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Ausverkauf der Lebensversicherungen

PlayViele Lebensversicherer haben ihr Neugeschäft eingestellt.
Ausverkauf der Lebensversicherungen | Bild: picture alliance/imageBROKER / Christian Ohde

  • Viele Lebensversicherer stehen mit dem Rücken zur Wand und haben ihr Neugeschäft eingestellt, verkaufen keine Policen mehr. Sie wickeln nur noch ihren Altbestand ab.
  • Manche Unternehmen verkaufen die Policen komplett an sogenannte Run-Off-Gesellschaften, die die Verträge noch zu Ende führen. Hinter diesen Gesellschaften stehen häufig Finanzinvestoren.
  • Verbraucherschützer befürchten deshalb, dass es um Gewinnmaximierung geht und den Kunden noch weniger Überschüsse aus den Verträgen zufließen.

Horst Karkowsky aus Aarbergen ist stinksauer. Für seine bei der Volksfürsorge abgeschlossene Lebensversicherungspolice bekommt er immer neue Hiobsbotschaften. Einst wurden ihm mündlich bei Ablauf 230.000 Mark versprochen, also knapp 118.000 Euro. Die Volksfürsorge wurde vom Versicherungskonzern Generali übernommen und die hat ihm aktuell gerade mal 63.000 Euro in Aussicht gestellt. "Nach fast 40 Jahren, wenn da 40 bis 50 Prozent weniger rauskommt, dann kann man eigentlich gar nicht ruhig bleiben", sagt Karkowsky.

Horst Karkowsky aus Aarbergen
Horst Karkowsky aus Aarbergen | Bild: BR

Nun soll seine Police schon wieder weiter verkauft werden an eine Firma namens Viridium, die sich auf die Abwicklung von alten Versicherungsverträgen spezialisiert hat. Run-off heißt das im Fachjargon. "Generali hat mich nicht informiert als Kunde, ich habe es wirklich nur aus der Presse erfahren, da ist ja wirklich alles voll im Netz", sagt Karkowsky. Und da hat er erfahren, dass Generali das Geschäft mit klassischen Lebensversicherungen stillgelegt hat.

Was bleibt sind die Altverträge. Doch statt die Verpflichtungen weiter zu erfüllen, verkauft der Konzern rund vier Millionen Policen mit garantierten Kapitalanlagen – also Kundengeldern – im Wert von etwa 37,1 Milliarden Euro, an den Run-Off Spezialisten Viridium, der die Verträge dann fortführen soll. Generali beteuert: "Für die Kunden ändert sich nichts."

"Ich habe da ganz ehrlich gesagt so meine Zweifel, und ich kann nur hoffen bei diesem Dilemma, sobald ich es schwarz auf weiß habe, dass es dabei bleibt und nicht noch schlechter wird", sagt Horst Karkowsky. Doch der Deal ist noch nicht durch. Er muss erst noch von der Versicherungsaufsicht Bafin genehmigt werden. Das kann bis Anfang 2019 dauern.

Wer sind die Run-off Akteure

Doch wer steckt denn eigentlich hinter so einem Abwickler wie Viridium? Was für Interessen werden verfolgt? Der Verbraucherverein Bund der Versicherten hat ein Auge darauf. "Üblicherweise stecken hinter den Abwicklern ausländische Investoren, die investieren Geld, wollen dann eine Rendite haben, und wollen deshalb aus diesen Lebensversicherungsverträgen möglichst viel Geld rauspressen, das ist das, was wir befürchten, weniger Überschüsse für die Kunden, aber selber das Geld einkassieren, das ist die große Gefahr", sagt Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten.

Die Run-off Akteure
Die Run-off Akteure | Bild: BR

Auf unsere Anfrage, ob dem so sei, antwortet Viridium: "Vielmehr profitieren die Generalikunden vom Wechsel in die Viridium Gruppe. Die Verträge sämtlicher Kunden werden über die gesamte Laufzeit in vollem vereinbarten Umfang eingehalten."

Die Lage der Lebensversicherer gestern und heute

Rückblick: 2003 musste die Mannheimer Leben aufgeben, es kam zur ersten Pleite einer deutschen Lebensversicherung. Die Verträge wurden zwangsweise von der Versicherungsaufsicht Bafin an den Sicherungsfonds namens Protektor übertragen. Der hat die Policen dann zu Mindestkonditionen weitergeführt. Die erste Pleite einer deutschen Lebensversicherung schlug hohe Wellen in den Medien, der Imageschaden war groß. Das wollte die Branche in Zukunft unbedingt vermeiden.

