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Pflege: Chronische Arbeitsüberlastung im Krankenhaus

PlayEine Pflegekraft lehnt mit geschlossenen Augen an einer Wand
Pflege: Chronische Arbeitsüberlastung im Krankenhaus | Video verfügbar bis 15.04.2021 | Bild: picture alliance / Bildagentur-online/Tetra RF

Inhalt in Kürze:
– Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen.
– Recherchen von "Plusminus" und Buzzfeed News Deutschland zeigen massive Missstände auf, die sich durch die Corona-Krise noch verschärfen dürften. 
– Der Personalschlüssel in der Pflege hat Einfluss auf die Sterblichkeit: Je weniger Pflegekräfte es gibt, desto mehr Patienten sterben.

Im November 2019 hat "Plusminus" in Zusammenarbeit mit Buzzfeed News Deutschland eine aufwendige Recherche über die Situation für Pflegende in Krankenhäusern gestartet. Über ein Formular konnten Pflegende anonym gefährliche Situationen in der Pflege schildern und berichten, wie ihre Vorgesetzten mit sogenannten Überlastungsanzeigen umgehen. Diese Anzeigen schreiben Pflegende, wenn Patienten gefährdet sind, weil zu wenig Pflege-Personal im Einsatz ist. Bereits vor dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie gingen aus ganz Deutschland gut 1.000 Rückmeldungen auf unsere Fragen ein. Auffällig war, dass es in einigen Berichten sogar um vermeidbare Todesfälle im Krankenhaus ging. Aus Sicht der Pflegenden hätten sie verhindert werden können, wenn genügend Pflege-Personal im Einsatz gewesen wäre.

2002: Fallpauschalensystem beschlossen

Im Jahr 2002 wurde in Deutschland für die Bezahlung der Leistungen im Krankenhaus das Fallpauschalensystem beschlossen und ab 2003 schrittweise umgesetzt. Krankenhäuser können Gewinne und Verluste machen und ihnen droht bei anhaltenden Verlusten das Aus. Mit der Bezahlung nach Fallpauschalen lässt sich in Krankenhäusern mit bestimmten Operationen sehr viel Geld verdienen, mit der anschließenden Pflege der Patienten aber nicht.

Experte: Rund 100.000 Pflegende fehlen

Gesundheitsforscher Prof. Dr. Michael Simon ermittelte, dass im Pflegedienst der Krankenhäuser zwischen 2002 und 2007 rund 33.000 Vollzeit-Stellen abgebaut wurden. Bis 2017 kamen zwar wieder 21.000 Stellen dazu, aber auch die Arbeitsbelastung nahm deutlich zu. Ein Grund ist, dass heute mehr operiert wird als in den 1990er-Jahren. Der Altersdurchschnitt der Patienten sowie der Anteil der Patienten, die verwirrt und damit besonders pflegeaufwendig sind, ist höher. Nach Schätzungen des Experten fehlen heute in deutschen Krankenhäusern rund 100.000 Pflegende, um die Patienten angemessen zu versorgen.

Seit dem 1.1.2020 werden die Pflegekosten im Krankenhaus nicht mehr über das Fallpauschalsystem honoriert. Diese Kosten belaufen sich auf 15 Milliarden Euro und sollen jeweils krankenhausintern verhandelt werden. Ausgehandelt haben das die Deutsche Krankenhausgesellschaft, der Spitzenverband der Gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) und der Verband der Privaten Krankenversicherung. Die Beteiligten erwarten bei der Herauslösung der Pflegekosten aus den Fallpauschalen einen mehrjährigen Optimierungsprozess.

Berichte Betroffener offenbaren Missstände

Die folgenden Auszüge aus den fast 1.000  Rückmeldungen zeigen beispielhaft, wie groß die Probleme im Pflegebereich sind. Die Schilderungen konnten wir nicht im Einzelnen überprüfen, sie ähneln inhaltlich aber Hunderten anderen Rückmeldungen aus unserem Fragebogen und stammen aus dem Zeitraum von November 2019 bis Januar 2020.

Eine Pflegerin schrieb, dass sie nachts alleine für die volle Station zuständig war und eine Familie am Sterbebett eines Patienten begleitete. Daher ging sie später als geplant zur Kontrolle durch die Zimmer: "Dabei fand ich dann einen toten Patienten an der Bettkannte zusammengebrochen. Wäre die Nacht ausreichend besetzt gewesen, hätte dem Patienten möglicherweise noch geholfen werden können, weil man ihn rechtzeitig entdeckt hätte."

