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Neue Medikamente – mehr Risiken für Patienten?

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Neue Medikamente – mehr Risiken für Patienten? | Video verfügbar bis 20.02.2020 | Bild: Fotolia / PhotoSG

Inhalt in Kürze:
– Patienten in Deutschland stehen neue Medikamente meist früher zur Verfügung als Patienten in anderen europäischen Ländern.
– Oft zeigen sich Nebenwirkungen erst nach der Zulassung neuer Medikamente, wenn sie in der breiten Anwendung sind.
– Die zuständigen Stellen warnen: Patienten sollten selbst bis zu einem Jahr nach dem Absetzen des Medikaments noch überwacht werden.

"Anhaltende Wirksamkeit und Sicherheit" oder "ohne schwere Nebenwirkungen" titeln Fachzeitschriften. Zinbryta, ein Medikament zur Therapie bei Multipler Sklerose, mit dem Wirkstoff Daclizumab des Herstellers Biogen gilt 2016 als "neue Wunderwaffe der Neurologen", gewinnt sogar einen Pharma-Preis. 2.890 Patienten in Deutschland werden schon im ersten Jahr nach Markteinführung auf das neue Medikament umgestellt. Im gesamten Rest von Europa sind es nur 400 Patienten.

Im März 2018 wird Zinbryta nach nur anderthalb Jahren wieder vom Markt genommen. Der Grund ist das Auftreten von schweren Nebenwirkungen und mindestens sieben Todesfälle, die meisten davon in Deutschland. Die Patienten erleiden schwere Immunreaktionen und als Folge Leberversagen oder Hirnhautentzündungen. Die Nebenwirkungen können selbst bis zu einem Jahr nach dem Absetzen des Medikaments auftreten, warnen die zuständigen Stellen. Somit sind erst im März 2019 auch die letzten Patienten wahrscheinlich außer Gefahr.

Der Hersteller erklärt: "Die Sicherheit der Patienten hat für Biogen stets oberste Priorität. Daher haben wir jederzeit offen und kooperativ mit den relevanten Behörden zusammengearbeitet."

Besonders Patienten in Deutschland sind betroffen

Die europäische Arzneimittelbehörde lässt neue Medikamente für alle EU-Länder gleichzeitig zu. Doch während sich in anderen Ländern teils langwierige Bewertungsverfahren anschließen, können Ärzte in Deutschland die neuen Wirkstoffe sofort verordnen. Im Fall von Zinbryta zeigen sich einige schwere Nebenwirkungen erst in der breiteren Anwendung.

Biogen erklärt dazu: "Manche Nebenwirkungen treten so selten auf, dass man sie vor der Zulassung oft nicht zuverlässig identifizieren, zuordnen und bewerten kann."

Da der Wirkstoff in Deutschland am häufigsten zum Einsatz kommt, erleiden auch besonders viele deutsche Patienten die teils schweren Nebenwirkungen. Außerdem lässt die europäische Behörde, die Europäische Arzneimittel-Agentur (EMA), den Wirkstoff uneingeschränkt zu, das bedeutet sogar für leichte Krankheitsverläufe. Dagegen schränkt die amerikanische Arzneimittelbehörde FDA den Wirkstoff Daclizumab direkt in der Verwendung ein und versieht ihn mit einem Warnhinweis.

Die EMA schreibt dazu: "Zinbryta wurde 2016 auf Basis umfassender wissenschaftlicher Untersuchungen zugelassen." Und weiter: Zu diesem Zeitpunkt hätten "... die Vorteile von Zinbryta (...) die Risiken überwogen ...".

Wie können sich Patienten besser schützen?

Experten raten dazu, neue Wirkstoffe vorsichtiger einzusetzen. Die Nebenwirkungen von älteren Medikamenten sind besser bekannt und besser abschätzbar. Gibt es keine altbekannten Alternativen und soll eine Therapie mit einem neuen Medikament begonnen werden, empfehlen Experten, sich in großen Zentren therapieren zu lassen. Dort lassen sich Studienergebnisse zu neuen Wirkstoffen und Erfahrungen anderer Patienten besser bündeln und bisher unbekannte Nebenwirkungen fallen schneller auf.

Bericht: Sara Rainer, Christine Seidemann
Kamera: Erik Haasdonk, Felix Weymann
Schnitt: Tim Rieckmann

Stand: 20.02.2019 22:44 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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