Doch die Lage hat sich zugespitzt. Dazu Analyst Carsten Zielke von Zielke Research aus Aachen: "Die Zinsen sind jetzt schon seit zu langer Zeit zu niedrig, einige Versicherer schaffen es nicht mehr mit den laufenden Erträgen die laufenden Garantien zu bedienen und deswegen sahen sie sich auch gezwungen teilweise ihr Neugeschäft einzustellen." Um Zwangsmaßnahmen der Aufsicht zuvorzukommen stoßen Versicherer das Geschäft ab und bedienen sich nun der externen Abwickler.

Run-off Fälle deutscher Lebensversicherer

Drei solche Run-Off-Gesellschaften gibt es inzwischen in Deutschland: Viridium, Frankfurter Leben-Gruppe und Athora. Sie haben bereits eine Vielzahl Versicherer geschluckt mit insgesamt 1,89 Millionen Policen und Kapitalanlagen von gut 22 Milliarden Euro.

Übernahmen durch Run-Off-Gesellschaften
Übernahmen durch Run-Off-Gesellschaften | Bild: BR

Zusätzlich haben mehrere Gesellschaften das Neugeschäft eingestellt wie zum Beispiel die Ergo oder die Bayerische, führen aber die Altverträge selber weiter. Diese Versicherer wickeln so Kapitalanlagen von gut 73 Milliarden Euro ab. Es ist das leise Sterben der deutschen Lebensversicherer.

Der Fall Süddeutsche Lebensversicherung

Analyst Carsten Zielke von Zielke Research aus Aachen hat noch ein Unternehmen entdeckt, das das Neugeschäft eingestellt hat. Die Süddeutsche Lebensversicherung SDK. In der breiten Öffentlichkeit ist das bisher noch nicht bekannt. "Das war nicht prominent kommuniziert worden, unter ferner Liefen im Geschäftsbericht, das wäre so, wie wenn Volkswagen die Golfproduktion aufgibt und teilt es nicht wirklich offiziell mit", sagt Carsten Zielke. Soll der Sachverhalt bewusst verschleiern werden? Auf Anfrage teilt die SDK mit: "Von einem Versuch, wir würden solche Angaben bewusst zurückhalten oder verschleiern, kann aus unserer Sicht keine Rede sein."

Run-off Prognose

Prognose Run-off
Prognose Run-off | Bild: BR

Das leise Sterben ist noch nicht zu Ende. Die Ratingagentur Fitch sagt noch mehr Run-offs voraus. Statt jetzt 130 Milliarden Euro sollen in vier Jahren sogar 180 Milliarden Euro abgewickelt werden, etwa ein Fünftel des Lebensversicherungsmarktes.

Run-off-Erlebnisse

Jürgen Klimper aus Gelsenkirchen
Jürgen Klimper aus Gelsenkirchen | Bild: BR

Einer der den Run-off schon hinter sich hat, ist Jürgen Klimper aus Gelsenkirchen. Seinen Vertrag hat er 1989 mit der Berlinischen Leben geschlossen, die wurde später von Delta Lloyd übernommen und vor drei Jahren von der Abwicklungsgesellschaft Athene aufgekauft. Gut 50.000 Euro hat er dann Ende vergangenen Jahres insgesamt ausbezahlt bekommen. Die Verbraucherzentrale hat ihm eine jährliche Beitragsrendite von gerade mal 1,9 Prozent ausgerechnet. "Im Grunde war ich schon geschockt, wenn man noch berücksichtigt, dass es die ganzen Jahre eine Inflation gab, habe ich im Grunde ein Minusgeschäft gemacht", sagt Jürgen Klimper. Juristisch war nichts anfechtbar. Jürgen Klimper muss sich einfach damit abfinden. "Wenn ich es damals gewusst hätte, hätte ich so eine Lebensversicherung nicht abgeschlossen."

Was können betroffene Verbraucher unternehmen?

Kunden mit noch laufenden Verträgen, die vor dem Run-off stehen, rät die Verbraucherzentrale Hamburg, kühlen Kopf zu bewahren und Entscheidungen nicht vorschnell zu treffen. "Man muss immer den individuellen Einzelfall prüfen, da prüft man die Möglichkeiten drin zu bleiben, also fortzuführen, zu kündigen, beitragsfrei stellen, oder den sogenannten Widerspruch zu erklären, das hängt von der zukünftigen Entwicklung dieses Vertrages ab, die das Versicherungsunternehmen vorgibt. Ein Widerspruch hat den Vorteil, dass der Verbraucher deutlich mehr bekommt, als was im Fall einer Kündigung ausgezahlt würde", sagt Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Mehr Informationen dazu bei den Verbraucherzentralen

Der Generali-Kunde Horst Karkowsky bleibt nichts Anderes übrig, als seinen Vertrag noch bis zum Ende weiterzuführen, denn die Finanzierung seines Hauses ist an die Police gekoppelt, bei Kündigung würde die platzen.

Bericht: Reinhard Weber

Stand: 11.10.2018 09:42 Uhr

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