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Viren in der Wurst: Phagen gegen gefährliche Bakterien

PlaySchematische Darstellung von Bakteriophagen
Viren in der Wurst: Phagen gegen gefährliche Bakterien | Video verfügbar bis 19.06.2020 | Bild: Imago Images / Westend61

Inhalt in Kürze:
– Bakteriophagen machen Lebensmittel sicherer.
– Gerade bei Wurst und Fleisch sorgen sie dafür, dass sich gefährliche Krankheitserreger wie Listerien gar nicht erst ausbreiten.
– Die EU Kommission erschwert allerdings ihre Anwendung.

Bakteriophagen sind Viren, die nur Bakterien befallen. Sie kommen überall in der Natur vor. So gibt es für jedes Bakterium einen passenden Phagen: Ihm schmeckt nur ein einziges spezifisches Bakterium. Dieser Phage setzt sich auf die Zellwand des Bakteriums und injiziert seine DNA. Dadurch bilden sich viele kleine Phagen, so lange, bis das Bakterium platzt und die neuen Phagen freisetzt. Dieser Prozess wiederholt sich so lange, bis alle Bakterien zerstört sind. Dann verschwinden auch die Phagen.

Mit Phagen gegen Listerien

Auch beim Herstellungsprozess von Lebensmitteln kommen Phagen zum Einsatz. Vor allem bei Produkten, die ein hohes Risiko haben, mit krank machenden Listerien oder Salmonellen verunreinigt zu sein. Gerade Listerien vom Typ Listeria monocytogenes können Verbrauchern gefährlich werden, besonders, wenn deren Immunsystem geschwächt ist: "In dem Fall ist der Körper oft nicht in der Lage, die Listerien schnell genug abzutöten", erklärt Professor Johannes Knobloch, Virologe am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. "Mit der Folge, dass sie sich in alle Bereiche des Körpers ausbreiten können. So können sie auch an ungewöhnlichen Orten, zum Beispiel im Gehirn, zu Infektionen führen." Besonders gefährdet seien Schwangere, bei denen Listerien auf das ungeborene Kind übergehen und sogar den Tod zur Folge haben können. Trotz zunehmender Hygienemaßnahmen haben sich die Fälle gemeldeter Listeriosen nach Angaben des Robert Koch-Instituts in den vergangenen zehn Jahren in Deutschland nahezu verdoppelt.

Produktion in den Niederlanden

In Kanada, den USA, Australien, Neuseeland, Israel und der Schweiz sind Bakteriophagen auf Lebensmitteln ganz legal im Einsatz. Dazu wird zum Beispiel während der Produktion ein Lebensmittel mit einer Phagenlösung besprüht. Die darin enthaltenen Phagen beseitigen so krankmachende Pathogene, bevor sie sich ausbreiten können – und das ohne Chemie und Nebenwirkungen: Für Verbraucher sind Phagen unschädlich, sie werden mitgegessen und ausgeschieden. Hergestellt werden solche Phagenlösungen zum Beispiel von dem Biotech-Unternehmen Micreos in den Niederlanden. Das Unternehmen verkauft seine Produkte gegen Listerien, Salmonellen und E.-Coli-Bakterien in die ganze Welt.

Probleme mit der Zulassung

Schematische Darstellung von Bakteriophagen
Bakteriophagen sind Viren, die nur Bakterien befallen.  | Bild: Kiyoshi Takahase / Segundo / Kiyoshi Takahase

2007 hat das Unternehmen für das Produkt "Listex P 100" einen Antrag auf Zulassung in der EU für verzehrfertige Fleisch-, Geflügel- und Fischgerichte sowie Milchprodukte gestellt. Das Problem: Die EU-Kommission empfahl dem Unternehmen, "Listex" als "Dekontaminationsmittel", also chemisches Reinigungsmittel, klassifizieren zu lassen. In anderen Ländern, in denen Phagen zur Behandlung von Lebensmitteln eingesetzt werden, werden sie als "Verarbeitungshilfsstoff" behandelt.

