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Städte in Not: Die Auswirkungen der Automobil-Krise

PlayDas Mercedes-Werk in Sindelfingen dominiert das Ortsbild – und ist wichtig für die Einnahmen der Stadt.
Städte in Not: Die Auswirkungen der Automobil-Krise | Bild: BR

  • Städte wie Bamberg, Ingolstadt oder Sindelfingen: Sie geraten zurzeit in den Abwärtsstrudel der Automobilindustrie. Während noch vor kurzem die Gewerbesteuer-Einnahmen nur so sprudelten, sind die städtischen Kassen nun plötzlich leer.
  • Zuerst trifft es die Standorte der Automobil-Zulieferindustrie wie in Hallstadt bei Bamberg: Ein Betrieb schließt dort sein Werk, über 900 Arbeitsplätze gehen verloren. Und auch andere Zulieferer in der Region wollen Jobs streichen, weil die Aufträge ausbleiben. Und das heißt: deutlich weniger Steuer-Einnahmen für die Kommunen.
  • Ähnlich die Lage in Ingolstadt mit Audi und in Sindelfingen mit Daimler. Die beiden Städte profitierten viele Jahre von den Autoherstellern im Ort. Seit Beginn der Automobil-Krise zeigt sich aber, wie verhängnisvoll es sein kann, wenn man von einer einzigen großen Firma abhängig ist.
  • In Ingolstadt zum Beispiel heißt es schon: "Wenn Audi hüstelt, hat Ingolstadt eine Lungenentzündung." Und in Sindelfingen muss bereits massiv gespart werden. "Plusminus" über die Auswirkungen der Auto-Krise auf Städte und Gemeinden.

Krisenstimmung an Deutschlands Autostandorten. Noch vor wenigen Jahren sprudelten die Einnahmen – jetzt fehlt das Geld an allen Enden. Die Krise in der Automobilindustrie hat die Kommunen erreicht – und damit die Bürger. Dringend nötige Investitionen werden aufgeschoben – oder ganz gestrichen. Beispiel Sindelfingen in Baden-Württemberg. Die Stadt war jahrelang die reichste Kommune Deutschlands. Davon zeugen noch Zebrastreifen – aus echtem Carrara-Marmor. Die Steuereinnahmen waren enorm. Dank Daimler. Der Autohersteller hat in Sindelfingen sein größtes Werk.

Weniger Gewerbesteuern

Doch die Zeiten des Wohlstands in Sindelfingen sind vorbei. Innerhalb kurzer Zeit gingen die Gewerbesteuer-Einnahmen extrem zurück. Waren sie bis 2017 auf rund 153 Millionen Euro geklettert, geht man in diesem Jahr nur noch von 31 Millionen aus. Die Folge: Sindelfingen muss sparen. "Wir müssen jetzt alle ganz massiv den Gürtel enger schnallen", erklärt Oberbürgermeister Bernd Vöhringer. Wir setzen den Rotstift in ganz verschiedenen Bereichen an und werden zahlreiche Investitionen erst einmal stoppen und verschieben müssen."

Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer
Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer | Bild: BR

So zum Beispiel die dringend nötige Sanierung der Tiefgarage unter dem Marktplatz. An einigen Stellen haben sich große Risse in der Betondecke gebildet. Um sie abzusichern, wurden provisorische Stützen eingezogen. Wo früher Autos parkten, stehen jetzt Holzbalken. Und das könnte noch länger so bleiben, so Bernd Vöhringer. "Wir rechnen mit Sanierungskosten inklusive der neuen Gestaltung der Marktplatzoberfläche von 30 bis 35 Mio. Euro. Jetzt kann man sich vorstellen bei geplanten Gewerbesteuereinnahmen von 25 bis 30 Mio. Euro pro Jahr ist das natürlich eine Aufgabe, eine Herausforderung, die fast nicht zu schultern ist."

Ein weiterer Sanierungsfall: das Stadion. Die Laufbahn ist total kaputt. Kaum zu glauben, dass hier international erfolgreiche Sportler vom örtlichen Leichtathletik-Verein trainieren müssen. Die Planungen für eine Erneuerung waren bereits abgeschlossen. "Wir könnten jetzt die Aufträge vergeben", so der Oberbürgermeister. "Wir können es aber nicht. Es wird alles erst einmal zurückgestellt. Und das merken die Sportlerinnen und Sportler sehr direkt bei ihrem täglichen Training und bei entsprechenden Veranstaltungen."

Gefährliche Abwärtsspirale

Nicht nur Sindelfingen hat Probleme. Fast alle Automobilstandorte leiden unter der Krise. Denn wenn die Autohersteller weniger Gewinn machen, sinkt auch die Gewerbesteuer für die Kommunen. Dr. Hans-Hermann Albers ist Stadtforscher und lehrt an der TU Berlin im Fachgebiet Stadt- und Regionalökonomie. Er warnt vor den Folgen dieser Entwicklung: "Das kann wirklich zu einer Spirale führen. Das bedeutet zu Anfang Verlust von Gewerbesteuereinnahmen. Das nächste ist, dass Unternehmen Mitarbeiter freistellen. Die Arbeitslosigkeit steigt. Das bedeutet natürlich auch Konsumkraftverluste. Und das bedeutet auf dem Immobilien- und Wohnungsmarkt sinkende Preise und natürlich auch ein Wegzug von Bevölkerung."

