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Riester-Rente – teurer Rohrkrepierer?

PlayEine ältere Frau und ein älterer Mann sitzen auf einem Sofa. Er hält ein Papier in der Hand, sie einen Taschenrechner, auf den beide schauen.
Riester-Rente – teurer Rohrkrepierer? | Video verfügbar bis 25.08.2022 | Bild: Colourbox / Aleksandr

  • Verbraucherverbände und selbst Anbieter der Riester-Rente fordern ein Ende dieser Form der Altersvorsorge
  • Kosten für Riester-Verträge minimieren spätere Erträge erheblich
  • Riester-Rente kann sich dennoch für bestimmte Personengruppen immer noch lohnen.

Von jedem gesparten Riester-Euro zweigen Versicherungen und Finanzinstitute Geld für sich selber ab. Beispielsweise in Form von Abschlusskosten, Vertriebskosten und Verwaltungskosten. Der Verein "Bürgerbewegung Finanzwende" hat die Angebote von Versicherungen und Fondsgesellschaften geprüft. Das Ergebnis: Wer seinen Riester-Vertrag 30 Jahre anspart, muss je nach Anbieter zwischen 20 und 38 Prozent für Kosten aufwenden. Dieses Geld fehlt später bei der Rendite. Zwar ist gesetzlich vorgeschrieben, dass die eigenen Beiträge und die staatlichen Zulagen am Ende der Laufzeit nicht von den Kosten aufgezehrt werden. In der Ansparphase aber wirken sie renditezehrend, sodass mit dem aufgebauten Sparkapital kaum oder gar keine Erträge erwirtschaftet werden.

Gegenüber "Plusminus" räumt Walter Riester selbst ein, dass Mehrkosten entstanden sind, weil Finanzfirmen, Banken und Versicherungen die Riester-Produkte verkaufen durften. "Ich wollte das nicht", versichert der damalige Bundesarbeitsminister (1998 - 2002). Sein Ziel sei gewesen, eine für alle Beschäftigten obligatorische private Altersvorsorge einzuführen. Alle sollten einzahlen, egal ob angestellt oder selbständig. Dann wären auch die Vertriebs- und Verwaltungskosten deutlich niedriger gewesen. Bis heute bedauert der SPD-Mann, dass er sich mit diesem Konzept weder in der Partei, noch beim Koalitionspartner, den Grünen, durchsetzen konnte.

Deutsche Bank-Tochter nimmt Riester-Rente aus dem Angebot

Wegen der hohen Kosten, des Zwangs zum Kapitalerhalt und der schlechten Renditeaussichten hält auch Frank Breiting von der DWS-Gruppe, einer Tochter der Deutschen Bank, für staatlich geförderte Riester-Produkte ein harsches Urteil bereit: "Sie könnten auch ein riestergefördertes Schließfach aufmachen, wenn es das gäbe. Das Schließfach wird die gleiche Rendite abwerfen wie das Riesterprodukt und dafür ist einfach der Aufwand zu groß, den wir treiben." Die DWS bietet seit Juli 2021 keine staatlich geförderten Fondssparpläne mehr an. Frank Breiting hält die Riester-Rente für "klinisch tot."

Sind Riester-Produkte unflexibel?

Verbraucherschützer wie Anbieter bemängeln zudem das starre Korsett, in das der Gesetzgeber die Riester-Produkte gezwungen hat. Axel Kleinlein vom Bund der Versicherten e.V. (BdV) kritisiert den Verrentungszwang, der am Ende der Ansparphase mit jedem Riester-Vertrag verbunden ist. Der größte Teil des angesparten Geldes soll nämlich nach dem Willen des Gesetzgebers lebenslang als monatliche Zusatzrente ausgezahlt werden. Weil die Versicherer aber auf Nummer sicher gingen und im eigenen Interesse vorsichtig kalkulieren, seien die monatlichen Auszahlungsbeträge sehr niedrig. Kleinlein wünscht sich mehr Entscheidungsfreiheit, wie das angesparte Geld in der Rentenphase eingesetzt werden kann. Zum Beispiel in Form eines Auszahlungsplanes, aber auch als Tilgungsmöglichkeit für Immobilienschulden oder einfach nur zur Verwirklichung eines Lebenstraumes.

Die Hände eines älteren Mannes halten mehrere 50 Euro Scheine aufgefächert über einen Tisch.
Riester-Kritik: Was mit dem Geld passiert, kann kaum entschieden werden. | Bild: Lev Dolgachov

Frank Breiting von der DWS-Gruppe ärgert die gesetzliche Auflage, dass Beiträge und Zulagen keinem Risiko ausgesetzt sein dürfen. In Zeiten niedriger Zinsen hat das sogar für die Anbieter gravierende Folgen: Statt das Geld der Riester-Sparer lukrativ anlegen zu können, müssen die Anbieter es "sicher" anlegen. Das ist nicht nur ärgerlich für den Riester-Sparer, es ist auch gefährlich für den Anbieter: "Wenn Sie das komplette Geld ihrer Kunden in negativ rentierende Staatsanleihen legen müssen, aber eines Tages den Kunden das Geld zurückzahlen müssen, dann wird das zum Verlustgeschäft für den Anbieter", sagt Frank Breiting.

