SENDETERMIN Mi., 03.11.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Lieferengpässe: Wie lange man derzeit auf Neuwagen warten muss

PlayAutos, auf einem Transporter geschichtet.
Lieferengpässe: Wie lange man derzeit auf Neuwagen warten muss | Bild: IMAGO / Michael Gstettenbauer

• Der Mangel an Halbleitern bremst auch die Produktion von Neuwagen aus.
• Denn damit werden die Lieferzeiten immer länger.
• Fast fertig produzierte Autos werden sogar zwischengeparkt, warten so auf letzte Bauteile.
• Experten sehen eine Mitschuld auch bei den Autobauern selbst.
• Denn Lieferverträge müssten zukunftsorientierter ausgerichtet und Lagerbestände vorgehalten werden.
• Autobauer hätten aber zu sehr auf den Preis geschaut, deswegen kurzfristiger agiert.
• Auto-Experte Dudenhöffer: "Jetzt ist man damit auf die Nase gefallen".

Beim Neuwagenkauf ist derzeit in Deutschland viel Geduld gefragt. Auf einen Škoda Octavia müssen Kunden aktuell neun bis zwölf Monate warten und auf die C-Klassen-Limousine von Mercedes zehn bis zwölf Monate. Etwas schneller geht es beim Golf 8 von VW mit sechs Monaten Lieferzeit. BMW verspricht, dass Kunden nicht länger als nach vier Monate warten müssen. Aber: Nicht jede Ausstattung sei immer verfügbar.

Der Grund: Es mangelt an Chips, von denen selbst bei Mittelklassewagen rund 50 Stück in Steuergeräten verbaut sind. Sie sorgen für Funktionen wie Navigation, Klimaanlage, elektrische Fensterheber oder Außenspiegel. Und es kommen immer mehr Ausstattungen dazu. "Wenn ein einziger Chip fehlt, kann ich dieses Automobil nicht fertig produzieren", sagt Jan-Peter Kleinhans von der Stiftung Neue Verantwortung e.V. Er ist ist Experte für digitale Technologien, mit Fokus auf die strategische Relevanz von Halbleiter-Chips.

Ein Mann steht vor einem Fenster.
Jan-Peter Kleinhans, Experte für digitale Technologien: "Wenn ein einziger Chip fehlt, kann ich dieses Automobil nicht fertig produzieren." | Bild: MDR

Experten kritisieren: Autohändler müssen Lieferverträge längerfristiger denken

Fast fertige Neuwagen werden deswegen häufig zwischengelagert – wie auf einem ehemaligen Flugplatz bei Cloppenburg zu Tausenden zu sehen. Damit sie keinen Rost ansetzen, werden sie regelmäßig gecheckt und bewegt. Dies sei aber nicht nur auf den Chipmangel zurückzuführen, betont Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer: "Die Einkäufer der Autobauer sind zum Teil selbst schuld an diesen Problemen." Die Lieferverträge müssten mehr auf zukünftige Produktionen ausgerichtet werden. Doch in der Autobranche werde kurzfristig gehandelt, um die bestmöglichen Preise zu erzielen. Dabei würden Halbleiter-Chips auch als strategisches Bauteil unterschätzt, erklärt Kleinhans. Es fehle das Bewusstsein einer strategischen Lagerhaltung, um Engpässe ausgleichen zu können.

Ein Mann steht vor einem Bücherregal.
Längerfristige Verträge helfen Engpässe zu überbrücken, betont Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer. | Bild: MDR

Die Praxis: Gehen die Verkaufszahlen zurück, reagieren die Autobauer schnell darauf. "Anfang 2020, als letztendlich alle Märkte durch die Pandemie eingebrochen sind, haben die Automobilhersteller Abnahmeverträge mit Halbleiter-Herstellern gebrochen, weil sie gesagt haben: Wir werden deutlich weniger Autos verkaufen. Wir brauchen keine Halbleiter mehr", erklärt Jan-Peter Kleinhans das damalige Handeln.

Während zu Beginn der Pandemie viele Autobauer Lieferverträge kündigten, profitierten gleichzeitig andere Branchen vom Lockdown. Viele rüsteten durch Homeoffice und Homeschooling ihre Technik auf. "Das hat die Nachfrage wirklich explodieren lassen. So dass jetzt die Fertigungskapazität fast vollständig ausgeschöpft wird durch die Nachfrage in der Unterhaltungselektronik", stellt Kleinhans fest.

Chip-Hersteller vom Boom bei Home-Technologien überrascht

Die Auftragsbücher der Chip-Hersteller blieben also prall gefüllt – vom enormen Boom in den anderen Branchen waren auch die Chip-Hersteller überrascht, räumt Infinion ein, einer der wenigen europäischen Produzenten. Auf dieses starke Wachstum sei die Halbleiter-Industrie nicht vorbereitet gewesen, sagt Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender Infineon Technologies AG: " Man muss davon ausgehen, dass vor 2019 von einem Wachstum von drei und fünf Prozent in der Halbleiter-Industrie ausgegangen wurde. Jetzt sehen wir, mal losgelöst von dem Boom, eine grundsätzliche Wachstumsbasis zwischen vier und acht Prozent. Also, deutlich mehr." Die Kapazitäten könnten nicht so sprunghaft ausgebaut werden.

