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Schulden für das Klima: Wie grün sind grüne Anleihen wirklich?

PlayWindräder auf einem Feld bei Aschersleben (Symbolbild).
Schulden für das Klima: Wie grün sind grüne Anleihen wirklich? | Video verfügbar bis 30.06.2022 | Bild: picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild / Stephan Schulz

  • Immer mehr Staaten, Städte und Unternehmen geben grüne Anleihen sogenannte Green Bonds aus. Der Markt boomt und hat sich binnen zehn Jahren mehr als verhundertfacht.
  • Die Einhaltung von Regeln für solche Anleihen ist freiwillig. Die EU arbeitet an strengeren Standards, doch auch die werden freiwillig sein.
  • Das Institut der Wirtschaftsprüfer sieht die Gefahr einer grünen Blase.
  • Der Bund kann sich mit grünen Anleihen günstiger verschulden. Das spart dem Steuerzahler gut 46 Millionen Euro.
  • Es werden aber keine zusätzlichen Euros locker gemacht für nachhaltige Investitionen.

Die geplante Anleihe der Stadt München

München will bis 2035 klimaneutral sein. Dafür muss die Stadt viel in nachhaltige Projekte investieren. Das Geld will sie auch mit grünen Anleihen einsammeln, ausgegeben über Banken. Investieren sollen professionelle Anleger aber auch Privatleute. Wohin das Geld fließt, wird erst noch ausgearbeitet. Im Herbst soll es soweit sein. Die Stadt will dann jährlich 100 Millionen Euro einsammeln.

Die grünen Anleihen des Bundes

Der Bund hat sich vergangenes und dieses Jahr nachhaltig verschuldet. Er hat drei grüne Anleihen ausgegeben zu je 0 Prozent Zins mit 5,10 und 30 Jahren Laufzeit. Das Gesamtvolumen beträgt 17,5 Milliarden Euro.

Grüne Anleihen
Grüne Anleihen | Bild: BR

Wie grün sind die Bundesanleihen wirklich?

Wirtschaftsprüfer haben den vom Parlament verabschiedeten Haushalt 2019 nach nachhaltigen Investitionen gescannt. Von 356,4 Milliarden Euro Gesamthaushalt haben sie dann 12,3 Milliarden Euro Ausgaben für nachhaltige Investitionen gefunden. Daraufhin verschuldete sich der Bund im Folgejahr mit grünen Anleihen in Höhe von 11,5 Milliarden Euro, alles rückwirkend.

Kritik der Wirtschaftsprüfer

Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer meint grüne Anleihen sollten Anreize für die Zukunft schaffen. Er kritisiert, dass die Green Bonds der Bundesrepublik Investitionen finanzieren, die in der Vergangenheit getätigt wurden. Sie könnten also keine unmittelbare Verhaltensbeeinflussung mehr auslösen, was ja mit der Emission von Green Bonds beabsichtigt sei.

Das Bundesfinanzministerium verteidigt sich

Staatssekretär Jörg Kukies
Staatssekretär Jörg Kukies | Bild: BR

Staatssekretär im Bundesministerium für Finanzen Dr. Jörg Kukies kontert: "Das liegt ganz einfach an der Budgethoheit des Parlaments. Wir dürfen ja nicht durch die Ausgaben von grünen Bundesanleihen quasi das Recht des Bundestages, zu entscheiden, wie viel und wofür ausgegeben wird, quasi vorbestimmen."

Die Folge: Um eigentlich normale Bundesanleihen kam ein grünes Band. Die Nachfrage war enorm, obwohl die Rendite negativ war, noch schlechter als bei normalen Anleihen. Weil Investoren eine schlechtere Rendite in Kauf nehmen, kann sich der Bund günstiger verschulden. Das spart dem Steuerzahler gut 46,2 Millionen Euro.

