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Betrügerische Pflegedienste kassieren ab

PlayDie Hand einer alten Person wird gehalten.
Betrügerische Pflegedienste kassieren ab | Video verfügbar bis 14.08.2020 | Bild: picture-alliance / Oliver Berg

Inhalt in Kürze:
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Die Dunkelziffer für Pflegebetrug wird auf etwa 98 bis 99 Prozent geschätzt.
- Geschätzt mindestens 1,1 Milliarden Euro wurden 2017 in dunkle Kanäle abgezweigt.
- Die Bandbreite reicht von falsch abgerechneten Pflegeleistungen bis zur nicht professionellen Betreuung von Intensivpatienten.

Trotz einer Dunkelziffer von 98 bis 99 Prozent zeigen die wenigen bekannten Daten ein eindeutiges Bild: Spitzenreiter beim "Fehlverhalten im Gesundheitswesen" sind nicht Apotheker oder Ärzte, sondern ambulante Pflegedienste. 37,2 Milliarden Euro wurden 2017 für Pflege ausgegeben. Die Ermittler schätzen, dass davon mindestens 1,1 Milliarden Euro in dunkle Kanäle abgezweigt wurden. Denn der Bereich ist äußerst schwer zu kontrollieren.

Immer mehr Menschen sind im Alter auf Hilfe beim Waschen, Anziehen und Tablettennehmen angewiesen. Die meisten wollen in den eigenen vier Wänden versorgt werden. Was dort passiert, muss zwar von den Pflegediensten dokumentiert werden – aber wenn die Pflegebedürftigen dement sind oder nur noch schwer hören oder sehen können, dann fällt Fehlverhalten nur selten auf. Dazu kommt, dass das Abrechnungssystem an sich intransparent ist. Millionen von Datensätzen, die bei den Krankenkassen auflaufen, werden nur stichprobenartig überprüft.

Intensivpatienten werden von Hilfspersonal "überwacht"

Ein Pfleger säubert den Mund eines Intensivpatienten.
Die Pflege von schwerkranken Menschen kostet besonders viel.

Die Kassen haben mittlerweile eigene Abteilungen, die sich aufgrund von Hinweisen – etwa von Angehörigen – mit Verdachtsfällen beschäftigen. Dabei geht es manchmal nur um kleinere Summen wie falsch abgerechnete Pflegeleistungen. Manchmal aber auch um große Beträge, wie sie in der Intensivpflege gezahlt werden. Wenn schwerkranke Menschen rund um die Uhr von fachlich besonders qualifizierten Pflegern betreut werden müssen, etwa weil sie an Beatmungsgeräten hängen, dann kostet das bis zu 25.000 Euro – im Monat. Die hohen Summen rufen Betrüger auf den Plan, die große Wohnungen anmieten, jedes Zimmer mit einem Intensivpatienten belegen – und diese dann von unqualifiziertem Hilfspersonal "überwachen" lassen. Das bedeutet für die Betrüger: hohe Gewinnspannen. Für die betroffenen Patienten aber eine lebensbedrohliche Situation.

Bundesländer richten spezielle Staatsanwaltschaften ein

Um solchen Praktiken Einhalt zu gebieten, haben vier Bundesländer Schwerpunktstaatsanwaltschaften eingerichtet: Bayern, Hessen, Thüringen und Schleswig-Holstein. Denn die Materie ist komplex, ein "normaler" Staatsanwalt kann die Strukturen kaum erkennen. Auch bei Polizei und an Amts- und Landgerichten hinken die Kompetenzen und personellen Möglichkeiten der betrügerischen Energie hinterher. Dazu kommt, dass es kein Register gibt. Selbst schwarze Schafe, die zum Beispiel in Norddeutschland Probleme mit der Justiz hatten, können ohne Mühe im Süden einen neuen Pflegedienst aufmachen und ihre kriminellen Machenschaften ungehindert fortführen.

Der GKV-Spitzenverband, der 70 Millionen Versicherte vertritt, fordert flächendeckend Schwerpunktstaatsanwaltschaften in ganz Deutschland und einen Whistleblower-Schutz für Aussteiger aus der Branche. Denn wer heutzutage über kriminelle Geschäftspraktiken auspackt, verliert in der Regel seinen Job – selbst wenn es zu einer Verurteilung aufgrund seiner Hinweise kommt.  

Die wenigen Fachleute bei Polizei und Staatsanwaltschaft bestätigen: So lange der Bedarf an Pflegekräften so hoch ist und die Kontrollen so nachlässig sind wie derzeit, bleibt Betrug in diesem Feld gefahrlos – und äußerst lukrativ.

Bericht: Birgit Augustin

Stand: 14.08.2019 23:24 Uhr

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