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Lieferengpässe: Gebrauchtmärkte boomen

PlayFür private Käufer könnte Second Hand – etwa bei Fahrrädern –dauerhaft zu einer Alternative werden.
Lieferengpässe: Gebrauchtmärkte boomen | Video verfügbar bis 10.11.2022 | Bild: BR

  • Lieferzeiten bis zu einem Jahr vom Fahrrad bis zur Baumaschine
  • Große Nachfrage und Höchstpreise auf dem Gebrauchtmarkt
  • Wirtschaftsexperten: Second-Hand-Boom ist ein kurzfristiger Trend

Horror-Lieferzeiten, weil Bauteile aus Asien fehlen: Georg Kalabalikas wollte sich vor kurzem ein neues Rennrad anschaffen: "Ich habe mich umgeschaut und da gab es einfach keine. Da gab es Wartezeiten bis zu 50 Wochen und dann wurde nichts daraus, aus dem neuen Rad."

Georg Kalabalikas
Georg Kalabalikas | Bild: BR

Notgedrungen hat sich der 28-jährige Fahrrad-Ethusiast zum ersten Mal ein gebrauchtes Bike gekauft – über die Online-Plattform des Münchner Start ups TFJ Buycycle. Die Firma ist erst seit Juli auf dem Markt ist und sieht gute Chancen für ein schnelles Wachstum. Dazu Jonas Jäger, einer der Gründer: "Der Neumarkt ist in den letzten Jahren um 60 Prozent gewachsen und daher sind wir sicher, dass sich der Gebrauchtmarkt proportional zum Neumarkt entwickeln wird."

Lange Lieferzeiten kurbeln das Geschäft an

Die weltweiten Lieferengpässe kurbeln das Geschäft der jungen Unternehmer kräftig an. Sie handeln mit den gebrauchten Fahrrädern nicht selbst. Auf ihrem Internet-Marktplatz bringen sie lediglich Käufer und Verkäufer aus ganz Deutschland zusammen und bieten dazu Service an – von der sicheren Bezahlung über den Versand bis hin zum Fahrrad-Check. 

Produktionsstopp droht 

Auch die Firma DT Drucklufttechnik aus Ingolstadt in Bayern macht mit gebrauchter Ware plötzlich ein Geschäft. Eigentlich verkauft das Unternehmen neue Druckluft-Kompressoren an die Industrie. Zu ihren Kunden gehören unter anderem Audi, Airbus oder der Babynahrungshersteller Hipp.

Benjamin Schwarzbauer
Benjamin Schwarzbauer | Bild: BR

Derzeit dauert es aber bis zu einem halben Jahr, bis neue Ware ausgeliefert werden kann. Fällt bei einem Unternehmen in der Zwischenzeit ein Kompressor aus, droht ein Produktionsstopp. Dazu Benjamin Schwarzbauer, Geschäftsführer der DT Druckluft Technik GmbH: "Der Kunde hat dann ein Riesenproblem. Es funktioniert nichts mehr. Sie müssen sich das vorstellen, wie wenn der Strom ausfällt, wie wenn Sie kein Internet mehr haben. Dann steht alles und dann kann das bis zu einer sechsstelligen Summe ausmachen pro Stunde."

Gebrauchte Leihgeräte für Betriebe in Not

Mietkompressor
Mietkompressor | Bild: BR

Die Mittelständler haben eine Lösung für das Mangel-Dilemma gefunden: Sie kaufen jetzt verstärkt gebrauchte Kompressoren auf – zum Beispiel aus Insolvenzen. In ihrer Firmenhalle stehen inzwischen ältere Geräte im Wert von mehr als einer Million Euro. Diese Second-Hand-Kompressoren vermieten sie an Produktionsbetriebe in Not. Die Leihgeräte helfen nicht nur der Kundschaft aus der Klemme. Sie fangen auch das eingebrochene Geschäft mit Neuware im eigenen Betrieb auf. Benjamin Schwarzbauer von der DT Druckluft Technik GmbH: "Für uns war es ganz wichtig, dass wir da flexibel auf den Markt reagieren können. Hätten wir das nicht, hätten wir auch weniger Arbeit und müssten vielleicht den einen oder anderen in Kurzarbeit schicken."

Hohe Preise für Gebrauchtmaschinen

Matthias Ressel
Matthias Ressel | Bild: BR

Auch Landwirtschaft und Bau leiden unter den Lieferengpässen. Neue Maschinen sind Mangelware, weil viele Bauteile einfach nicht verfügbar sind. Entsprechend groß ist seit der Corona-Krise der Run auf Gebrauchtmaschinen. Dazu Matthias Ressel vom Auktionshaus Ritchie Bros. Deutschland GmbH: "Seit circa eineinhalb Jahren erleben wir einen Run auf Gebrauchtmaschinen – dadurch bedingt natürlich sehr hohe Preise für Gebrauchtmaschinen. Auf der anderen Seite sind wir auch durchaus vor Herausforderungen gestellt, weil uns die gebrauchten Maschinen auch irgendwann ausgehen."

Das Auktionshaus Ritchie Bros.
Das Auktionshaus Ritchie Bros. | Bild: BR

Das Auktionshaus mit Hauptsitz in den Niederlanden gilt als weltweit größter Anbieter für Gebrauchtmaschinen. Auf dem Hof der deutschen Niederlassung im niedersächsischen Meppen reihen sich derzeit tonnenschwere Geräte aneinander – vom Böschungsmähgerät bis hin zum Maishäcksler. Demnächst sollen sie online versteigert werden. Kaufinteressenten aus aller Welt werden dann um die knappe Ware konkurrieren und die Preise voraussichtlich weiter nach oben treiben.

Kurzfristiger oder dauerhafter Trend in der Industrie?

Gebrauchtmarkt-Boom in der Industrie
Gebrauchtmarkt-Boom in der Industrie | Bild: BR

Wirtschaftsexperte Carsten Bock von der Unternehmensberatung Roland Berger schätzt den Gebrauchtmarkt-Boom in der Industrie als vorübergehenden Trend ein: "Wir sehen sicherlich, dass ein Mieten oder Kaufen von gebrauchten Maschinen in der aktuellen Situation einen signifikanten Beitrag leisten kann, um die Versorgungsengpässe kurzfristig zu adressieren. Mittel- und langfristig müssen wir aber davon ausgehen, dass die Unternehmen sich strukturelle Hebel überlegen werden – insbesondere die Verschiebung der Beschaffungsmärkte wieder stärker nach Europa."

Für private Käufer wie Rennrad-Fahrer Georg Kalabalikas allerdings könnte Second Hand dauerhaft zu einer Alternative werden. Er ist mit seinem knapp ein Jahr alten Gebrauchtrad sehr zufrieden und hat auch noch 300 Euro gespart. Immerhin ein Viertel vom Neupreis.

(Bericht: Lisa Wurscher /BR)
(Stand: November 2021)

Stand: 11.11.2021 08:33 Uhr

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