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Fresenius-Pläne: Medizinische Versorgungszentren sollen mehr Gewinn abwerfen

PlayEin großes Klinikgebäude mit der Aufschrift "Fresenius".
Fresenius-Pläne: Medizinische Versorgungszentren sollen mehr Gewinn abwerfen | Video verfügbar bis 24.03.2022 | Bild: MDR

• Helios gehört zum Aktienkonzern Fresenius.
• Der Fresenius-Konzern will seine Medizinischen Versorgungszentren umstrukturieren.
• Rentable Fachbereiche sollen ausgebaut, weniger lukrative abgestoßen werden.
• Bis 2025 werden so 350 Millionen Euro Umsatz und zwölf Prozent Gewinn angestrebt.
• Dr. Florian Bruns, Medizinethiker an der Uniklinik Halle kritisiert, das Gelder aus den MVZ als Dividenden "aus dem System der solidarischen Gesundheitsversorgung abfließen".

Die Medizinischen Versorgungszentren im Fresenius-Konzern sollen rentabler werden. So steht es in einem Papier des Unternehmens, das den Namen "Projekt Cinderella" trägt und Umstrukturierungspläne enthält, die den ambulanten Einrichtungen zu mehr Gewinn verhelfen sollen. Genauer gesagt: Bis 2025 werden 350 Millionen Euro Umsatz und zwölf Prozent Gewinn angestrebt.

Ein großes Klinikgebäude mit der Aufschrift "Fresenius".
Dem Fresenius-Konzern unterstehen 230 Medizinische Versorgungszentren. | Bild: MDR

Der Sinn Medizinischer Versorgungszentren (MVZ)

Seit 2004 verfolgen MVZ gewissermaßen die Idee der DDR-Polikliniken: Viele Ärzte unterschiedlichster Fachrichtungen werden unter einem Dach angestellt und unterliegen einer Verwaltung. Die Zentren sollten damals wie heute die ambulante Versorgung der Bevölkerung verbessern, besonders in ländlichen Regionen, wo die niedergelassenen Ärzte immer knapper werden. Nachwuchs ist dort schwer anzulocken und jedes Jahr werden es mehr Praxen, die aus Altersgründen geschlossen werden.

Historisches Bild einer DDR-Poliklinik.
Auch die Polikliniken in der DDR vereinten Ärzte vieler Fachrichtungen unter einem Dach. | Bild: MDR

Doch gerade 14 Prozent aller Medizinischen Versorgungszentren befinden sich auf dem Land, der Rest in Städten und deren Umgebung. Mehr als 3.500 MVZ gibt es in ganz Deutschland. 41 Prozent der Zentren wurden von Ärzten gegründet, 42 Prozent von Kliniken. Der Rest entfällt auf Kommunen oder Genossenschaften. Aktiengesellschaften dürfen von Gesetzes wegen keine MVZ gründen.

230 MVZ unterhält Helios

Helios besitzt deutschlandweit mit 230 die meisten Zentren. Und auch diese befinden sich überwiegend in Städten, wo viele Patienten leben, denn viele Patienten bedeuten auch viel Umsatz.

Helios gehört zum Aktienkonzern Fresenius. Gesetzlich dürfte Fresenius somit gar keine MVZ gründen. Sie tun es aber dennoch über einen legalen Trick: Was die Mutter Aktien-Gesellschaft nicht darf, darf die Tochter, die Helios-Kliniken-GmbH: Sie ist zur MVZ Gründung berechtigt. Die meisten Helios-MVZ befinden sich auch in direkter Nähe der Helios-Kliniken.

Dr. Dirk Heinrich ist Vorstandsvorsitzender des Spitzenverbandes der Fachärzte. Bei Medizinischen Versorgungszentren, hinter denen Aktiengesellschaften stehen, sieht er schon länger ein System: "Die MVZ in Händen von Kliniken oder Klinikkonzernen scheinen mir im Wesentlichen renditeorientiert zu arbeiten und als Fänger-Organisation für die stationäre Bettenfüllung zu dienen."

