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Miese Arbeitsbedingungen: Schlachthofmitarbeiter packen aus

PlayEin Schlachthof-Mitarbeiter zerlegt ein Stück Fleisch.
Miese Arbeitsbedingungen: Schlachthofmitarbeiter packen aus | Video verfügbar bis 17.04.2020 | Bild: COLOURBOX

- Das Fleisch in deutschen Supermärkten und bei Discountern ist so günstig wie kaum irgendwo.
- Den Preis dafür zahlen vor allem osteuropäische Schlachthofarbeiter.
- Plusminus ist auf Spurensuche in einer verschwiegenen Branche.

Deutschlands größter Fleischkonzern Tönnies kämpft mit Problemen am Schlachthof Kellinghusen in Schleswig-Holstein. Hintergrund ist ein Unfall, bei dem sich ein rumänischer Arbeiter schwer verletzte und sich am Schlachtband vier Finger teilweise abtrennte.

Unfall mit Pfotenzange

Den Recherchen von Plusminus zufolge war der Rumäne George B. im August vergangenen Jahres mit der Hand in eine Zange geraten, mit der er zuvor Schweinepfoten abgetrennt hatte. Der Mann kam in eine Hamburger Klinik und wurde dort operiert. Von den verletzten Fingern konnte nur einer gerettet werden. Tönnies und der Arbeitgeber des Rumänen, die Firma MTM, bestätigten auf Anfrage von Plusminus den Unfall.

Wie kam es zu dem Unfall?

Unklar ist, wie es dazu kommen konnte. George B. gibt gegenüber Plusminus an, er habe mehrere Stunden allein am Schlachtband arbeiten und Köpfe und Pfoten von Schweinen abtrennen müssen. Jedoch habe die Pfotenzange nicht richtig funktioniert und sei trotz mehrfacher Aufforderung nicht gerichtet worden. Darüber sei es zu einem Streit mit dem Vorarbeiter und in der Folge zum Unfall gekommen.

Der Arbeitgeber von George B., das Unternehmen MTM, dementierte diese Unfallschilderung und vermutete eine unsachgemäße Handhabung der Zange während eines Produktionsleerlaufs, teilte auf Anfrage aber auch mit, man habe die Pfotenzange am nächsten Morgen nach Meldung des Herrn B. instandgesetzt.

Kritik von Arbeitsschutzbehörde

Zur Frage, ob B. überhaupt hätte allein arbeiten dürfen, legte Plusminus der zuständigen Staatlichen Arbeitsschutzbehörde (StAUK) ein Video vor. Es zeigt einen Arbeiter allein an dieser Position im Schlachthof Kellinghusen.

Die StAUK erklärte dazu auf Anfrage, der in dem Video gezeigte Arbeitsplatz entspreche "in keiner Weise den Anforderungen der Gesetze und Vorschriften im Arbeitsschutz". Demnach müssten die "in dem Video dargestellten Tätigkeiten unter anderem von zwei Personen ausgeführt werden".

Tönnies und MTM widersprechen

Tönnies und MTM widersprechen. Es gebe von der StAUK keine verbindliche Anweisung, bei üblicher Bandgeschwindigkeit zwei Mitarbeiter einzusetzen. Dennoch werde die eine Arbeitsposition seither konsequent in zwei Arbeitsschritten von zwei Mitarbeitern ausgeführt.

Einsatzpläne von MTM und Zeugenaussagen, die Plusminus vorliegen, zeigen jedoch, dass die Position auch nach dem Unfall bis mindestens Januar 2019 wiederholt mit nur einem Mitarbeiter besetzt wurde.

Skandalisierung eines bedauerlichen Einzelfalls?

Im Zuge der Recherche wirft Tönnies dem NDR vor, einen bedauerlichen Einzelfall in unzulässiger Weise zu skandalisieren. Plusminus befragt daraufhin zwei Berater für Werkvertragsarbeiter nach ihrer Einschätzung zu George B.s Arbeitsunfall. Szabolcs Sepsi von der Beratungsstelle für Faire Mobilität in Dortmund hält den Arbeitsunfall mitnichten für einen Einzelfall. Die Menschen in der Beratung würden häufig erzählen, dass sie unter hohem Druck arbeiten würden. Arbeitszeiten von 60 Stunden und mehr pro Woche seien keine Seltenheit. Viele Rumänen würden auch berichten, dass das Arbeitspensum kaum zu schaffen sei.

Diese Einschätzung teilt auch Daniela Reim von der Beratungsstelle für mobile Beschäftigte in Oldenburg. Auch ihr hatten viele Werkvertragsarbeiter von Hektik, Stress, Müdigkeit, Erschöpfung und nicht ausreichender Qualifizierung berichtet. Das erhöhe das Risiko, dass Arbeitsunfälle passierten.

Bericht: Annette Niemeyer
Kamera: Kay Andersson, Erik Haasdonk, Martin Horning, Stefanie Reinsch
Schnitt: Markus Ortmanns, Andrea Schröder-Jahn, Gaby Biesterfeld, Olaf Hollander

Stand: 18.04.2019 09:17 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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