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Grüner Knopf – Wie gut ist das Textilsiegel?

PlayEin Papier mit der Aufschrift "Grüner Knopf"
Grüner Knopf – Wie gut ist das Textilsiegel?  | Video verfügbar bis 20.11.2020 | Bild: picture-alliance / dpa Zentralbild / Britta Pedersen

Inhalt in Kürze:
– Der Grüne Knopf ist ein staatliches Textilsiegel, das die Suche nach sozial und ökologisch nachhaltig produzierter Kleidung erleichtern soll.
– Bis Mitte 2021 läuft die Pilotphase.
– Nichtregierungsorganisationen und Verbände halten das Siegel für einen Schritt in die richtige Richtung, sehen aber noch Verbesserungsbedarf.

Noch fast fünf Wochen sind es bis Heiligabend und das Weihnachtsgeschäft nimmt langsam Fahrt auf. Ein beliebtes Geschenk unterm Baum: Textilien. Aber ob Pullover, Socken oder Handtücher auch sozial fair und ökologisch nachhaltig hergestellt wurden, war für Kunden bisher nur schwer zu erkennen. Denn viele Siegel decken nur einzelne Aspekte ab und konzentrieren sich nur auf ökologische oder arbeitsrechtliche Kriterien.

Um den Kunden eine bessere Orientierung zu bieten, hat Bundesentwicklungsminister Gerd Müller Anfang September hat das erste staatliche Textilsiegel, den Grünen Knopf vorgestellt. Er soll Kunden den Einkauf von ökologisch nachhaltigen und sozial fairen Textilien erleichtern und eine Orientierungshilfe im Siegel-Dschungel sein.

Vergabekriterien für den Grünen Knopf

Produkte, die den Grünen Knopf erhalten sollen, müssen 26 ökologische und soziale Anforderungen erfüllen. Dazu gehören zum Beispiel das Verbot von Kinderarbeit, die Zahlung von Mindestlöhnen und das Recht auf Vereinigungsfreiheit. Zudem muss im Produktionsprozess auf gefährliche Chemikalien verzichtet und auf die Einsparung von CO2 geachtet werden. Zusätzlich muss das Unternehmen auch als Ganzes seine Sorgfaltspflicht anhand von 20 Kriterien nachweisen. Dabei handelt es sich um internationale Mindeststandards wie die Kernarbeitsnormen der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) oder die UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte.

Unabhängige Prüforganisationen wie TÜV und Dekra überprüfen die Einhaltung der Kriterien. Diese werden wiederum von der Deutschen Akkreditierungsstelle (DAkkS) ausgewählt.

Noch läuft die Pilotphase

In der Pilotphase, die bis Mitte 2021 geplant ist, ist es möglich, dass Unternehmen die Produktkriterien mithilfe bereits erlangter Basis-Siegel nachweisen.

Folgende Siegel decken sowohl soziale als auch ökologische Kriterien ab:

  • Global Organic Textile Standard (GOTS)
  • Oeko-Tex Made in Green
  • Fairtrade Textilstandard
  • Naturtextil IVN zertifiziert BEST

Zudem können Siegel miteinander kombiniert werden, um für ein Produkt den „Grünen Knopf“ zu erhalten.

Anerkannte Siegel für soziale Kriterien:

  • Fair Wear Foundation
  • SA8000

Anerkannte Siegel für ökologische Kriterien:

  • Blauer Engel
  • bluesign product
  • Cradle to Cradle

In der Einführungsphase deckt der Grüne Knopf allerdings nur die letzten beiden Stufen der Textilproduktion, also das "Zuschneiden und Nähen" (Konfektionierung) sowie das "Bleichen und Färben" (Nassprozesse) ab. Tierhaltung oder der Rohstoffanbau bleiben unberücksichtigt.

NGO: Gut gemeint, aber noch nicht gut gemacht

Grüner-Knopf-Siegel in einem T-Shirt.
Nichtregierungsorganisationen wie CIR begrüßen das Siegel grundsätzlich, haben aber auch Bedenken. | Bild: picture-alliance / dpa Zentralbild / Britta Pedersen

Nichtregierungsorganisationen wie die Christliche Initiative Romero (CIR) befürworten das Metasiegel grundsätzlich, haben bei einigen Punkten aber auch Bedenken. CIR kritisiert die Zahlung von Mindestlöhnen, so wie der Grüne Knopf es in seiner aktuellen Version vorsieht. In vielen Ländern würde dieser nicht für ein Leben in Würde ausreichen. Auch die Sonderregelung für in der EU produzierende Unternehmen bewertete die Initiative kritisch. Denn für die Produktzertifizierung müssen solche Unternehmen keinen Nachweis über die Einhaltung der sozialen Kriterien erbringen. Dabei würden vor allem in Bulgarien und Rumänien – den größten Textilproduzenten Europas – Arbeits- und Menschenrechte häufig mit Füßen getreten, sagt Sandra Dusch Silva von CIR.

Wer soll das kontrollieren?

Kritik kommt auch vom Branchenverband textil+mode. Unter anderem bleibe die Frage offen, wie das Bundesentwicklungsministerium die Einhaltung der Standards tatsächlich kontrollieren und garantieren wolle. Denn allein die Herstellung eines Herren-Oberhemdes habe bis zu 140 Produktionsstufen. Zudem sieht der Verband die Gefahr, dass die Glaubwürdigkeit einer ganzen Branche auf dem Spiel stehe, sollte auch nur ein Produkt fälschlicherweise mit dem Metasiegel ausgezeichnet werden.

Ein erster Schritt

Derzeit sind 27 Unternehmen, darunter Tchibo oder Trigema, mit dem Grünen Knopf zertifiziert. 26 weitere befinden sich momentan im Prüfprozess, 160 haben seit der Einführung ihr Interesse bekundet. Auch wenn die von "Plusminus" befragten Unternehmen betonten, dass die Anforderungen des Siegels sukzessive weiterentwickelt werden müssten, halten sie das Metasiegel für einen guten ersten Schritt, um nachhaltige Textilien aus der Öko-Nische in den Massenmarkt zu bringen. Denn obwohl Nachhaltigkeit, Klimaschutz und Menschrechtsbedingungen dieser Tage überall präsent sind und stark diskutiert werden: Bei der finalen Kaufentscheidung spielen diese Themen immer noch eine untergeordnete Rolle.

Orientierung im Siegel-Dschungel

Auch wenn der Grüne Knopf nach den ersten 100 Tagen sicherlich noch verbesserungsfähig ist: Das Siegel sensibilisiert Kunden für Aspekte wie soziale Fairness und Umweltschutz beim Einkaufen von Textilien. Zudem kann es eine Orientierungshilfe im Siegel-Dschungel sein. Allerdings ist wichtig, dass das Metasiegel am Ende auch hält, was es verspricht. Denn Menschenrechtsverletzungen und die Verschmutzung der Umwelt dürfen nicht länger Wettbewerbsvorteile sein.

Text: Ann-Brit Bakkenbüll
Kamera: Meinhild Jach, Erasmus Degrand
Schnitt: Markus Meier

Stand: 20.11.2019 22:42 Uhr

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