Eine Krankenpflegerin schiebt ein Krankenbett durch einen Flur
Die Arbeitsbelastung der Pflegekräfte hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. | Bild: picture alliance/dpa / Marijan Murat

In einer anderen Situation, berichtet die Pflegerin, waren sie zu zweit für 27 schwerstkranke Patienten eingeteilt. Als ein Patient akut keine Luft bekam, waren die beiden Pflegenden etwa eine halbe Stunde bei ihm. In dieser Zeit wurde in drei Zimmern per Klingel nach den Pflegenden gerufen. Erst nachdem die Notfallsituation beendet war, konnten die Klingeln "abgearbeitet werden". Im letzten der Zimmer lag ein Mann tot im Bett. Die Pflegerin schreibt: "Eine kleine LED am Notrufknopf leuchtete und zeigte mir an, dass er um Hilfe gerufen hat! Der Mann war sterbenskrank und es sollte auch nichts mehr gemacht werden. So grauenvoll zu sterben, weil schlicht und einfach zu wenig Personal eingesetzt wird, ist finsteres Mittelalter!"

Eine weitere Pflegekraft berichtet, dass sie alleine im Spätdienst auf einer Überwachungsstation für insgesamt acht instabile Patienten zuständig war. Sie hatte viel zu tun in diesem Dienst und konnte so die Monitore im Schwesternzimmer nicht überwachen. Daher bekam sie auch die Alarme nicht mit. Bei einem Patienten versagte zum Ende des Dienstes die Atmung und er musste auf die Intensivstation verlegt werden. Der Patient verstarb noch am selben Wochenende. Die Pflegerin schreibt: "Trotz mehrerer Gefährdungsanzeigen gab es kein zusätzliches Personal."

In einem anderen Fall waren nur zwei Pflegerinnen für 33 Patienten zuständig. Plötzlich musste ein Patient reanimiert werden und dann zeitgleich ein weiterer: "Da standen wir vor der Frage, vor der keiner stehen will: Reanimieren wir Patient 1 weiter und lassen Patient 2 sterben, oder reanimieren wir Patient 2 und lassen Patient 1 sterben? Wir haben uns für die Reanimation an Patient 1 entschieden."

Auch schon vor der Corona-Krise musste in deutschen Krankenhäusern also entschieden werden, wer noch Hilfe bekam und wer nicht. Nur war das öffentlich nicht bekannt. Denn Zahlen dazu, wie häufig der Personalmangel in der Pflege zu vermeidbaren Todesfällen führte, gibt es nicht. Das teilt das Bundesgesundheitsministerium auf Anfrage mit.

Personalschlüssel hat Einfluss auf die Sterblichkeit

Je weniger Pflegekräfte es gibt, desto mehr Patienten sterben. Das zeigte zuletzt etwa eine groß angelegte Untersuchung der University of Southampton und des Kings College London aus dem Jahr 2016. Das Ergebnis der Wissenschaftler: Wenn Pflegekräfte zehn oder mehr Patienten zu betreuen hatten, stieg das Sterblichkeitsrisiko um 20 Prozent gegenüber jenen Patienten, bei denen die Pflegenden nur für sechs oder weniger Patienten zu sorgen hatten.

In der Umfrage von "Plusminus" und Buzzfeed News Deutschland gaben zahlreiche Pflegekräfte an, zum Teil regelmäßig für weit mehr Patienten alleine verantwortlich gewesen zu sein.

Wie die Corona-Krise die Situation verschärft

Nach den Worten des Präsidenten der Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin, Professor Uwe Janssens, waren bereits vor der Corona-Pandemie nicht genügend Pflegende auf den Intensivstationen vorhanden, um alle Betten zu belegen. "Deshalb waren in vielen Kliniken Betten gesperrt." Er sagt: Sollten in der Corona-Krise nun mehr Intensivbetten betrieben werden, "wird dies mit Hilfspersonal stattfinden." Man werde mit angelernten Fachpflegekräften aus anderen Bereichen, ehemaligen Pflegern und Pflegerinnen und Studenten und Studentinnen arbeiten. Erfahrene Kräfte müssten in diesen Fällen den Betrieb so überwachen, dass kein Schaden entsteht, betont Janssens. In einer solchen Krisensituation sei das sinnvoll. Außerhalb einer Krisensituation wäre solch ein Vorgehen fahrlässig.

Bericht: Alexa Höber, Daniel Drepper, Pascale Mueller
Kamera: Mathias Jung, Alexa Höber
Schnitt: Alexa Höber

Stand: 15.04.2020 23:57 Uhr

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