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LDL-Cholesterin: Mehr Menschen sollen Medikamente bekommen

PlayTabletten liegen auf Geldscheinen (Symbolbild).
LDL-Cholesterin: Mehr Menschen sollen Medikamente bekommen | Video verfügbar bis 03.06.2021 | Bild: fotolia.com / Stefan Redel

Inhalt in Kürze:
– Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie hat erneut die Zielwerte für LDL-Cholesterin gesenkt.
– Die Verordnungszahlen für cholesterinsenkende Medikamente sind in Deutschland in den vergangenen Jahren um das 3,5-fache gestiegen.
– Allgemeinmediziner kritisieren, dass quasi über Nacht knapp die Hälfte der deutschen Bevölkerung zum Behandlungsfall werde.

LDL-Cholesterin gilt als "gefährliches" Cholesterin und als Faktor für ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Doch Ärzte streiten darüber, wie Patienten am besten geschützt werden sollten. Die Europäische Gesellschaft für Kardiologie, kurz ESC, hat die Zielwerte für das LDL-Cholesterin sowohl für die Gruppe der Hochrisiko-Patienten als auch für Menschen mit niedrigem Risiko wiederholt gesenkt und kommt zu dem Ergebnis: "The lower, the better". Also, je niedriger das LDL-Cholesterin, desto geringer das Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall. Zudem empfiehlt die ESC bei einer größeren Gruppe von Patienten den Einsatz neuer, teurer Medikamente, sogenannten PCSK9-Hemmern. Festgelegt haben die europäischen Kardiologen die Empfehlungen in einer Leitlinie.

Allgemeinmediziner kritisieren neue Vorgaben

Bei der Deutschen Gesellschaft für Allgemeinmedizin, aber auch medizinischen Fachzeitschriften stößt die wiederholte Senkung der Zielwerte in der ESC-Leitlinie allerdings auf Kritik. Sie bemängeln, dass so immer mehr Menschen zu Patienten gemacht würden und immer mehr Patienten immer mehr Medikamente nehmen müssten. Das belaste den einzelnen Patienten und das Gesundheitssystem. Zudem fehlten belastbare Studien, die zeigten, dass die Patienten länger leben, wenn sie die PCSK9-Hemmer einnehmen. Die ESC argumentiert, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung von einer LDL-senkenden Therapie profitiere würde. Studien zeigten, dass die Reduzierung des Cholesterins ein längeres Leben ermögliche.

Hohe Kosten für Lipidsenker

Eine Ärztin sitzt an einem Laptop.
Die Senkung der Zielwerte in der ESC-Leitlinie stößt bei Allgemeinmedizinern auf Kritik. | Bild: Colourbox

Die Verordnungszahlen für Lipidsenker haben sich zwischen 2003 und 2019 um das 3,5-fache erhöht, so dass heute rund 7,5 Millionen gesetzlich Versicherten die Medikamente verschrieben bekommen. Insgesamt kostet das die Gesetzliche Krankenversicherung (GKV) 740 Millionen Euro. Die Gesamtausgaben der GKV für Arzneimittel betragen etwa 40 Milliarden Euro. Diese Zahlen stammen aus dem Arznei-Verordnungsreport 2020, der im September erscheint und "Plusminus" zurzeit exklusiv vorliegt.

Welchen Einfluss nimmt die Pharmaindustrie?

Die Organisation Leitlinienwatch überprüft Empfehlungen zu Medikamenten auf ihre Unabhängigkeit von der Pharmaindustrie. Im Fall der ESC-Leitlinie urteilt Leitlinienwatch scharf: "Wir empfehlen der ESC die Rücknahme dieses Dokuments." 20 der 21 Leitlinienautoren deklarieren finanzielle Interessenkonflikte, darunter 14 mit Herstellern der kostspieligen PCSK9-Hemmer. Leitlinienwatch bewertete bereits mehrere Leitlinien der europäischen Kardiologen und sah bei allen Reformbedarf.

Im aktuellen Geschäftsbericht der ESC wird das Ausmaß der Verflechtungen noch einmal deutlich: Mehr als 70 Prozent ihrer Einnahmen bekommt die Organisation von Seiten der Industrie, fast 50 Millionen Euro allein im Jahr 2019. Die ESC räumt Interessenkonflikte ein. Sie seien auf der Website zugänglich. Allerdings werde die Forderung nach einer Rücknahme des Dokuments nicht als gerechtfertigt angesehen.

Deutsche Kardiologen stehen hinter der ESC

Die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) verfasst keine eigene Leitlinie, sondern übersetzt die ESC-Leitlinie. Sie schreibt: "Die DGK ist eine wichtige nationale Gesellschaft der ESC. Expert*innen der DGK waren an der Erstellung der Leitlinie beteiligt, weitere unabhängige Expert*innen der DGK haben sie im Verlauf des Verfahrens einer kritischen Begutachtung unterzogen und die wichtigsten Empfehlungen wurden zusätzlich von weiteren nationalen DGK-Expert*innen überprüft. Da die ESC in ihren Leitlinienkommissionen die europaweit führenden Expert*innen zur Erstellung dieser Handlungsempfehlungen zusammenbringt, unterstützt die DGK das Konzept eines länderübergreifenden, europäischen Konsenses in der Behandlung von Herzpatient*innen vollumfänglich."

Auch die Zuwendungen der Pharmaindustrie kritisiert die deutsche Fachgesellschaft nicht: "Die in die Erstellung der Leitlinie eingebundenen Autor*innen sind durchweg ausgewiesene und hochrespektierte Experten auf dem Gebiet der Lipidsenkung, deren Expertise für die Leitlinie unabdingbar ist. Eine ideale Verbesserung der Patientenversorgung kann in allen Bereichen der Medizin nur dann sichergestellt werden, wenn Vertreter*innen der akademischen Medizin und der Medikamentenhersteller bei der Entwicklung neuer Therapiestrategien zusammenarbeiten. Entscheidend ist, dass die Interessenskonflikte transparent gemacht werden, was bei dieser Leitlinie geschehen ist."

Bericht: Sara Rainer
Kamera: Christian Cord, Knut Muhsik, Robert Naczynsky
Schnitt: Simon Schmidt

Stand: 03.06.2020 22:45 Uhr

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