München will profitieren

München will bis 2035 klimaneutral sein.
München will bis 2035 klimaneutral sein. | Bild: BR

Der Stadtkämmerer der Stadt München, Christoph Frey, will sich die Chance auf günstigeres Geld in Form einer grünen Anleihe auch nicht entgehen lassen. Er sagt: Geld hat keine Farbe und betont, dass das Geld, das die Stadt von Dritten bekäme, egal ob von Banken, Pensionsfonds oder auch von der Münchner Bürgerschaft, sei natürlich am Ende des Tages wieder zurückzuzahlen, und damit nichts anderes als eine Kreditaufnahme.

Marktentwicklung und Motive

Immer mehr Länder, Städte und Unternehmen bieten grüne Anleihen an. Wurden weltweit 2010 noch Papiere im Wert von 2,5 Milliarden Dollar ausgegeben, waren es 2020 schon eine Billion Dollar. Doch was treibt die Investoren? Warum nehmen sie für das Wort "grün" sogar schlechtere Renditen in Kauf? Analyst Marcus Pratsch von der DZ-Bank sieht Nachhaltiges Investieren längst nicht mehr als Nischenthema. Nachhaltigkeit am Kapitalmarkt würde sich zum new normal entwickeln, mit einem natürlichen Wettbewerb innerhalb der Investoren.

Grüne Anleihen weltweit
Grüne Anleihen weltweit | Bild: BR

Immer mehr Unternehmen geben grüne Anleihen aus

Der Wohnungskonzern Vonovia sammelte im März 600 Millionen Euro ein zu einem Zins von 0,625 Prozent. Die Anleihe war fünffach überzeichnet, also die Nachfrage fünf Mal größer als das Angebot.

Vonovia gab Anleihe raus.
Vonovia gab Anleihe raus. | Bild: BR

Das Geld will Vonovia für die energetische Sanierung der Wohngebäude einsetzen. Diese ist gesetzlich gefordert, denn viele Immobilien des Konzerns stammen aus den 50er-Jahren, mit alten Heizungen und einem schlechten Energiewert. Wird das Geld also für sowieso zwingende Maßnahmen einfach grün deklariert? Das Unternehmen schreibt uns auf Anfrage: "Wir machen einzelne Sanierungen nicht eins zu eins an einer Anleihe fest. Wir sanieren unsere Gebäude, weil wir unsere Wohnungen viele Jahre oder Jahrzehnte bewirtschaften."

Formal ist dabei alles korrekt. Vonovia ließ sich die Anleihe nach dem international führenden Label "Green Bond Principles" zertifizieren.

Regeln sind nur freiwillig

Die Green Bond Principles sind ein freiwilliger Standard, der vieles offen lässt. So heißt es In den Richtlinien: "Es gibt verschiedene Levels und Arten von Gutachten … Prüfungen können in ihrem Umfang variieren … Die Principles berücksichtigen, dass eine externe Evaluierung vollständig oder auch nur teilweise erfolgen kann."

EU arbeitet an Regeln.
EU arbeitet an Regeln. | Bild: BR

Prof. Klaus-Peter Naumann, Vorstandssprecher des Instituts der Wirtschaftsprüfer kritisiert eine fehlende scharfe Abgrenzung, was wirklich grün ist. Er sagt: "Die Gefahr, die ich sehe, besteht darin, dass Anleger und Emittenten unterschiedliche Vorstellung von der Frage haben, was ein Green Bond ist. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, werden Anleger die Papiere wieder abstoßen. Das hohe Emissionsvolumen würde schlagartig auf den Markt kommen können, und das beinhaltet die reale Gefahr einer platzenden Blase.

Der EU Green Bond Standard

An einheitlichen und strengeren Regeln arbeitet die EU. Im Juli soll der so genannte EU Green Bond Standard kommen, doch auch dieses Label wird nicht verpflichtend, sondern freiwillig sein.

 (Bericht: Reinhard Weber/BR)
 (Stand: Juni 2021)

Stand: 30.06.2021 22:44 Uhr

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