SENDETERMIN Mi., 24.02.21 | 21:45 Uhr | Das Erste

Elektroautos aus China: Chancen auf dem deutschen Markt?

PlayNahaufnahme einer Auto-Steckdose, an der ein Ladekabel hängt.
Elektroautos aus China: Chancen auf dem deutschen Markt? | Video verfügbar bis 24.02.2022 | Bild: Colourbox

Inhalt in Kürze:
– Zwei chinesische Autobauer wollen Elektrofahrzeuge auf den deutschen Markt bringen.
– Eine Kaufprämie erleichtert den Marktstart.
– Experten sehen Abstriche bei den Fahreigenschaften.

 "Wir sind gekommen, um zu bleiben", sagt Philipp Hempel selbstbewusst. Er ist Deutschland-Chef von MG, früher bekannt als englische Sportwagenmarke.
Doch mit reinrassigen britischen Roadstern wie einst hat MG heute nicht mehr viel zu tun. Nach der  Pleite des Herstellers aus Longbridge (Birmingham) im Jahr 2005 übernahmen später chinesische Firmen die Namensrechte. Nun wagt die wiedergeborene Marke MG  mit dem ZS EV den Sprung in die Höhle des Löwen, die Autonation Deutschland.

Auch Aiways will mit dem U5 hier Fuß fassen. Das Modell wurde konzipiert von früheren Managern von Volvo in China. Anders als der MG-Eigentümer und Staatskonzern SAIC ist Aiways ein Start-up. Verkauft werden soll der U5 nicht im klassischen Autohaus, sondern in den Elektronik-Fachmärkten von Euronics.

Förderprämie als Turbo für Elektroautos

Die Startvoraussetzungen für die Chinesen sind gut: Durch die staatliche Kaufprämie für Autos mit Elektroantrieben (6.000 Euro zuzüglich Herstelleranteil von mindestens 3.000 Euro) haben die Absatzzahlen von E-Autos in Deutschland Rekordwerte erreicht. 2020 betrug der Anteil reiner Elektroautos unter den neu zugelassenen Pkw 6,7 Prozent (194.163 Stück) – ein Plus von 206 Prozent gegenüber 2019. Insgesamt war vergangenes Jahr 1,2 Prozent des Pkw-Bestandes in Deutschland elektrifiziert  (2019: 0,5 Prozent).

Reichweiten von 263 und 410 Kilometern

63 Kilowattstunden (kWh) speichert der Akku des Aiways, was ihn laut Hersteller 410 Kilometer weit fahren lässt. Beim MG sind es 44,5 kWh und 263 Kilometer. Besonders im Winter und bei schnelleren Autobahnfahrten dürften beide Reichweiten jedoch deutlich sinken. Wirkliche Schnäppchen sind beide Autos mit 22.420 (MG ZS EV) und 30.010 Euro (Aiways U5) nicht – für ähnliche Beträge gibt es auch europäische Stromer.

Deutlicher Technik-Fortschritt

Der Aiways U5 wird auf einer chinesischen Messe präsentiert.
Aiways will mit dem U5 auf dem deutschen Markt Fuß fassen.  | Bild: picture alliance/dpa/HPIC / Bian Peng

Bereits vor mehr als zehn Jahren hatten es die Hersteller Landwind und Brilliance im Geburtsland des Automobils versucht, auf den Markt zu kommen. Allerdings schnitten sie in einigen Crashtests schlecht ab, so dass der Durchbruch misslang. Danach kopierten einige China-Hersteller europäische Modelle – zum Teil aus bestehenden Joint Ventures mit europäischen Herstellern. Die bekanntesten Kopiervorlagen waren Smart (Shuanghuan Noble), BMW X5 (Shuanghuan CEO) und Rolls-Royce (Geely GE). Doch die Zeiten des Abkupferns sind weitgehend vorbei. Heute ist es nicht ungewöhnlich, dass Autos für europäische Märkte in China gebaut werden. "Made in China" sind etwa die Fahrzeuge von Volvos Elektro-Ableger Polestar und der Billig-Stromer Dacia Spring Electric.

