SENDETERMIN Mi, 21.09.16 | 21:45 Uhr

Kraftfutter und kranke Kühe – Wie die Milch-Wirtschaft die Trendwende verpasst

Wachsen oder weichen, so lautete jahrelang das Credo des Deutschen Bauernverbands. Auch die aktuelle Milchpreiskrise hat nichts daran geändert, dass viele Bauern ihre Kühe weiter auf Hochleistung trimmen: Dazu gehört auch der Einsatz von speziellem Kraftfutter. Doch nun zeigen neue Studien: Weniger Kraftfutter wäre nicht nur für die Kühe besser, es würde den Landwirten auch ein höheres Einkommen bescheren.

Dick, dicker, am dicksten sind die Euter der Holstein-Kühe bei der Schau der Besten 2016. Bis zu 20.000 Liter Milch geben manche Turbokühe inzwischen – pro Jahr. Möglich macht das vor allem das industrielle Kraftfutter.

Unrentable Hochleistungskühe

Kühe fressen im Stall
Heu ist besser für Kühe | Bild: SWR

Wir besuchen im bayerischen Alpenvorland den Stall von Josef Westenrieder. Auch er hat jahrelang seine 40 Kühe mit Kraftfutter auf Hochleistung getrimmt. So propagieren es Ausbilder, Bauernverbände, Politik und Industrie. Der Bauer berichtet: "Wir haben das schon in der Schule so gelernt, dass man eben aus den Kühen möglichst viel Milch rausholen muss, dass man billig produzieren kann und es kommen eben auch die Futtermittelberater von den Futtermittelfirmen und beraten einen, was man füttern soll, was man mehr füttern soll, damit die Kühe mehr Milch geben."

Rund 80 Tonnen Kraftfutter verfütterte er pro Jahr. Das kostete ihn mehr als 24.000 Euro. Doch seine Kühe waren immer öfter krank, viele Kälber nicht lebensfähig. Die Arbeit war unrentabel: "Wir hatten eine Milchleistung von ca. 9.000 Litern, aber nachdem wir unsere Kraftfutterrechnungen bezahlt hatten und unsere Tierarztrechnungen, war dann im Jahr 2009 mit dem niedrigen Milchpreis, da war eigentlich das Konto wieder leer."

Immer mehr Milch. Wachsen oder weichen – so lautet noch immer das Credo von  Bauernverband und Politik. Doch darunter leidet die Tiergesundheit, das beobachtet Tierarzt Ralf Dieckmann. Er ist auf Rinder spezialisiert. Den Kühen in einem Stall in Pfaffenhofen  geht es gut, vielen ihrer Artgenossinnen nicht. Der Tierarzt berichtet: "Wir erleben es sehr häufig und das ist auch mein Eindruck nach über 22 Berufsjahren, dass 70 Prozent aller Schäden, die beim Tier auftreten indirekt oder direkt entweder durch qualitative oder mengenmäßig falsche Rationen der Futtermittel und vor allem der Kraftfuttermittelmenge verursacht werden."

Krank durch Kraftfutter?

Eine Kuh läuft vor einer Wiese
Kühe leben besser ohne Kraftfutter. | Bild: SWR

Das Kraftfutter macht die Tiere nicht nur krank, weil es für ihren Organismus ungeeignet ist. Die Tiere geben auch viel mehr Milch als sie verkraften. Die Folgen dieser negativen Entwicklung hat Prof. Holger Martens hat über Jahre ausgewertet.

Prof. em. Holger Martens vom Institut für Veterinär-Physiologie der Freien Universität Berlin erläutert: "Die Nutzungsdauer der Kühe ist stark reduziert worden, eine Folge der hohen Produktion und beträgt zur Zeit drei bis vier Laktationen oder drei bis vier Jahre und das Alter beträgt cirka fünf bis sechs Jahre. Kühe können aber spielend sieben bis zehn Jahre alt werden und auch so viele Kälber bekommen. Das ist nicht der Fall, weil sie auf Grund der hohen Leistung stark beansprucht werden und häufig frühzeitig erkranken und deswegen ausscheiden."

Auch der frühe Tod der Kühe bedeutet für die Landwirte einen finanziellen Verlust, dazu die Kosten für den Tierarzt, das teure Kraftfutter, Kredite für Investitionen in größere Ställe und Maschinen. Viele Landwirte, die dem Credo des Wachsens gefolgt sind, stecken heute in einer Kostenfalle.

