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ARD-Themenwoche: Stadt-Land-Konflikt in Sachen Energiewende

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ARD-Themenwoche: Stadt-Land-Konflikt in Sachen Energiewende | Video verfügbar bis 10.11.2022 | Bild: BR

  • Gut die Hälfte des grünen Stroms in Deutschland kommt aus Windkraft.
  • Zwei Prozent der Fläche in Deutschland soll für Windräder genutzt werden.
  • Der Widerstand der Anwohner auf dem Land wächst.
  • Jedes Bundesland hat seine eigenen Abstandsregeln.
  • Bis Ende 2025 werden Altanlagen mit einer Leistung von 16.000 Megawatt – das entspricht etwa der Leistung von zwölf Atomkraftwerken – aus der staatlichen Förderung fallen.
  • Alte Anlagen ohne Förderung laufen meist unwirtschaftlich und werden abgebaut.
  • Altstandorte haben Bestandsschutz, häufig werden dort größere und leistungsstärkere Anlagen gebaut
  • Dieser Vorgang heißt Reporwering.

Volle Windkraft voraus für die Energiewende. Das ist der Plan der möglichen Ampel-Koalition: Zwei Prozent der Fläche in Deutschland soll für Windräder genutzt werden. Fast 70 Prozent der deutschen Haushalte, die letztes Jahr einen Stromvertrag über ein Vergleichsportal abgeschlossen haben, haben sich für Öko-Strom entschieden. Windenergie macht beim Strommix aus der Steckdose in Deutschland mit 27 Prozent den größten Anteil aus. Im Segment erneuerbare Energie macht die Windkraft sogar mehr als die Hälfte aus. Die vorbildlichen Klimaretter leben allerdings meist in der Stadt, wo kein Windrad steht. Auf dem Land, wo sich die Räder vor der Haustür drehen, dreht sich auch die Stimmung.

Neue Anlagen in Mecklenburg-Vorpommern

Jörn Kilian
Jörn Kilian | Bild: BR

Ein Ausflug auf’s platte Land, dorthin wo der Wind bläst und viele Windräder stehen – nach Mecklenburg-Vorpommern: In der Gemeinde Dassow ist Jörn Kilian aktiv. Er engagiert sich in der örtlichen Bürgerinitiative gegen Windräder, denn dicht bei seinem Haus etwa 800 Meter entfernt soll ein Windpark mit elf Anlagen entstehen, die bis zu 240 Meter hoch werden, mehr als eineinhalb mal so hoch wie der Kölner Dom. Jörn Kilian wünscht sich, dass die Anzahl der Windräder reduziert wird und dass die Anlagen weiter weg von seinem Haus gebaut werden. Und dass die Naturschutz-Belange eingehalten werden.

Aus alt mach neu

Jörn Kilian weiß, wie es kommen kann, erzählt das Beispiel der Nachbargemeinde Schönfeld. Dort stand jahrelang ein kleiner Windpark mit acht Anlagen. Die wurden inzwischen ersetzt durch neue, fast doppelt so hohe Windräder und die Zahl von acht auf 13 aufgestockt. Standen sie bislang in der Mitte des so genannten Windeignungsgebietes, stehen sie jetzt auch direkt an den Grenzen. Jörn Kilian schildert, dass das Windeignungsgebiet maximal ausgenutzt werde mit dem Effekt, dass die Windräder deutlich dichter an der Kommune stehen.

Was ist Repowering?

Windpark
Windpark | Bild: BR

Der Austausch alter Anlagen gegen Neue heißt Repowering. Bis Ende 2025 werden Altanlagen mit einer Leistung von 16.000 Megawatt – das entspricht etwa der Leistung von zwölf Atomkraftwerken – aus der staatlichen Förderung fallen. Damit laufen sie nicht mehr wirtschaftlich und werden abgebaut. Für die Standorte, also die genehmigten Windeignungsgebiete, gilt Bestandsschutz. Heißt: wenn die Gemeinde keinen Einspruch einlegt, dürfen auf derselben Fläche neue, größere und leistungsstärkere Anlagen entstehen.

