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Lieferdienste-Boom in der Corona-Krise: Wer bleibt auf der Strecke

PlayEin Rucksack, mit dem Fahrer des Lieferservice Lieferando Essen transportieren
Lieferdienste-Boom in der Corona-Krise: Wer bleibt auf der Strecke | Video verfügbar bis 11.11.2021 | Bild: picture alliance/dpa / Gregor Bauernfeind

  • In der Corona-Krise ist er so gefragt wie nie: Deutschlands Essens-Lieferdienst Nr. 1 Lieferando. Schon vor der Krise ist die Plattform zum Monopolisten aufgestiegen und hat nun weiter stark expandiert.
  • Für Restaurants ist sie eine Möglichkeit auch in der Krise Umsätze zu machen, gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von Lieferando.de.
  • Auch die Fahrer, die sogenannten Rider, fühlen sich in der Liefer-Hochphase selbst "ausgeliefert". Ihr Vorwurf: Der Arbeitsschutz bliebe auf der Strecke und betriebliche Mitbestimmung werde verhindert.

Wie stark Lieferando in den vergangenen Monaten gewachsen ist, zeigt der Unternehmensbericht: Die Anzahl der bestellten Speisen stieg im ersten Halbjahr 2020 auf rund 49 Millionen, ein Zuwachs von 34 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Der Umsatz verdoppelte sich von 80 Millionen Euro auf 161 Millionen Euro.

Gerade sei für "alle eine schwierige Zeit", sagt Lieferando-Gründer Jörg Gerbig im Interview mit Plusminus, vor allem die "Restaurantpartner" gelte es "tatkräftig zu unterstützen". Dies mache Lieferando, indem es Preisnachlässe für die Nutzung der Plattform oder den Lieferservice durch Lieferando-Fahrer anbiete. Die Firma selbst verzeichne große Zuwächse, so Gerbig: "Wir sind weiterhin vollends auf Expansion ausgerichtet."

Geschäftsmodell Plattform und Lieferservice

Für jede über Lieferando abgewickelte Bestellung bezahlen Restaurants einen bestimmten Anteil des Bestellwerts: Holt der Kunde sein Essen selbst ab oder liefert das Restaurant eigenständig aus, verlangt die Firma 13 Prozent Provision. Wird das Essen per Fahrer ausgeliefert, behält Lieferando bis zu 30 Prozent des Warenwertes für sich. Aktuell erlässt das Unternehmen den Restaurants einen Großteil der Provisionen. Neukunden können während des Teil-Lockdowns die Plattform und den Lieferdienst sogar kostenlos nutzen.

Michael Lidl, Unternehmensberater mit Schwerpunkt Gastronomie, spricht von einer "Hassliebe" zwischen Restaurants und Lieferando. Für viele Gastronomiebetriebe, so der Branchenkenner, sei Lieferando die einzige Hoffnung, um während des zweiten teilweisen Lockdowns überhaupt Umsätze zu erzielen. Deswegen nähmen Restaurantbesitzer die Provisionen in Kauf.

Seit 2019 Marktführer

Seit Just Eat Takeaway, der holländische Mutterkonzern von Lieferando, 2019 das Deutschlandgeschäft von Delivery Hero übernommen hat, dominiert Lieferando den deutschen Markt. Seither wuchs aber auch die Kritik an der Firma. Die Gründung von Betriebsräten werde erschwert, bemängeln Mitarbeiter. Das zeigen auch zwei aktuelle Urteile der Landesarbeitsgerichte in Köln und Frankfurt.

In Frankfurt stellte das Gericht "nicht kooperatives Verhalten des Arbeitgebers" fest. Lieferando wollte Mitarbeiterlisten, die Voraussetzung für die Durchführung einer Betriebsratswahl sind, nicht an den Wahlvorstand weitergeben. In Köln war der Sachverhalt der gleiche. In beiden Fällen verlor Lieferando vor Gericht und musste die Listen den Wahlvorständen übermitteln.

Angesprochen auf den Umgang mit einzelnen Betriebsräten sagt Firmenmitgründer Jörg Gerbig, es könne "mal zu Sachen kommen, wo wir vielleicht nachbessern müssen". Grundsätzlich liege ihm aber viel daran, "faire Bedingungen zu schaffen".

Für Lieferando-Fahrer ist neben dem eigenen Fahrrad das private Mobiltelefon Hauptarbeitsgerät. Über eine App erhalten sie Aufträge, geben Rückmeldung über zugestellte Lieferungen. So fallen Daten an, viele Daten. Zugriff darauf hat auch das Unternehmen.

Plusminus vorliegende Dokumente belegen, wie viele Daten die App erhebt: sekundengenaue Angaben über Eingang der Bestellung, Abholung der Speisen bis hin zur Übergabe beim Kunden. Darüber hinaus Berechnungen, inwiefern "Rider" vorgegebene Zeiten einhalten. All das wird personalisiert und teilweise über Jahre gespeichert.

Welche Daten speichert Lieferando über seine Beschäftigten?

Datenschutz- und Arbeitsrechtsexperte Peter Wedde kritisiert, dass sich mit diesen Daten ein "präzises Leistungs- und Verhaltensprofil" erstellen ließe: "Es führt dazu, dass die Beschäftigten sehr gläsern sind, dass man also jeden einzelnen Verhaltensschritt erfassen kann, den man für die Auftragsabwicklung eigentlich gar nicht bräuchte."

Lieferando teilt mit, die Fahrer-App sei datenschutzkonform und werde nicht zur unerlaubten Leistungs- oder Verhaltenskontrolle genutzt. Laut Lieferando-Gründer Gerbig erhebe man die Daten der Fahrer für die Gehaltsabrechnungen. Die Daten würden nicht in die Entscheidung einbezogen, ob ein Vertrag verlängert wird oder nicht. Man halte sich "an geltende Gesetze", so Gerbig.

Laut Arbeitsrechtsexperte Peter Wedde müsste Lieferando den Betriebsrat detailliert über das Speichern von Daten informieren: "Wenn das unterbleibt, ist es ein Verstoß gegen das Gesetz." Lieferando zufolge haben Betriebsräte Einsicht in die Funktionalität der App bekommen. Von Seiten des Betriebsrats heißt es aber, man wisse bis heute nicht genau, welche Daten das Unternehmen speichere.

Bericht: Verena Schälter, Johannes Lenz, Rebecca Ciesielski, Sammy Khamis/BR
Stand: November 2020

Stand: 11.11.2020 23:56 Uhr

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