Ein Mann sitzt in einer Arztpraxis.
Dr. Dirk Heinrich, Vorstandsvorsitzender vom Spitzenverband der Fachärzte Deutschlands, kritisiert, hier stünden nicht die Patienten im Vordergrund, sondern die Gewinne. | Bild: MDR

Cinderella-Papier strebt "ökonomische Einheiten" an

Im Strategiepapier “Cinderella“ ist niedergeschrieben, wie die Häuser sich entwickeln sollen, und zwar "weg von reinen Einweiserpraxen für die Kliniken hin zu ökonomischen Einheiten, natürlich mit dem Ziel, die Kliniken zu unterstützen." Eine Abkehr von bisherigen "Einweiser-Praxen" hieße im Umkehrschluss: Bisher sind MVZ für Helios also Patientenakquise-Stationen für die Kliniken.

"Aus dem Cinderella-Papier geht klar hervor, dass es dort nicht um die Versorgungsübernahme oder Versorgung der Patienten geht, sondern darum, die Kliniken zu unterstützen, dass sie erfolgreich im Sinne von Rendite arbeiten", so Dr. Heinrich. Auf "Plusminus"-Anfrage äußert sich Fresenius-Helios: Ganz grundsätzlich erfolgten Diagnostik, Therapie und Einweisung nach rein medizinischen Gesichtspunkten.

Ausbau "ertragreicher Fachgebiete"

Gemäß dem Cinderella-Papier solle der zukünftige Fokus vor allem auf "ertragreichen Fachbereichen liegen". Konkret bedeutet das: Bereiche wie Radiologie, Urologie und Chirurgie sollen ausgebaut werden. Dr. Heckemann von der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen sieht darin ein Prinzip: "Das sind wirklich die lukrativsten Gebiete der ambulanten Medizin."

Was nicht lukrativ ist, findet man im Cinderella-Papier unter dem Punkt "Bereinigung des Portfolios". Bereiche wie Augenheilkunde, Dermatologie und Psychiatrie sollen in den MVZ abgestoßen werden. Fresenius-Helios erklärt dies so: "Es geht darum, die Versorgung von Patienten zu verbessern, indem wir regionale Netzwerke auch außerhalb unserer Trägerschaft befördern." Mit anderen Worten: Die weniger lukrativen Behandlungen sollen wohl andere übernehmen.

Ein Mann mit grauen Haaren, Brille und Anzug.
Dr. Klaus Heckemann, Vorstandsvorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung Sachsen, sieht im Cinderella-Papier eine Konzentration auf die "lukrativsten Gebiete der ambulanten Medizin".  | Bild: MDR

Hinter 500 MVZ stecken Aktiengesellschaften

Landarzt Mende hat sechs Jahre leitend in einer Klinik AG gearbeitet. Denn nicht nur Fresenius kennt den Trick. Hinter schätzungsweise 500 MVZ stecken letztlich Aktiengesellschaften. "AGs sind nicht Patienten verpflichtet, sondern Aktionären. Daher kommt das Geld, und daraus ergibt sich ihre Motivation, Fallzahlen zu gestalten", sagt Mende.

Ein Mann mit Brille im Poloshirt.
Dr. Ludger Mende hat 2017 eine Praxis als Landarzt eröffnet. | Bild: MDR

Die Aktiengesellschaft Fresenius schreibt – auch dank der Helios Kliniken – schwarze Zahlen, machte 2020 trotz Corona 1,8 Milliarden Gewinn – und schüttet den Aktionären Dividenden aus. Dr. Florian Bruns, Medizinethiker der Uniklinik Halle, sieht darin ein Problem: "Das Kernproblem ist, wenn Gelder, die in den MVZ generiert und von den Beiträgen der Versicherten aufgebracht werden, dann plötzlich wieder als Dividende aus dem System der solidarischen Gesundheitsversorgung abfließen."

Ein Mann sitzt in einem Hörsaal.
Dr. Florian Bruns, Medizinethiker an der Uniklinik Halle kritisiert, das Gelder aus den MVZ als Dividenden "aus dem System der solidarischen Gesundheitsversorgung abfließen". | Bild: MDR

Auch Landarzt Mende sieht darin einen Verstoß gegen die ärztliche Ethik. "Ich weiß nicht, wieso man mit Gesundheit Gewinn machen muss", kritisiert er das Treiben scharf.

Autor: Malte Wilms
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 25.03.2021 16:42 Uhr

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