In Ingolstadt arbeiten fast 45.000 Menschen für Audi.
In Ingolstadt arbeiten fast 45.000 Menschen für Audi. | Bild: BR

Beispiel: Ingolstadt in Bayern. Hier am Audi-Hauptsitz arbeiten fast 45.000 Menschen für das Unternehmen. Zwei Drittel aller Arbeitsplätze hängen direkt oder indirekt an der Automobil-Industrie. Audi ist aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Hüstelt Audi, hat Ingolstadt eine Lungenentzündung, heißt es.

"Wir haben als Stadt Ingolstadt immer mit den Auf und Abs der Automobilindustrie gelebt", erzählt Oberbürgermeister Christian Lösel. "In guten Zeiten haben wir auch Rücklagen bilden können, so dass wir jetzt schuldenfrei sind und auch noch etwas auf der Hohen Kante haben. Wir müssen aber auch sagen, dass es sowohl hinsichtlich der Anzahl der Arbeitsplätze, hinsichtlich der Lohnsumme auch jetzt in den nächsten Jahren zurückgehen wird, und natürlich merken wir das zum Beispiel am Immobilienmarkt. Die Leute werden vorsichtiger."

 Sinkende Nachfrage bei Immobilien

Immobilienmakler Hermann März
Immobilienmakler Hermann März | Bild: BR

Das spürt auch Hermann März. Der Immobilienmakler hat schon einige Konjunkturflauten mitgemacht. Aber so wie jetzt hat er es noch nie erlebt. "Es kommen fast keine Anrufe mehr von Leuten, die etwas suchen. Auch von Leuten, die zuziehen und etwas suchen, ist fast keine Anfrage mehr da. Objekte, die wir anbieten, da gibt es fast keine Resonanz mehr. Es ist schon extrem zurückgegangen."

Und Probleme gibt es nicht nur an den Standorten der Auto-Hersteller wie man in der Region Bamberg im Norden Bayerns erfährt. Dort sind viele Automobil-Zulieferer angesiedelt – Branchengrößen wie Brose oder Bosch. Aber auch kleinere Betriebe wie der von Herbert Grimmer. 50 Mitarbeiter hat er, dazu noch mal 10 Auszubildende. Er ist froh, dass sein Unternehmen auch für andere Branchen wie die Medizintechnik arbeitet. Denn die Aufträge aus der Auto-Industrie sind um 30 bis 40 Prozent eingebrochen wie Herbert Grimmer berichtet: "Wir haben Aufträge verloren. Stückzahlen wurden reduziert. In der Weiterentwicklung der Produkte wird gespart. Und teilweise werden auch Aufträge zurückgeholt, die wieder intern im Unternehmen hergestellt werden. Das sind so die ersten Auswirkungen."

Städte müssen Gürtel enger schnallen 

Im nahegelegenen Hallstadt ist Bürgermeister Thomas Söder in Sorge. Seine Stadt hat 8500 Einwohner – und bisher noch 7500 Arbeitsplätze. Fast alle in der Automobil-Zulieferindustrie. Doch nun werden in vielen Betrieben Stellen abgebaut. Und nicht nur das: Der Reifenhersteller Michelin schließt sein Werk hier komplett. 858 Arbeitsplätze fallen weg. Für die Stadt ein herber Schlag – auch finanziell.

858 Arbeitsplätze fallen weg.
858 Arbeitsplätze fallen weg. | Bild: BR

Zwar hat Hallstadt für ein bis zwei Jahre Rücklagen. Doch verschärft sich die Automobilkrise weiter, wird es kritisch für alle, so Thomas Söder. "Wir haben momentan die Situation, dass alle Einrichtungen kostenfrei sind für die Eltern und Familien: Kindergarten, Kinderkrippe. Aber in der Zukunft müssten dann wohl Beiträge erbracht werden von den Eltern. Unser Freibad ist sehr familiengünstig mit sehr guten Eintrittspreisen. Da würde auch eine Erhöhung anstehen. Und die Steuern und Gebühren würden sich für die Bevölkerung erhöhen."

Nicht nur Hallstadt ist betroffen. Im ganzen Landkreis Bamberg geht die Angst um. 25.000 Arbeitsplätze stehen auf dem Spiel. Deshalb hat man im Landratsamt vor wenigen Tagen einen offenen Brief an Bundeswirtschaftsminister Altmaier geschrieben – ein Hilferuf des Landrats nach Berlin. "Das heißt für so eine Region, dass wir um die Arbeitsplätze bangen, erklärt Landrat Johann Kalb. "Und das heißt, dass an den 25.000 Arbeitsplätzen Familien dranhängen. Das heißt auch, dass es insgesamt eine andere Struktur geben kann. Deswegen müssen wir versuchen uns um diese Arbeitsplätze zu kümmern."

Kein Geld für Sanierungen

Zurück in Sindelfingen. Im Hallenbad ist die Technik aus den 70er Jahren immer öfter defekt. Schon mehrmals musste das Bad geschlossen bleiben. Doch für eine Sanierung fehlt das Geld, so Oberbürgermeister Bernd Vöhringer. "Sindelfingen ist immer eine der ersten Städte, die die Krise spürt. Aber ich habe auch von den anderen Kollegen gehört: zwei, drei Jahre können sie es ausgleichen so wie wir auch, aber dann haben wir ein Flächenthema."

Nach "Plusminus"-Recherchen wurden bundesweit allein in den vergangenen 12 Monaten über 30.000 Arbeitsplätze in der Automobilindustrie gestrichen. Und weitere Stellen werden wegfallen. Je länger die Krise dauert, desto stärker werden auch Kommunen darunter leiden – und damit die Bürger.

Bericht: Johannes Thürmer und Martina Schuster

Stand: 23.01.2020 07:50 Uhr

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