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Dienstwagen: Steuerrecht bremst Verkehrswende

PlayAuto fährt vor stimmungsvollem Licht auf einer Straße
Dienstwagen: Steuerrecht bremst Verkehrswende | Video verfügbar bis 12.09.2019 | Bild: Colourbox / Maksim Toome

Inhalt in Kürze:
– Unternehmen können die Anschaffungskosten für einen Dienstwagen als betriebliche Ausgabe von der Steuer absetzen.
– Anteil der Dienstwagen mit Dieselmotor lag 2017 bei fast 65 Prozent.
– Kritiker sehen durch das Dienstwagenprivileg die Verkehrswende in Gefahr.

Im Kampf für saubere Luft hat Hamburg Ende Mai nach dem Urteil des Bundesverwaltungsgerichts in Leipzig ernst gemacht: Als erste deutsche Großstadt führte die Hansestadt auf zwei Straßen Diesel-Fahrverbote ein. Stuttgart wird im kommenden Jahr nachziehen. Ab Januar 2019 dürfen Dieselfahrzeuge der Abgasnormen Euro 1 bis 4 im gesamten Stadtgebiet nicht mehr verkehren.

Während Städte und Länder erste Maßnahmen ergreifen, um die von der EU-Kommission festgelegten Grenzwerte für Stickstoffdioxid nicht länger zu überschreiten, werden Dienstwagen seit Jahren mit Millionen Euro gefördert – auf Kosten der Steuerzahler.

Dienstwagen: Steuer auf private Nutzung

Wer von seinem Arbeitgeber einen Dienstwagen gestellt bekommt, den er auch privat nutzen darf, muss auf die private Nutzung Steuern zahlen. Denn das Finanzamt betrachtet die unentgeltliche Überlassung des Autos zur privaten Nutzung als Sachzuwendung. Auf den sogenannten geldwerten Vorteil fällt Einkommensteuer an.

Arbeitnehmer: Fahrtenbuch oder Ein-Prozent-Regel

Arbeitnehmer haben grundsätzlich zwei Möglichkeiten, die private Nutzung zu versteuern: über das Führen eines Fahrtenbuchs oder pauschal über die sogenannte Ein-Prozent-Regel. Bei der der Ein-Prozent-Regelung, auch Listenpreismethode genannt, wird bei der Berechnung der Einkommensteuer ein Prozent des Bruttolistenpreises des Firmenwagens zum monatlichen Gehalt hinzugerechnet. Der sogenannte geldwerte Vorteil erhöht das Bruttogehalt und durch die Steuerprogression den Steuersatz. Dadurch wird im Monat mehr Lohnsteuer abgeführt, was zu weniger Nettogehalt führt.

Dienstwagenregeln für Unternehmen und Selbstständige

Unternehmen können die Anschaffungskosten für einen Dienstwagen als betriebliche Ausgabe von der Steuer absetzen. Für Selbstständige wird das Dienstwagenprivileg etwas strenger gefasst. Auch sie müssen ein Prozent des Listenpreises ihrem monatlichen Gehalt hinzurechnen. Wie abhängig Beschäftigte können auch sie das Fahrzeug privat nutzen, müssen jedoch dem Finanzamt einen Nachweis darüber erbringen, dass der betriebliche Nutzungsanteil 50 Prozent übersteigt.

Hohe Kosten für Staat und Steuerzahler

Was die steuerliche Sonderbehandlung von Dienstwagen Staat und Steuerzahler jedes Jahr kostet, können Wissenschaftler nur schätzen. Nach Berechnungen des Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstituts der Universität Köln liegen die jährlichen Steuermindereinnahmen zwischen 800 Millionen Euro und 4,7 Milliarden Euro. Das Forum Ökologisch-Soziale Marktwirtschaft (FÖS)  in Berlin geht sogar von fünf Milliarden Euro aus. Hinzu kommen Ausfälle bei den Sozialkassen.

Vor allem deutsche Autohersteller profitieren

Durch das Dienstwagenprivileg können vor allem Fahrzeuge deutscher Automobilhersteller aus der oberen Mittel- bis Oberklasse erfolgreich am Markt abgesetzt werden, sagt Alexander Mahler vom FÖS. Auf dem Markt für Privatwagen hätten es die teuren Autos deutlich schwerer. Tatsächlich entfielen im vergangenen Jahr mehr als 55 Prozent der von Unternehmen getätigten Pkw-Neuzulassungen auf die Automobilhersteller Mercedes, Audi, BMW, VW und Porsche.