Wege aus der Kostenfalle

Deshalb hat sich Josef Westenrieder zu einem radikalen Schritt entschlossen.  Vor drei Jahren reduzierte er das industrielle Kraftfutter. Für sein Fleckvieh hat sich seitdem einiges geändert, vor allem das Futter. Jetzt gibt es nur noch Heu, Gras und etwas heimisches Getreide. Aber jetzt geben seine Kühe auch weniger Milch. Ob das aufgeht?

Agrarwissenschaftler Prof. Onno Poppinga
Agrarwissenschaftler Prof. Onno Poppinga | Bild: SWR

Der Agrarwissenschaftler Prof. Onno Poppinga hat in einem Forschungsprojekt die Wirtschaftlichkeit von Höfen, die wenig oder gar kein Kraftfutter einsetzen, im Vergleich zu konventionellen Betrieben untersucht: "Ergebnis selbstverständlich, die Milchleistung ist geringer. Aber dafür ist auch der Aufwand sehr viel geringer. Nicht nur der Kraftfutteraufwand, sondern auch der Aufwand für den Tierarzt beispielsweise. Die Kühe werden deutlich älter. Das führt dazu, dass die Betriebe auch weniger junge Kühe nachziehen müssen und das ist wirtschaftlich ein sehr wichtiger Faktor. Diese geringen Aufzuchtkosten tragen wesentlich zum guten wirtschaftlichen Ergebnis dieser Betriebe bei."

Das bestätigen auch die Erfahrungen von Josef Westenrieder: "Auf alle Fälle ist die Tiergesundheit wesentlich besser geworden. Wir haben wesentlich weniger Probleme. Insgesamt ist es wesentlich entspannter, weil die Viecher gesünder sind und nimmer den Leistungsdruck haben. Finanziell ist es auf alle Fälle so, wir haben zwar nicht mehr Einnahmen, aber dadurch, dass wir sehr wenig Ausgaben haben, läuft es finanziell gut bei uns."

Bio statt Kraftfutter

Kühe weiden auf einer Wiese
Kühe weiden ohne Kraftfutter | Bild: SWR

Josef Westenrieder kann seine Heumilch jetzt als Bioprodukt verkaufen. Das bringt ihm derzeit 50 Cent pro Liter, auch weil Verbraucher bereit sind, mehr dafür zu zahlen. Früher waren es gerade mal 22 Cent. Hinzu kommt: Er ist nun unabhängig vom rasant gestiegenen Preis für Rinderfutter.

Prof. Poppinga hat in seiner Studie festgestellt: Der Preis für Rinderfutter hat sich seit 2003 fast verdoppelt. Das macht die konventionelle Fütterung mehr und mehr unrentabel: "Die Landwirte haben über Jahrzehnte bei ihrer Ausbildung gelernt, dass nur eine Milchviehhaltung mit sehr hohen Milchleistungen sinnvoll ist. Die Agrarpolitik hat seit vielen Jahren, Jahrzehnten behauptet, der Weltmarkt hat geradezu einen Hunger nach Milchprodukten aus Europa. Das Ganze hat sich als ein Flop erwiesen und unsere Studie kann nicht an der aktuellen Situation etwas ändern, aber sie zeigt doch, dass es prinzipiell einen anderen Weg der Milcherzeugung gibt."

Dass ein ständiges Steigern der Milchproduktion ein teurer Trugschluss ist, hat inzwischen auch das Bundeslandwirtschaftsministerium erkannt. Deshalb werden nun Bauern finanziell unterstützt, die ihre Milchmenge freiwillig reduzieren. Aber Bauern bei der Umstellung auf weniger Kraftfutter zu unterstützen, soweit will man doch nicht gehen.

Bio-Landwirt Josef Westenrieder meint dazu: "Ich hätte es vor zehn Jahren auch noch nicht gemacht, aber wenn man es dann einmal probiert und vorsichtig aussteigt, nicht von heute auf morgen, sondern über Jahre das ausschleicht, das funktioniert. Aber die Meinung bei den Landwirten ist halt, dass es dazugehört und so ist es schwierig, dass jetzt jemand sagt, er macht jetzt weniger."

Weniger kann auch mehr sein: Weniger Kraftfutter, weniger Milchleistung pro Jahr, trotzdem mehr Gewinn für den Landwirt und ein längeres Leben für die Kuh.

Stand: 05.07.2017 11:12 Uhr

13 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.