BdV: Riester-Produkte sind intransparent

Ein vom Staat gefördertes Produkt zum Aufbau einer privaten Altersvorsorge soll nach Meinung der Experten einfach konstruiert, gut verständlich, kostengünstig und flexibel sein. Die Riester-Rente sei das Gegenteil. Der BdV hat die Kostenstrukturen der verschiedenen Riester-Produkte untersucht. "Wo früher drei verschiedene Kostenpositionen ausgereicht haben, um den gesamten Lebensversicherungsbereich abdecken zu können, da waren auf einmal über 40 Kostenpositionen, die nur für die Riesterrente neu erfunden und eingeführt wurden", erklärt BdV-Chef Axel Kleinlein. Das habe zu einer maximalen Intransparenz geführt. Auch DWS-Mann Frank Breiting kritisiert die mangelnde Transparenz in Riester-Produkten. Das heutige System sei so aufwendig, dass es keiner mehr verstehe. "Das verursacht hohe Kosten und damit werden auch die Produkte teuer."

Was tun mit der Riester-Rente?

Folgende Möglichkeiten haben Verbraucherinnen und Verbraucher, die bereits eine Riester-Rente abgeschlossen haben:

1. Vertrag prüfen lassen
Wer Zweifel hat, ob sein Riester-Produkt sich noch rechnet, sollte den Vertrag durch die Verbraucherzentrale des jeweiligen Bundeslandes überprüfen lassen. Darauf spezialisiert ist die Verbraucherzentrale Hamburg.

2. Riester-Verträge nicht kündigen
Stattdessen den Vertrag „einfrieren“ oder den Anbieter wechseln. Selbst wenn sich herausstellen sollte, dass die eigene Riester-Rente zu teuer ist oder nicht mehr zur eigenen Lebenslage passt, ist von einer Kündigung des Vertrages in aller Regel abzuraten. Dann nämlich müssten auch die bereits erhaltenen staatlichen Zulagen und Steuernachlässe zurückgezahlt werden. Es gibt zwei Optionen: Den Vertrag „einfrieren“ und beitragsfrei stellen. Oder ihn in ein günstigeres Riester-Angebot von einem anderen Anbieter überführen. In beiden Fällen bleiben Zulagen und Steuervorteile erhalten. Wermutstropfen: Der Wechsel zu einem günstigen Anbieter wird immer schwieriger.

3. Wohn-Riester statt Riester-Rente
Wer sein Eigenheim abbezahlt und außerdem eine Riester-Rente anspart, kann den Riester-Vertrag in einen „Wohn-Riester“ umwandeln. Auch hier gibt es Zulagen und Steuervorteile vom Staat. Vorteil: Der Wohn-Riester-Sparer kann den gesamten angesparten Betrag in die Schuldentilgung seiner Immobilie stecken. Voraussetzung: Die Immobilie muss selbst genutzt werden.

Für wen lohnt sich die Riester-Rente noch?

Trotz der schlechter Renditeaussichten und der vergleichsweise hohen Kostenbelastung von Riester-Verträgen gibt es immer noch Konstellationen, bei denen sich der Abschluss eines Riester-Vertrages lohnt.

Alleinerziehende, Geringverdiener und Familien mit Kindern profitieren ganz besonders. Wegen vergleichsweise niedriger Beiträge auf der einen und hoher Zulagen auf der anderen Seite ist das "Riestern" für diese Personengruppen ziemlich rentabel. Auch für Besserverdiener ist der Abschluss eines Riestervertrages wegen der Steuerersparnis möglicherweise sinnvoll.

Folgende Dinge gilt es zu beachten:

Der Eigenbeitrag
Um die maximale Förderung zu erhalten, müssen Riester-Sparer vier Prozent des Brutto-Vorjahreseinkommens in den Riester-Vertrag stecken. Der jährliche Eigenbeitrag mindert sich um die gezahlten Zulagen.

Die Zulagen
Riester-Sparer bekommen vom Staat 175 Euro Zulage pro Jahr. Für jedes Kind gibt es zusätzlich 300 Euro, wenn es ab 2008 geboren wurde. Für bis Ende 2007 geborene Kinder gibt es 185 Euro je Kind.

Kosten im Blick behalten
Unbedingt darauf achten, dass die Kosten des Riester-Vertrages möglichst niedrig sind. Suchen Sie sich Rat, vergleichen Sie die Angebote.

Bericht: Nicolas Peerenboom
Kamera: Tobi Kreutz, Robert Naczynsky, Stefan Söffgen
Schnitt: Annette von Stürmer

Stand: 25.08.2021 22:58 Uhr

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