Experten: Keine überragenden Fahreigenschaften

Auf den ersten Blick unterscheidet sich vor allem der MG ZS EV kaum von SUV-Modellen europäischer Hersteller. Und auch im Detail sind Anleihen erkennbar. So sehen die Schalter für die Fensterheber so aus wie bei VW, die Lüftungsdüsen erinnern an Audi – was kein Nachteil sein muss. Der U5 ist da eigenständiger, das Karosseriedesign erinnert nur entfernt daran, dass die Aiways-Gründer ehemalige Volvo-Manager sind. Zudem bietet der 4,68-Meter lange SUV innen sehr viel Platz – was vor allem an einer geschickten Raumnutzung liegt. Wegen des fehlenden Handschuhfachs etwa hat der Beifahrer viel Platz, genügend Stauraum gibt es dafür in der Mittelkonsole.

Der MG ZS EV wirkt auf den ersten Block solide verarbeitet, der Kofferraum ist zum Beispiel mit Textilmaterial ausgekleidet. Allerdings ist bei den Fahreigenschaften noch Luft nach oben. "Ein ziemlich entkoppeltes Fahrgefühl, was vor allem an der extrem diffusen Lenkung liegt", sagt Jens Dralle, Testchef der Fachzeitschrift "Auto Motor und Sport" nach einigen Proberunden über den Aiways U5. Kollege Martin Ruhdorfer vom Technikzentrum des ADAC in Landsberg (Bayern) ist vom Fahrgefühl des  MG ZS EV ebenfalls nicht sehr begeistert: "Das Fahrwerk wirkt wie in Watte gedämpft, trotzdem kommen einzelne Hindernisse aber deutlich durch."

Elektroautos in Deutschland – ist der Kuchen bereits verteilt?

Dr. Helmut Becker glaubt daher nicht, dass sich chinesische Autos momentan in Deutschland durchsetzen werden. "Wenn der Kuchen verteilt ist, tut man sich als Außenseiter und Newcomer besonders schwer", sagt der frühere Chefvolkswirt von BMW und heutige Chef des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München. Alexander Klose ist dagegen der Meinung: "Es kann nicht sein, dass der Kuchen schon verteilt ist, wenn die Nachfrage größer ist als das Angebot", sagt der europäische Aiways Chef mit Blick auf den wachsenden Anteil von Elektroautos am Pkw-Markt.

Josef Dietl ist von seinem Aiways U5 überzeugt. Er ist einer der ersten, die ein chinesisches Auto fahren. Vorher hatte er einen Audi – doch von der Marke aus Ingolstadt ist der Rentner enttäuscht. Seinen A6 Allroad verkaufte er wegen des Dieselskandals mit hohem Verlust.

Bericht: Claudius Maintz
Kamera: Robert Hinz
Schnitt: Dennis Fritz, Frank Wittlinger

Stand: 24.02.2021 22:25 Uhr

39 Bewertungen
Kommentare
Bewerten

Kommentare

Kommentar hinzufügen

Bitte beachten: Kommentare erscheinen nicht sofort, sondern werden innerhalb von 24 Stunden durch die Redaktion freigeschaltet. Es dürfen keine externen Links, Adressen oder Telefonnummern veröffentlicht werden. Bitte vermeiden Sie aus Datenschutzgründen, Ihre E-Mail-Adresse anzugeben. Fragen zu den Inhalten der Sendung, zur Mediathek oder Wiederholungsterminen richten Sie bitte direkt an die Zuschauerredaktion unter info@daserste.de. Vielen Dank!

*
*

* Pflichtfeld (bitte geben Sie aus Datenschutzgründen hier nicht Ihre Mailadresse oder Ähnliches ein)

Kommentar abschicken

Ihr Kommentar konnte aus technischen Gründen leider nicht entgegengenommen werden

Kommentar erfolgreich abgegeben. Dieser wird so bald wie möglich geprüft und danach veröffentlicht. Es gelten die Nutzungsbedingungen von DasErste.de.

Sendetermin

Mi., 24.02.21 | 21:45 Uhr
Das Erste

Produktion

Norddeutscher Rundfunk
für
DasErste