Hoher Anteil von Dieselfahrzeugen

Das Dienstwagenprivileg stellt für viele Unternehmen einen Anreiz dar, Diesel-Fahrzeuge als Dienstwagen anzuschaffen. Diese profitieren gleich doppelt – durch die niedrige Energiesteuer von Diesel gegenüber Benzin und durch die steuerliche Dienstwagen-Vergünstigung.

Im  Jahr 2017 lag der Anteil von Diesel-Dienstwagen-Neuzulassungen bei fast 65 Prozent. Im Vergleich dazu betrug der Anteil von Diesel-Neuzulassungen im Privatkundensektor nur 22 Prozent. Nach Auffassung von Alexander Mahler handelt es sich demnach bei der derzeitigen Dienstwagen-Regelung um eine umweltschädliche Subvention, die die gesamte deutsche Automobilflotte nachhaltig beeinflusst.

Modellprojekte: Verkehrswende in Gefahr?

Wie der Alltag auch mit weniger und kleineren Autos zu bewältigen ist, wird unter anderem in zwei Modellprojekten in Baden-Württemberg erprobt:

  • Im Mannheimer Quartier "Benjamin Franklin" haben Anwohner die Möglichkeit, die Fahrzeuge eines E-Car-Pools zu mieten. 16 Auto-Stunden gibt es bereits für knapp 40 Euro im Monat. Genauso hoch wären die monatlichen Mietkosten für einen Pkw-Stellplatz. Eine Alternative, die sich für viele rechnet. Der Geschäftsführer des E-Car-Pools, Oliver Leicht, warnt jedoch, dass das Dienstwagenprivileg Bemühungen wie diese konterkariere. Wer fast kostenlos ein Dienstfahrzeug nutzen könne, würde sich keine Gedanken über alternative Fortbewegungsmöglichkeiten machen.
  • Im Freiburger Stadtteil Vauban setzt man infrastrukturelle und finanzielle Anreize für den Verzicht auf das eigene Auto. Die derzeitige steuerliche Behandlung von Dienstwagen würde solche Anstrengungen aber untergraben, sagt Architekt Wolfgang Heinze, der die Initiative unterstützt.

Alternativen zur Dienstwagenregelung

Experten fordern bereits seit Jahren die Abschaffung oder Anpassung der Dienstwagenregelung. Vorschläge gibt es viele:

  • Alexander Mahler vom FÖS plädiert unter anderem für eine Regelung, die den tatsächlichen privat zurückgelegten Kilometeranteil in die Besteuerung eines Dienstwagens einfließen lässt. Darüber hinaus empfiehlt er, eine Kohlendioxid-Komponente in die Besteuerung zu integrieren. Das würde auch den Anreiz erhöhen, CO2-arme Fahrzeuge als Dienstwagen anzuschaffen.
  • Michael Thöne vom Finanzwissenschaftlichen Forschungsinstitut der Universität Köln schlägt vor, den bisher pauschalen Ein-Prozentsatz in Abhängigkeit von Emissionswerten des Fahrzeugs anzupassen.

Politik und Industrie halten an Dienstwagenprivileg fest

Warum das Dienstwagenprivileg auch nach jahrelanger Kritik nicht angepasst wird, dazu heißt es in einer Stellungnahme vom Bundesfinanzministerium: "Die derzeitige Besteuerung der Privatnutzung eines betrieblichen Kraftfahrzeugs (…) ist keine Subventionsvorschrift oder Privilegierung."

Auch der Verband der Autoindustrie befürwortete die jetzige Form der Dienstwagenbesteuerung und betont:

"Die geltende Besteuerung der Privatnutzung von Dienst- und Firmenwagen (…) ist systematisch richtig und hat sich in der Praxis bewährt."

 "Eine ökologische Ausrichtung der Firmenwagenbesteuerung würde zu systemwidrigen Verwerfungen im Steuerrecht führen. Umweltanforderungen für das Automobil gehören nicht in das Ertragssteuerrecht."

Bericht: Ann-Brit Bakkenbüll
Kamera: Kevin Stachorowski, Michael Rauhut, Hans-Jürgen Büsch
Schnitt: Dennis Fritz

Stand: 13.09.2018 14:38 Uhr

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