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Unnötige Operationen: Einnahmequelle der Gesundheitsbranche

PlayEin Stethoskop und ein Taschenrechner liegen auf einem Bündel Geldscheine.
Unnötige Operationen: Einnahmequelle der Gesundheitsbranche | Video verfügbar bis 17.10.2019 | Bild: Colourbox / Eugen Wais

Inhalt in Kürze:
– In Deutschland wird mehr operiert als in den meisten anderen europäischen Ländern.
– Viele Ärzte beklagen, dass medizinische Entscheidungen zunehmend von wirtschaftlichen Faktoren beeinflusst werden.
– Eine ärztliche Zweitmeinung kann Patienten vor unnötigen oder verfrühten Operationen schützen.

Blinddarmentfernungen, Gallenblasenentfernungen, Gebärmutterentfernungen, Hüftgelenkersatz, Kniegelenkersatz oder Herzkatheter-Untersuchungen: Bei der Häufigkeit dieser Eingriffen belegt Deutschland im internationalen Vergleich einen der vordersten Plätze. Die Anzahl der Wirbelkörperversteifungen hat sich zwischen 2006 und 2016 nahezu verdoppelt. Das führt zu einer Verunsicherung der Patienten und auch innerhalb der Ärzteschaft wächst der Unmut über diese Entwicklung.

Gründe für häufige Operationen sind vielfältig

Ein Stethoskop und ein Taschenrechner liegen auf einem Bündel Geldscheine.
Aus finanziellen Gründen operieren viele Ärzte lieber, als konservativ zu behandeln. | Bild: Colourbox / Eugen Wais

Fürsprecher der gängigen Praxis verweisen gerne darauf, dass in Deutschland so viel operiert werde, weil die Medizin hierzulande so weit entwickelt sei. Zum Teil ist dies bestimmt richtig, aber ist die Medizin in Ländern wie Schweden oder Frankreich nicht ebenso weit entwickelt? Trotzdem werden dort beispielsweise weniger Herzkatheter-Eingriffe vorgenommen und deutlich weniger Gebärmutterentfernungen durchgeführt. Sicherlich spielt auch eine Rolle, dass die deutsche Bevölkerung immer älter wird, aber vergleicht man die Operationszahlen in Deutschland mit denen in Ländern mit ähnlichen Altersstrukturen, beispielsweise Österreich oder Italien, so bleibt es dabei: Hierzulande wird mehr operiert.

Geht es ums Geld? Der Verdacht liegt nahe. 52 Prozent aller allgemeinen Krankenhäuser haben weniger als 200 Betten. Diese kleinen Kliniken lassen sich oft nicht kosteneffizient betreiben. Das kann in den einzelnen Häusern zu wirtschaftlichem Druck führen, der dann in vielen Fällen auch auf die Ärzte ausgeübt wird. So glauben laut einer wissenschaftlichen Analyse des Bundesfinanzministeriums 39 Prozent der Chefärzte, dass in ihrem Fachgebiet wirtschaftliche Rahmenbedingungen zu erhöhten OP-Fallzahlen führen. Dies gilt insbesondere für die Kardiologie und die Orthopädie. Auch eine Studie der Universität Bremen bestätigt, ärztliche Entscheidungen werden zunehmend von betriebswirtschaftlichen Vorgaben beeinflusst. Der wirtschaftliche Druck führt zu immer kürzeren Liegezeiten, damit immer mehr Patienten operiert werden können.

Ein Problem, das viele Chefärzte immer wieder ansprechen, ist das Vergütungssystem, das sogenannte DRG-System (diagnosis related groups). Früher haben die Krankenkassen jeden Tag bezahlt, den ein Patient im Krankenhaus lag. Seit 2003 wird die Behandlung pauschal bezahlt. Im Vergleich zu operativen Eingriffen werden konservative Behandlungsmethoden oft schlechter vergütet. Mehr Geld können die Krankenhäuser aktuell also am besten verdienen, indem sie mehr Patienten in kürzerer Zeit behandeln – und das lieber teuer als kostenschonend, also mittels Operationen.

So können sich Patienten schützen

Ein Weg, wie sich Patienten davor schützen können, unnötig oder einfach verfrüht auf dem OP-Tisch zu landen, ist die Zweitmeinung. Viele Krankenkassen bieten diese Möglichkeit an. Fest steht, man sollte sich nie unter Druck setzen lassen. In vielen Fällen bleibt genug Zeit, um sich genauer zu erkundigen. Patienten sollten nicht einfach blind vertrauen, sondern genau hinterfragen, ob eine Operation wirklich nötig ist oder es nicht vielleicht noch andere Behandlungsmethoden gibt, die zuerst ausgeschöpft werden können. Manchmal erfordern konservative Behandlungsmethoden mehr Geduld von den Patienten, sind aber mit weniger Risiken verbunden.

Bericht: Sara Rainer
Kamera: Johannes Anders
Schnitt: Stefan Sczcuka

Stand: 18.10.2018 08:59 Uhr

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