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Warten auf Hilfe beim "Fonds Sexueller Missbrauch"

PlaySchattenwurf eines Erwachsenen und eines Kindes
Warten auf Hilfe beim "Fonds Sexueller Missbrauch" | Video verfügbar bis 14.08.2020 | Bild: kemai / photocase.de

Inhalt in Kürze:
- Als eine an sich gute Idee ist der "Fonds Sexueller Missbrauch" in die Mühlen des Politikbetriebes geraten.
- Viele Missbrauchsopfern beklagen lange Bearbeitungszeiten von Anträgen durch den Fonds.
- Warnungen von Experten wurden von der Politik offenbar ignoriert – unter den Folgen leiden die Betroffenen heute noch.

Der zigfache Kindesmissbrauch an der Odenwaldschule oder kirchlichen Einrichtungen wie dem Canisius-Kolleg hat im Frühjahr 2010 über mehrere Wochen lang die Schlagzeilen in Deutschlands Medien bestimmt. Die Bundesregierung reagierte mit der Einberufung eines Runden Tisches. Dort haben zahlreiche Experten Dutzende Vorschläge erarbeitet, vor allem dazu, wie den Betroffenen sexualisierter Gewalt schneller und besser geholfen werden kann.

Hilfsfonds hatte keinen guten Start

Einer dieser Vorschläge war die Einrichtung eines Hilfsfonds in Höhe von 100 Millionen Euro, um Missbrauchsopfern zusätzliche Therapien oder Hilfsmittel zu bezahlen. Jeweils 50 Millionen Euro sollten Bund und Länder einzahlen. Im Frühjahr 2013 entbrannte zwischen Bund und Ländern ein Streit um die Finanzierung des "Fonds Sexueller Missbrauch". Es ging um Zeitpläne und Finanzierungsdetails.

Langes Warten auf Entscheidungen

Am 1. Mai 2013 nimmt der "Fonds Sexueller Missbrauch" die Arbeit auf. Angesiedelt ist der Fonds beim Bundesfamilienministerium. Betroffene beklagen jedoch schon bald, dass ihre Anträge schleppend bearbeitet werden, sie monatelang auf Entscheidungen und Bewilligungen warten müssen. Therapiekurse sind teils vorbei, bis eine Kostenübernahme-Erklärung vom Fonds eintrifft. Der Frust bei den Missbrauchsopfern ist groß.

Experten haben hohe Fallzahlen erwartet

Eine Frau zeigt ein Schreiben des Bundesfamilienministeriums.
Erst nach langer Wartezeit bekommen viele Betroffene eine Antwort auf ihre Anträge. | Bild: NDR

In Briefen an die Betroffenen versuchen das Bundesfamilienministerium und der Fonds, sich zu rechtfertigen. Man sei von der Vielzahl der Anträge überrascht worden. Dabei warnten die am Runden Tisch "Sexueller Missbrauch" beteiligten Experten schon damals vor hohen Fallzahlen. In einem Tagesthemen-Beitrag vom 20. Februar 2013 sagte der Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Jörg M. Fegert: "Je stärker wir über die Problematik informieren, desto mehr Nachfrage kommt natürlich auch und die muss adäquat bedient werden."

Verbesserungen vorerst nicht in Sicht

Zum 1. August 2018 wurde das System der Antragsbearbeitung beim "Fonds Sexueller Missbrauch" reformiert. Für die vor diesem Datum eingereichten Anträge bleibt jedoch alles beim Alten – die Antragssteller warten weiterhin teils monatelang auf Entscheidungen. 

Das Bundesfamilienministerium bestätigt auf Anfrage von "Plusminus" die "teils langen Bearbeitungszeiten", versichert aber, "dass alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter intensiv weiter daran arbeiten, organisatorische und inhaltliche Optimierungsmaßnahmen umzusetzen".

Weiter schreibt das Bundesfamilienministerium: "2017 wurden außerdem neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingestellt, um die Anträge schneller zu bearbeiten. Zudem wurden die Entscheidungskompetenzen erweitert – so werden nun nur noch bei komplexen Fällen externe Gremien, die Clearingstellen, eingebunden. […] Durch diese Maßnahmen wurde die Antragsbearbeitung schon erheblich beschleunigt. Ziel ist es, die Anträge künftig zeitnah zu bearbeiten. Der große Rückstand in der Bearbeitungszeit ist dadurch entstanden, dass der 'Fonds Sexueller Missbrauch' ursprünglich im Mai 2016 für neue Anträge geschlossen werden sollte und deshalb viele Betroffene in den Wochen vorher noch ihren Antrag eingereicht haben. So sind in den ersten sechs Monaten des Jahres 2016 mehr als 3.600 Anträge eingegangen, davon mehr als 2.000 allein in den Monaten März und April. Damit wurden innerhalb eines halben Jahres mehr Anträge eingereicht als insgesamt in den drei vorherigen Jahren. Insgesamt sind in dem Fonds bisher rund 11.500 Anträge eingegangen."

Bericht: Thomas Eckert
Kamera: C. Ruhweder, S. Thissen
Schnitt: S. Blasch-Freels

Stand: 14.08.2019 23:20 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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