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Corona-Krise: Werden Narkosemittel knapp?

PlayEin Mann liegt mit einem Beatmungsgerät auf einer Isolierstation.
Corona-Krise: Werden Narkosemittel knapp? | Video verfügbar bis 15.04.2021 | Bild: Colourbox

Inhalt in Kürze:
– Propofol ist das Standard-Narkosemittel weltweit.
– Wächst die Zahl der Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen, könnte es passieren, dass das Mittel nicht ausreichend zur Verfügung steht.
– Zwar gibt es Alternativen, aber diese sind teils auch von Lieferengpässen betroffen oder haben mehr Nebenwirkungen.

Zurzeit liegen mehr als 2.600 an Covid-19 erkrankte Patienten auf deutschen Intensivstationen. Ungefähr 75 Prozent von ihnen müssen beatmet werden. In der Regel werden sie über die Dauer der Beatmungszeit mit dem Narkosemittel Propofol in ein künstliches Koma versetzt. Bereits vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie gab es immer wieder Lieferschwierigkeiten, doch nun warnt sogar einer der marktführenden Hersteller, dass trotz aller Anstrengungen der Pharmaindustrie Propofol knapp werden könnte.

Ein Großteil der Narkosen werden mit Propofol eingeleitet

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Propofol in die Liste der unentbehrlichen  Arzneimittel aufgenommen. Mehr als 95 Prozent der Narkosen werden in Deutschland mit dem Mittel eingeleitet. Weil es gut vertragen wird, wenige Nebenwirkungen hat und schnell wieder vom Körper abgebaut wird, kommt es in aller Regel auch bei ambulanten Eingriffen wie Magen- oder Darmspiegelungen zum Einsatz. Die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie &  Intensivmedizin (DGAI) bestätigt, dass besonders jüngere Ärzte die Handhabung mit anderen Narkosemitteln teils gar nicht mehr gewöhnt seien.

Lieferengpässe schon vor der Corona-Krise

Anästhesisten bereiten in der Anästhesie einen Patient auf eine Operation vor.
Mehr als 95 Prozent der Narkosen werden in Deutschland mit dem Mittel Propofol eingeleitet. | Bild: picture alliance/dpa / Marijan Murat

Bereits 2019 gab es immer wieder Lieferprobleme seitens der Hersteller, einige Krankenhäuser mussten sich auf den vermehrten Einsatz anderer Narkoseverfahren einstellen. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft bezeichnete die Situation im Oktober 2019 als kritisch, wie Medien berichteten. Die großen Hersteller sowie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) bestätigen Lieferverzögerungen einzelner Darreichungsformen, jedoch keinen Lieferabriss. Und auf der Liste der Lieferengpässe der Behörde sind auch keine Lieferengpässe der führenden Hersteller bei Propofol verzeichnet. 

UKE-Apotheker fordert Eingreifen der Politik

Sollte die Zahl der beatmeten Covid-19-Patienten nun aber stark ansteigen, könnte es sein, dass die Firmen mit der Produktion des Narkosemittels nicht mehr hinterherkommen. Die DGAI hat bereits das Bundesgesundheitsministerium in Kenntnis gesetzt. Zwar werden aktuell viele planbare Eingriffe abgesagt, was Propofol spart. Der Chefapotheker des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE), Dr. Michael Baehr, fordert aber ein Eingreifen der Politik. Die zur Verfügung stehenden Mengen Propofol müssten an die Schwerpunktzentren für die Behandlung der Covid-19-Patienten umverteilt werden, um die schwerstkranken Patienten auch weiterhin bestmöglich behandeln zu können.

Das Bundesgesundheitsministerium teilte auf Anfrage von "Plusminus" mit, es werde intensiv an dem Ziel gearbeitet, "die Arzneimittelversorgung im stationären und ambulanten Bereich auch weiterhin sicherzustellen und dabei auch auf eine angemessene Belieferung der Handelsstufen hinzuwirken. Arzneimittel für die Intensivmedizin sind dabei aufgrund der aktuellen Lage ein Schwerpunkt der Aktivitäten." Das Ministerium stehe in einem ständigen Austausch mit Vertretern der pharmazeutischen Industrieverbände, der Ärzte- und Apothekerschaft und der Arzneimittelgroßhandlung. "Ferner hat das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte bereits einige Empfehlungen zu einer angemessenen Arzneimittelversorgung für bestimmte Arzneimittel bekannt gemacht."

Mangel an Alternativen

Von Lieferproblemen betroffen sind nach Recherchen von "Plusminus" insgesamt rund 50 Medikamente, die zur Behandlung der Covid-19-Patienten benötigt werden. EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides appelliert bereits an die europäische Pharmaindustrie, die Produktionen für diese wichtigen Arzneimittel hochzufahren. Neben Propofol handelt es sich um Narkosemittel, aber auch Medikamente, die den Kreislauf bei beatmeten Intensivpatienten stabilisieren und die Versorgung der Organe mit Sauerstoff sicherstellen. Es sind für beatmungspflichtige Covid-19-Patienten lebensnotwendige Arzneimittel, für die den Intensivmedizinern nicht viele Alternativen zur Verfügung stehen.

Bericht: Sara Rainer-Esderts
Kamera: Carsten Janssen, Nicole Foltys, Dirk Saeland
Schnitt: Christian Bolz

Stand: 15.04.2020 23:52 Uhr

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