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Proteste in Sachsen: Standort in Gefahr

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Proteste in Sachsen: Standort in Gefahr | Video verfügbar bis 12.09.2019 | Bild: dpa / Ralf Hirschberger

Inhalt in Kürze:
– Die Uhrenstadt Glashütte steht für wirtschaftlichen Erfolg in Sachsen.
– Wer in der Uhrenindustrie arbeitet, profitiert von diesem Image.
– Andere im strukturschwachen Erzgebirge fühlen sich zurückgelassen.

Uhren aus Glashütte sind Produkte von Weltruf. Zehn namhafte Hersteller fertigen in der Stadt im Erzgebirge. Uhren mit dem Schriftzug Glashütte stehen für Wertarbeit aus Deutschland. Doch seit der vergangenen Bundestagswahl ist in dem Städtchen im Erzgebirge die Welt nicht mehr in Ordnung. In Glashütte erringt die AfD viele Stimmen. Kunden der Edelprodukte zeigen sich irritiert.

Uhrenhersteller werben für Toleranz

Nahaufnahme eines Uhrwerks der Firma A. Lange und Söhne Glashütte
Rechte Parolen in Sachsen könnten der Uhrenindustrie in Glashütte schaden. | Bild: dpa / Ralf Hirschberger

2019 sind Landtagswahlen in Sachsen. Und es gibt wenige Anzeichen, dass die Stimmung sich ändert. "Wir ticken weltweit. Für Weltoffenheit und Toleranz. Gegen Fremdenfeindlichkeit", plakatierte der Uhrenhersteller Nomos bereits 2015, auf der Höhe der Flüchtlingskrise. Nomos zeigt immer wieder Haltung – im Ort und gegenüber den Kunden. Auch der Hersteller A. Lange & Söhne ist der Auffassung, Fremdenfeindlichkeit passe nicht zum Produkt.

Hohe Gewerbesteuern, Einkommen wie im Westen

 "Hier lebt die Zeit" steht auf einem Schild am Ortseingang. Glashütte lebt gut von der Zeit: Die Produktion der Luxusuhren bringt hohe Gewerbesteuern in den Ort. Eine Anfrage der Linken im Bundestag ergab, dass die Einkommen in Ostdeutschland  deutlich unter denen im Westen liegen – drei ostdeutsche Länder belegen die letzten Plätze. Auf die Uhrenindustrie in Glashütte trifft das nicht zu.

Uhrmacher sind gefragt. Laut Empfehlungen des Zentralverbandes für Uhren, Schmuck und Zeitmesstechnik soll eine Fachkraft nach der Ausbildung 2.050 Euro im Monat verdienen. Bei den großen Uhrenmanufakturen in Glashütte bekommen sie das. Manch ein Kollege im Westen verdient weniger.

Uhrenindustrie als attraktiver Arbeitgeber

Viele Beschäftigte kommen der Arbeit wegen nach Glashütte. Das Unternehmen A. Lange & Söhne hat extra ein Parkhaus für seine Mitarbeiter gebaut. Und Nomos finanziert die Monatskarte für den Zug nach Dresden. Die Arbeitgeber gewähren weitere Leistungen wie einen Kita-Platz oder eine Betriebsrente. Nur wenn das Gesamtpaket stimmt, kommen Fachkräfte in die kleine Stadt im Erzgebirge.

Infrastruktur in Glashütte leidet

Doch in Glashütte haben Geschäfte zugemacht. Das öffentliche Schwimmbad ist nach einem Hochwasser geschlossen. Und auch die weiterführende Schule gibt es nicht mehr. Die Infrastruktur verschlechtert sich wie vielerorts im ländlichen Raum. Das kann ein Grund sein für das Gefühl der Benachteiligung und vielleicht auch für eine fremdenfeindliche Haltung.

Proteststimmung – wo kommt sie her?

Der Soziologe Prof. Raj Kollmorgen von der Hochschule Zittau-Görlitz vertritt die Ansicht, dass gerade die Bevölkerung in mittelgroßen Städten im ländlichen Raum anfällig für Proteste sei. So eine Stimmung führe schnell dazu, dass die Menschen sich nicht mehr durch die etablierte Politik vertreten fühlten, folgert Prof. Werner J. Patzelt von der TU Dresden. Der Politikwissenschaftler spricht von einer "Repräsentationslücke" in Ostdeutschland.

Wirtschaftsstandort Sachsen in Gefahr

Fremdenfeindlichkeit kann sich als negativer Faktor auf den Wirtschaftsstandort auswirken, so die Einschätzung von Hans-Peter Klös, Geschäftsführer des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln. Auch der Präsident des Handelsverbandes Deutschland, Josef Sanktjohanser, warnt in einem offenen Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel, alle, die das Bild eines toleranten Deutschlands stören, gefährdeten den Wirtschaftsstandort.

Diese Gefahr sieht man auch in Sachsen. 80 Unternehmen haben sich zu einem Wirtschaftsnetzwerk zusammengeschlossen. Mit dem "Verein für ein weltoffenes Sachsen" wollen sie ausländer- und fremdenfeindlichen Tendenzen durch Aufklärungsarbeit entgegenwirken. Auch der Uhrenhersteller Nomos hat schon mit dem Verein zusammengearbeitet.

Bericht: Beatrix Bursig
Kamera: Philip Birkenstock, René Dohme
Schnitt: Alexandra Karaoulis

Stand: 13.09.2018 09:22 Uhr

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