch in die 200 oder 300€ pro Jahr gehen."

Staat kassiert 200 Millionen Euro Kfz-Steuern zusätzlich

Der Bund nimmt jährlich rund 9 Milliarden Euro Kfz-Steuer ein. Nun kann Finanzminister Scholz mit rund zweihundert Millionen mehr rechnen. Beim Besuch eines großen Autozulieferers in Saarbrücken wollte er eigentlich nichts zu diesem Thema sagen. Man muss ja keine schlafenden Hunde wecken. Als wir ihn direkt darauf ansprechen, verweist er nur sehr allgemein auf einen Klimaplan der Bundesregierung.

Olaf Scholz, Bundesfinanzminister: "Aus meiner Sicht gibt es da eine ganz klare Maßgabe: Wir müssen sicherstellen, dass alles bezahlbar bleibt und dass der menschengemachte Klimawandel aufgehalten wird."

Auch der ADAC hat verschiedene Modelle nachgerechnet und Steigerungen von zum Teil über 70 Prozent gefunden. Doch in Einzelfällen ist es noch dramatischer.

Christian J. hat auch für seine Frau einen neuen Wagen gekauft. Einen Nissan Benziner, genau das gleiche Modell wie zuvor. Böse Überraschung: Die Kfz-Steuer ist von neunzig auf zweihundertzwanzig Euro gestiegen, fast das zweieinhalb-fache. Obwohl der neue Wagen zwar etwas mehr Hubraum hat, aber weniger PS.

ADAC fordert Anpassungsfaktor oder Förderung des ÖPNV

Der ADAC fordert, die KFZ-Steuer an die neuen Messwerte anzupassen und nicht die Kunden zu bestrafen, die bessere Autos kaufen. Mit einem Umrechnungsfaktor könnte ein Ausgleich geschaffen werden, gerade auch für kleinere Modelle.

Wilfried Pukallus, Vorstand Verkehr ADAC Saarland.: "Einen Anpassungsfaktor einbauen wäre die gerechteste Lösung und wenn man dies nicht tun will, wofür viele Anzeichen sprechen, dann sollten die Mehreinnahmen nicht in den normalen Haushalt fließen..."

… sondern in bessere Verkehrsmittel investiert werden. Da ist der ADAC nicht mehr der reine Auto-Club wie früher. Er hat auch andere Vorschläge für die Verwendung der Mehreinnahmen.

Wilfried Pukallus, Vorstand Verkehr ADAC Saarland.: "Die können auch bei der Umstellung des ÖPNV auf umweltfreundliche Fahrzeuge eingesetzt werden. Nur es sollte dann auch in der Mobilität bleiben."

Mehr Transparenz bei Verlagerung von Kfz-Steuer auf Kraftstoffrechnung

Bei Herstellern und Händlern sind wir mit unserer Anfrage fast überall abgeblitzt. Kein Gesprächsbedarf. Dabei könnte ja durchaus diskutiert werden, ob die Kfz-Steuer in der jetzigen Form überhaupt noch sinnvoll ist. Würde man sie abschaffen und auf den Kraftstoff verlagern, wären die Straßennutzung und der Klimaschaden viel präziser erfasst.

Prof. Ferdinand Dudenhöffer, Verkehrswissenschaftler Universität Duisburg-Essen: "Jeder würde dann, wenn er an der Tankstelle vorbeifährt, genau merken wie viel sein Fahrzeug verbraucht und mehr darauf achten. Dann würden viel eher spritsparende Modelle gekauft werden, als wenn man eine nebulöse Kfz-Steuer erhebt, die keiner wirklich richtig beachtet."

Aber das wird nicht passieren. Beim Mineralöl würden auch die Länder etwas abbekommen. Die KFZ-Steuer steht allein dem Bund zu. Und der braucht sie ja vielleicht irgendwann zur Anrechnung auf die Autobahn-Maut der CSU.

Ein Beitrag von Lars Ohlinger

Stand: 16.05.2019 13:31 Uhr

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