Ein Mann steht alleine in einem Konferenzraum.
Reinhard Ploss, Vorstandsvorsitzender Infineon Technologies AG: "Wir waren nicht als Industrie auf dieses starke Wachstum vorbereitet." | Bild: MDR

Was sagen die Autobauer zu den Produktions-Engpässen?

Mit längerfristigen Verträgen hätten die Autobauer mehr Spielraum gehabt, den Halbleiter-Mangel zu kompensieren, sagt Dudenhöffer: "Das haben die Einkäufer nicht gemacht." Im Blick haben dafür hätten die bestmöglichen Preise gestanden, die kurzfristig zu erzielen waren. "Und jetzt ist man damit auf die Nase gefallen", so der Auto-Experte.

Volkswagen wirft auf Nachfrage jedoch seinen Zulieferern von Steuergeräten vor, voreilig Verträge gekündigt zu haben und erklärt: "Volkswagen hatte bis zum Jahr 2020 keine direkten Lieferbeziehungen mit Halbleiter-Herstellern." BMW schreibt: "Wir haben das benötigte Volumen für 2021 fristgerecht bestellt und erwarten, dass unsere Lieferanten entsprechend der Bestellungen vertragsgerecht liefern." Und Mercedes behauptet: "Wir hatten richtig geplant und fristgerecht bestellt."

Autos, auf einem Transporter geschichtet.
Viele Autos werden zwischengelagert, bis sie fertiggestellt werden können. | Bild: IMAGO / Michael Gstettenbauer

Sicherheitsbestände und Zukunfstdenken wichtig

Einige Autobauer scheinen inzwischen gelernt zu haben. Man wolle künftig Sicherheitsbestände aufbauen, so Mercedes gegenüber Plusminus. Und VW strebe künftig direkte Partnerschaften mit den Chip-Herstellern an, wolle Halbleiter sogar selbst entwickeln. Das macht Tesla übrigens schon lange, dessen neues Werk bei Berlin kurz vor dem Produktionsstart steht.

Autos müsse man neu denken, sagen Experten. So wie der E-Auto-Pionier das von Anfang an gemacht habe, betont Kleinhans: "Hier sind Funktionalitäten wie ABS, Airbag oder automatischer Scheibenwischer nicht Stück für Stück über die Jahre dazu gewachsen. Sondern es wurde von Anfang an relativ zentralisiert entwickelt. Das bedeutet: Ich brauche weniger Halbleiter, weil der einzelne Halbleiter deutlich mehr Funktionalitäten übernimmt. Und das spricht schon dafür, dass Tesla als Unternehmen hier ein sehr anderes Verständnis von der Wichtigkeit von Halbleitern für das eigene Produkt hat als die meisten anderen Automobilhersteller." Die Wartezeit auf den Verkaufsschlager, das Model 3, beträgt höchstens drei Monate.

Halbleiter-Chips auf einer Platine
Bei einem Mittelklassewagen sind rund 50 Halbleiter-Chips in Steuergeräten verbaut. | Bild: MDR

Wie sieht es mit E-Autos aus?

Beim Mercedes EQA beträgt die Lieferfrist nur drei Monate. "Da wird wahrscheinlich eher die Priorität auf die Elektrofahrzeuge gelegt", erklärt ein Verkäufer vor versteckter Kamera. Mercedes bestätigt das auch gegenüber Plusminus. Auch bei Opel sind Halbleiter-Chips offenbar zuerst für E-Autos reserviert und schneller zu haben, wie uns ein weiterer Verkäufer sagt: "Die Hersteller haben ja eine bestimmte Stückzahl, die sie als Hybrid oder E-Fahrzeuge bringen müssen. Also, kriegen Sie die E-Autos schneller, weil die eine bessere Abgasnorm haben. Also null." Das kennt auch Auto-Experte Ferdinand Dudenhöffer aus der Praxis. Denn E-Autos seien für die Autobauer sehr wichtig. "Auch wegen den Vorgaben für die CO2-Gesetze, die Strafzahlungen, die kommen", weiß er. Deshalb ziehe man immer, "wo es geht", E-Autos vor.

Übrigens: Bei unserer Stichprobe stellten wir auch fest: Fast überall sind Autos teurer geworden. Nicht, weil die Hersteller die Listenpreise erhöht hätten, sondern weil Händler weniger Rabatte geben. Für einen Mittelklassewagen hätten wir rund .2000 bis 3.000 Euro mehr zahlen müssen!

Autor: Andreas Wolter
Bearbeitung: Carmen Brehme  

Stand: 04.11.2021 08:42 Uhr

9 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 03.11.21 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Mitteldeutscher Rundfunk
für
DasErste