Fragwürdige Klassifizierung

Allerdings beugen Phagen einer Verunreinigung vor und sind nicht, wie beispielsweise ein Chlordioxid-Bad, zur Desinfektion geeignet. Daher war Mark Offerhaus, der CEO des Unternehmens, von Beginn an überzeugt, dass die Einstufung als "Dekontaminationsmittel" falsch ist: "Das Besondere an den Phagen ist, dass sie nur ein bestimmtes Bakterium töten und den Rest intakt lassen. Deswegen sind Phagen völlig ungeeignet, um ein Produkt zu dekontaminieren, das ja mit allen möglichen Dingen verunreinigt sein kann." Laut Offerhaus kam es unter den europäischen Mitgliedsstaaten nicht zu einem Konsens bezüglich der Klassifikation als "Dekontaminationsmittel". Interne Unterlagen zeigen, dass auch innerhalb der Kommission die Zweifel am Verfahren zugenommen haben.

EU-Kommission schafft keine Rechtssicherheit

Immer wieder unternehmen Offerhaus und seine Kollegen neue Versuche, damit die Kommission die Sache klärt. Auch vor dem Hintergrund, dass die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) in einem Gutachten zu dem Ergebnis kommt, dass "Listex" ein unbedenkliches und effektives Mittel im Bezug auf die Lebensmittelsicherheit sei. Offerhaus will erreichen, dass Phagen für die Anwendung auf sämtlichen Lebensmitteln als "Verarbeitungshilfsstoffe" eingestuft werden, ähnlich wie Joghurtkulturen. So ist es beispielsweise in den USA oder Israel schon der Fall.

Auf diese Weise klassifiziert wären sie nicht zulassungs- oder deklarationspflichtig. Doch die Kommission bewegt sich nicht. Immer wieder wimmelt sie Offerhaus und seine Mitstreiter ab. Das hat zur Folge, dass sich für viele Anwendungsgebiete wie zum Beispiel verzehrfertiges Fleisch eine Grauzone ergibt. Aus Unsicherheit verzichten viele Hersteller auf Phagen, obwohl sie sie gern präventiv nutzen würden. Für Offerhaus eine nicht akzeptable Situation: "Es ist für mich nicht nachvollziehbar, dass ein sicheres und nützliches Hilfsmittel, das unsere Lebensmittel sicherer macht, der europäischen Öffentlichkeit vorenthalten wird, während es in vielen Ländern erfolgreich angewandt wird."

Vielversprechende Alternative zu Antibiotika

Phagen werden auch im medizinischen Kontext erforscht und eingesetzt, sie gelten im Bezug auf multiresistente Keime als vielversprechende Alternative zu Antibiotika. Auch in diesem Bereich bietet Micreos Technologien an. In diesem Zusammenhang ist das Unternehmen 2018 bei einem Wettbewerb der Initiative "Ideas from Europe" als die europaweit relevanteste Innovation gewürdigt worden. Der Wettbewerb ist eine Initiative der Europäischen Kommission – ein Widerspruch, wie Offerhaus meint: "Wir sind in Europa in diesem Bereich führend. Auf der einen Seite fördert die Kommission unsere Arbeit, aber gleichzeitig legt man uns bei Regulierungsfragen Steine in den Weg." Er glaubt, dass dies vor allem daran liegt, dass die Verordnungen teilweise nicht für neue Technologien gemacht worden sind und daher ungeeignet seien.

Von der EU-Kommission heißt es zu dem ganzen Fall nur: "Das Produkt, um das es geht, wurde nicht (...) zugelassen und darf daher nicht in Verkehr gebracht werden, um Lebensmittel tierischer Herkunft damit zu dekontaminieren." Offiziell bleibt man also bei der alten Einschätzung.

Bericht: Melanie Stinn

Stand: 20.06.2019 09:38 Uhr

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