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Chemie in Alltagsprodukten – schwer zu regulieren

PlayVerschiedene Sonnenschutzmittel stehen in einem Regal.
Chemie in Alltagsprodukten – schwer zu regulieren | Video verfügbar bis 05.08.2021 | Bild: Picture Alliance/dpa / Sina Schuldt

Inhalt in Kürze:
– In vielen Produkten, die wir täglich nutzen, etwa Sonnencremés, steckt Chemie.
– Für die Regulierung von Chemikalien in Europa ist die Europäische Chemikalienagentur zuständig, doch sie ist auf die Zulieferung von Daten seitens der Chemie-Industrie angewiesen.
– Verbraucherschützer werfen der Industrie vor, den Regulierungsprozess zu verzögern.

Egal ob WC-Reiniger, Imprägnierspray oder Plastiktrinkflasche: In so gut wie jedem Alltagsprodukt steckt Chemie. Doch kaum einer weiß, welche Chemikalien Putzmittel, Plastikartikel oder Sprays enthalten. Die Industrie schweigt sich aus und die Behörden sind mit der Regulierung überfordert. Ein Beispiel ist Bisphenol A: Der Stoff ist hormonell wirksam und steht in starkem Verdacht, sich auf die Entwicklung von Kindern auszuwirken. Bisphenol A ist fettlöslich, gelangt also schon bei Berührung über die Haut in unser Blut. Während der Stoff schon seit 2011 in Kinder-Trinkflaschen verboten ist, wurde er erst zu Beginn dieses Jahres zum Beispiel aus Kassenbons verbannt.

Regulierung durch Europäische Chemikalienagentur mit Hindernissen

Kassenbon
Bisphenol A wurde zu Beginn des Jahres aus Kassenbons verbannt. | Bild: Christine Raczka

Die Regulierung von Chemikalien ist Sache der Europäischen Chemikalienagentur, kurz ECHA. Die Behörde sammelt seit 2007 im Rahmen der sogenannten REACH-Verordnung Informationen über jede Chemikalie (gestaffelt nach Menge), die in Europa produziert, eingeführt oder gehandelt wird. Die Industrie muss dazu Daten bereitstellen. Doch die Sache hat einen Haken: Die ECHA kontrolliert die Daten nur maschinell per Computer. 2018 kam durch eine Untersuchung des Bundesamtes für Risikobewertung aber heraus, dass zwischen einem Fünftel und einem Drittel der Datensätze fehlerhaft oder unvollständig waren, je nachdem, in welcher Größenmenge die Chemikalie hergestellt wird. Inzwischen überprüft die ECHA ein Fünftel der eingereichten Unterlagen auf ihre Vollständigkeit.

Verbraucherschützer vermuten Verzögerungstaktik der Industrie

Verbraucherschützer werfen der Industrie vor, damit den Registrierungs- und Evaluierungsprozess der Chemikalien zu verzögern. Denn ab dem Moment, ab dem die Daten zu einer Chemikalie bei der ECHA eingereicht wurden, darf diese verkauft werden. Die ECHA hat keine Sanktionsmittel für den Fall, dass die Daten unvollständig sind. Sanktionen könnten nur nachgeschaltet die Behörden vor Ort verhängen, allerdings dauert dies sehr lange und ist juristisch schwierig.

Aus Sicht der Verbraucherschützer kann die Chemie-Industrie ihre Produkte in der Zwischenzeit auf den Markt bringen und Gewinn schöpfen. Der Verband der chemischen Industrie in Deutschland verweist hingegen darauf, dass die Dokumentation der Chemikalien im Einklang mit den behördlichen Auflagen aufwendig sei. Die fehlerhaften Daten sollen bis 2027 nachgeliefert werden.

Verbote einzelner Chemikalien bringen wenig 

Dazu kommt: Selbst wenn eine einzelne Chemikalie, wie Bisphenol A, verboten wird, steht schon eine Ersatzchemikalie bereit, zum Beispiel Bisphenol S. Der Stoff findet sich inzwischen in den meisten Kassenbons. Kritiker befürchten, dass diese dem Bisphenol A sehr stark verwandte Chemikalie ähnliche Gesundheitsschäden auslösen kann. Allerdings ist die Regulierung von Bisphenol S durch die ECHA noch nicht abgeschlossen und kann sich noch über Jahre hinziehen.

Bericht: Niels Walker
Kamera: Esther Finis, Carsten Janssen, Dirk Saeland
Schnitt: Jule Zeymer

Stand: 06.08.2020 16:56 Uhr

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