Die Anwohner haben das Nachsehen

Ronny Arnold aus Schönberg
Ronny Arnold aus Schönberg  | Bild: BR

Uwe Damrau und Ronny Arnold aus Schönberg sind sauer. Die repowerten Windräder stehen gerade mal 600 Meter entfernt von ihren Häusern. An den meisten Tagen kommt bei ihnen ein Dauerlärm von gut 70 Dezibel an, so die Beiden. Das entspricht etwa dem Schleudergang einer Waschmaschine. Vögel und Insekten gebe es kaum mehr, idyllisches Landleben war einmal. Vor dem Repowering mit den kleineren Windrädern war das anders. Uwe Damrau berichtet, die frühren Anlagen seien fast unauffällig gewesen, hinten am Horizont, auch wesentlich tiefer, da hättet man auch fast keine Geräusche gehört, das hätte erst angefangen, wie die größeren Anlagen gebaut wurden. Nun beklagen sie die Folgen: Lärm, Naturschwund, Wertverlust der Immobilie. Ronny Arnold schimpft: "Ich weiß nicht ob ich morgen das Geld wiederkriege für meine Immobilie, die ich hier gebaut habe. Das sind Folgen, die hat noch gar keiner auf dem Zettel. Wir reden immer über grüne Energie, aber zu wessen Lasten die grüne Energie geht, wir sind hier glaube ich, dann am Ende der Nahrungskette."

In Schleswig-Holstein stehen die größten Windparks Deutschlands

Pieter und Heimke Hogeveen
Pieter und Heimke Hogeveen | Bild: BR

Im Örtchen Dörpum haben Pieter und Heimke Hogeveen ein altes Wasserwerk gekauft und liebevoll renoviert. Sie haben sich dort auch ihre Praxis für Physiotherapie eingerichtet, haben einen großen Kundenstamm. Doch jetzt ist ihr Leben aus den Fugen geraten. Knapp 500 Meter entfernt vom Haus beginnt ein Windpark. Die Räder wurden repowered, sind nun 140 statt 70 Meter hoch. Seither haben Pieter und Heimke gesundheitliche Probleme, Ohrenschmerzen, Nackenschmerzen, Herzrasen. Heimke berichtet, sie hätten keinen Nachtschlaf mehr gehabt, hatten nur noch Schweißausbrüche in der Nacht, es sei nicht an Schlaf zu denken gewesen, dann tagsüber arbeiten, das hätten sie drei vier Tage geschafft und dann seien sie am Ende gewesen.

Die Hogeveens sagen, es sei der Infraschall, das tieffrequente unhörbare Brummen der Windräder. Wissenschaftlich ist das umstritten, doch sie leiden darunter. Jede Nacht steigen sie ab in den Keller, haben sich dort ihren Schlafplatz eingerichtet als Schutz vor dem Schall. Doch das wollen sie so nicht hinnehmen, kämpfen vor Gericht für den Abbau des ganz nahen Windrades oder zumindest für eine Abschaltung über Nacht.

Im Januar ist Gerichtstermin, sollten sie verlieren, will Pieter weiterkämpfen. Heimke hat keine Kraft mehr, würde für die Gesundheit vielleicht auch wegziehen und ihren Lebenstraum aufgeben.

Treffen beim Bundesverband Windenergie

Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie
Hermann Albers, Präsident des Bundesverbandes Windenergie | Bild: BR

Am Schreibtisch in Berlin weit ab von jeglichen Windrädern schmiedet der Präsident des Bundesverbandes Windenergie Hermann Albers die Forderungen an die neue Bundesregierung in Sachen Repowering bestehender Windparks. Er glaubt in diesen Flächen mit stark vereinfachten Genehmigungsverfahren am schnellsten Klimaerfolge erzielen zu können. Doch das könnte noch mehr Belastung für die Anwohner bedeuten. Wie will Hermann Albers bei ihnen Akzeptanz erreichen?

Er werbe auch für eine direkte Beteiligung der Bürger, sagt er, das sollte seiner Meinung nach in Brüssel aber auch in Berlin ein starkes Anliegen sein. Denn erneuerbare Energien finden im ländlichen Raum statt, sie finden bei den Menschen statt und die Menschen sollten etwas davon haben.

Fazit

Dort wo der Strom entsteht, leiden die Windparkanwohner. Damit die Energiewende gelingen kann, muss die künftige Bundesregierung alle Menschen auf dem Weg mitnehmen in Stadt und Land.

(Bericht: Reinhard Weber /BR)
(Stand: November 2021)

Stand: 11.11.2021 08:54 Uhr

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