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Welche Risiken gibt es bei ambulanten Operationen unter Vollnarkose?

PlayEin mit der Aufschrift Narkose versehener Infusionsbeutel ist zu sehen. Im unscharfen Hintergrund befindet sich ein Operatuer.
Welche Risiken gibt es bei ambulanten Operationen unter Vollnarkose? | Video verfügbar bis 09.02.2023 | Bild: dpa / Marijan Murat

  • Ambulante Operationen haben sich seit den 90er-Jahren verdoppelt.
  • Es gibt wenig Kontrolle für Praxen bei ambulanten Operationen.
  • Geschultes Personal und Notfallpläne sind wichtige Kriterien bei der Arztwahl.

Grundsätzlich sind Narkosen sicherer geworden. Noch vor 50 Jahren starben bis zu 79 von 100.000 Menschen in Zusammenhang mit einer Narkose, heute ist es ein Mensch, der bei 100.000 Narkosen stirbt, so der Berufsverband Deutscher Anästhesisten. Eine Ursache für Todesfälle bei ambulanten Eingriffen sind mangelhafte Sicherheitsstandards in der Arztpraxis.

Zahl ambulanter Operationen hat sich verdoppelt

Ambulante Operationen haben sich seit Mitte der 90er-Jahre mehr als verdoppelt. Laut der Interessenvertretung der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) gab es 1996 knapp vier Millionen ambulante Operationen, 2019 waren es mehr als acht Millionen. Die GKV beobachtet außerdem den Trend, dass kurze ambulante Eingriffe weniger werden und lange Eingriffe dafür zunehmen. Eine der Ursachen für den grundsätzlichen Anstieg ambulanter Operationen ist, dass sie seit dem Jahr 2000 vom Gesetzgeber gefördert werden.

Inhaber einer Arztpraxis können die Eingriffe ohne Mengenbegrenzung extra abrechnen, während ihnen für andere Leistungen ein pauschales Budget zugewiesen wird. Praxisinhaber können sich ambulante Operationen auch teilweise fördern lassen, erklärt das Bundesgesundheitsministerium. Die Vergütung des Eingriffs und der Nachbeobachtung erfolgt unabhängig davon, ob ein Arzt in eigener Praxis operiert oder für die Operationen Zeitfenster in einem ambulanten OP-Zentrum mietet.

Wenig Qualitäts-Kontrolle in Praxen bei ambulanten Operationen

Um die Qualität ambulanter Operationen zu sichern, gibt es laut Bundesgesundheitsministerium eine Qualitätssicherungsvereinbarung. Darin ist festgelegt, welche Anforderungen Praxen fachlich, organisatorisch, hygienisch, räumlich und apparativ erfüllen müssen. Durch den Einsatz einer Qualitätssicherungskommission kann die Kassenärztliche Vereinigung überprüfen, ob die vereinbarten Qualitätsstandards eingehalten werden. Doch Begehungen in Praxen gibt es äußerst selten, erklärt die Kassenärztlichen Bundesvereinigung auf Anfrage. In den gut 72.000 bestehenden Arztpraxen in Deutschland fanden 2019 nur fünf Praxisbegehungen statt. Auch wenn eine Praxis neu eröffnet wird, findet – außer in Mecklenburg-Vorpommern – keine standardmäßige Begehung statt, um Qualitätsstandards zu überprüfen.

Justiz, Politik und Ärzteverbände zu wenig für Gefahren sensibilisiert

Der schleswig-holsteinische Richter Tim Neelmeier kritisiert, dass selten kontrolliert wird, wie Praxisinhaber die Abläufe bei ambulanten Narkosen organisieren. Neelmeier ist am Landgericht Itzehoe Richter für Arzthaftungsrecht und davon überzeugt, dass es einen finanziellen Anreiz gibt, möglichst viele Eingriffe unter Narkose in möglichst kurzer Zeit durchzuführen. Neelmeier beschäftigte sich im Rahmen einer Dissertation damit, wie häufig die Art der Praxisorganisation zu schweren Schäden bei Patientinnen und Patienten führte. Justiz, Politik und Ärzteverbände sind nach seiner Einschätzung zu wenig dafür sensibilisiert, dass immer wieder Menschen zu Schaden kommen oder sogar sterben, weil Praxisinhaber grundlegende Sicherheitsstandards nicht eingehalten haben.

Datenschutz hemmt Erfassung von Todesfällen

In Hessen starben 2021 zwei Kleinkinder nach ambulanten Narkosen. Daher fragte eine Landtagsabgeordnete die hessische Landesregierung an, ob Ermittlungs- und Strafverfahren systematisch erfasst werden, um strukturelle Mängel als Ursache für Todesfälle in Arztpraxen erkennen zu können. Eine statistische Erfassung von Ermittlungs- und Strafverfahren nach dem Tod von Kindern in Arztpraxen finde nicht statt, antwortete die hessische Landesregierung. Eine bundesweite Erfassung könne datenschutzrechtliche Fragen aufwerfen, da es sich um eine geringe Zahl an Einzelfällen handele. Solche Aussagen machen Richter Tim Neelmeier fassungslos. Er fragt sich, wie viele Menschen noch sterben müssen, um datenschutzrechtliche Bedenken zu überwinden.

Wichtig für gute Praxen: Notfallpläne und geschultes Personal

Mehrere medizinische Berufsverbände haben sich eigentlich auf Qualitätsstandards für die Durchführung ambulanter Operationen geeinigt. Eine wichtige Voraussetzung für sichere Narkosen ist ein nicht zu eng getakteter Operationsplan, sodass Anästhesisten und Anästhesistinnen nicht zwischen verschiedenen Behandlungsräumen rotieren müssen. Geschultes Personal ist wichtig, das nach der Operation die Patienten und Patientinnen kontinuierlich überwacht. Aufgrund der Nachwirkungen einer Narkose ist die Zeit im Aufwachraum besonders gefährlich.

Nur geschultes Personal kann Alarmsignale deuten, die auf eine Komplikation hinweisen. Wichtig ist auch die technische Ausstattung, mit der zum Beispiel der Sauerstoffgehalt des Blutes kontinuierlich überwacht wird. Außerdem sollte ein Plan bestehen, was im Notfall passiert, damit zum Beispiel die Notaufnahme eines Krankenhauses schnell erreicht wird. Steht eine ambulante Narkose an, sollten sich Patienten und Patientinnen nicht scheuen, diese Aspekte im Vorfeld abzuklären.

Bericht: Alexa Höber
Kamera: Meinhild Jach
Schnitt: Alexa Höber

Stand: 09.02.2022 22:28 Uhr

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