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Rückruf-Welle: Giftfunde in Sesamkörnern

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Rückruf-Welle: Giftfunde in Sesamkörnern | Video verfügbar bis 24.02.2022 | Bild: Colourbox / Sea Wave

Inhalt in Kürze:
– Immer wieder sind in den vergangenen Monaten Sesamprodukte aufgefallen, weil sie Rückstände des Gases Ethylenoxid enthielten.
– Das Bundesamt für Risikobewertung stuft Ethylenoxid als erbgutverändernd und krebserzeugend ein.
– Ethylenoxid wird offenbar zur Salmonellenbekämpfung eingesetzt.
– Auch eine von "Plusminus" in Auftrag gegebene Laboruntersuchung deckt einen Fall auf, bei dem die Grenzwerte für das Gas deutlich überschritten wurden.

Seit Ende Oktober 2020 haben Lebensmittelkontrolleure 30 Mal in Sesamprodukten Rückstände des Gases Ethylenoxid gefunden und Rückrufe der betroffenen Produkte ausgelöst. Dazu gehörten Knäckebrot, Knabbergebäck, Tahin-Paste, Grissini, Paste oder Müsli. Ethylenoxid ist seit 1981in Deutschland im Lebensmittelbereich verboten. Taucht es dennoch zum Beispiel im Sesam auf, ist dieser nicht mehr verkehrsfähig und muss vom Markt genommen werden. "Da Ethylenoxid erbgutverändernd und krebserzeugend ist, sind Rückstände in Lebensmitteln unerwünscht", schreibt das Bundesamt für Risikobewertung (BfR) in einer aktuellen Stellungnahme. Auch die EU stuft das farblose und hochentzündliche Gas als krebserzeugend und erbgutverändernd ein und verbietet es als Pflanzenschutzmittel.

Ethylenoxid wird offenbar zur Salmonellenbekämpfung eingesetzt

Das Chemische und Veterinäruntersuchung Stuttgart (CVUA) hat ebenfalls Sesam auf Ethylenoxid und andere Pestizide untersucht – vornehmlich aus dem Großhandel und dem weiterverarbeitenden Gewerbe. Das Ergebnis: Die Hälfte der Proben war belastet, vor allem mit Ethylenoxid. Das CVUA vermutet, dass mit dem Pestizid Salmonellen bekämpft werden sollen, die vorher verstärkt im Sesam gefunden wurden. Dazu würden zum Beispiel noch in Indien oder Afrika Lagerhäuser begast. Die Folge: Die Darmbakterien sind weitgehend verschwunden, dafür steckt nun reichlich Chemie im Sesam.

Tausendfache Überschreitung des Rückstandshöchstgehaltes

Besonders auffällig bei stichprobenartigen Lebensmitteleinfuhrkontrollen im Spätsommer waren indische Rohsesamsamen. Hier wurde teilweise die tausendfache Menge des gesetzlichen Rückstandshöchstgehaltes ermittelt. Die Brüsseler EU-Kommission verhängte daher am 22. Oktober eine Kontrollpflicht für jede zweite Charge Rohsesam aus Indien, die in der EU ankommt. Jede Lieferung muss zudem den Prüfbericht eines Labors enthalten. Dieser muss bescheinigen, dass kein Ethylenoxid im Sesam ist. Fehlt diese Bescheinigung oder finden europäische Behörden bei der Einfuhr in die EU das Pestizid, wird die Ware vernichtet oder zurückgeschickt.

Keine vorgeschriebenen Kontrollen bei Fertigprodukten

Keine speziellen Kontrollvorschriften gibt es dagegen für importierte Fertigprodukte. Hier muss der Importeur sicherstellen, dass ein Produkt den Vorschriften entspricht. Dazu kommen Stichproben im Handel durch die Lebensmittelkontrollbehörden der Bundesländer. Keine Toleranz gibt es, wenn in Lebensmitteln krebserzeugende oder genverändernde Stoffe wie Ethylenoxid nachgewiesen werden. Diese sind dann nicht verkehrsfähig und müssen zurückgewiesen werden.

Lobbydruck aus den USA und Kanada

Sesamkörner
Seit Ende Oktober 2020 haben Lebensmittelkontrolleure 30 Mal in Sesamprodukten Rückstände des Gases Ethylenoxid gefunden. | Bild: Picture Alliance/dpa / Andrea Warnecke

Doch dieser Null-Toleranz-Kurs könnte in ein paar Jahren Geschichte sein. Die Brüsseler Nichtregierungsorganisation Corporate Europe Observatory (CEO) veröffentlichte vor einem Jahr einen Bericht, in dem sie vor allem den Staaten USA und Kanada sowie Chemie-Unternehmen vorwirft, Lobby-Druck auf die EU auszuüben. Angebliches  Ziel: Einfuhrerlaubnisse auch für landwirtschaftliche Erzeugnisse, die in der EU bisher verbotene Rückstandshöchstmengen von Pestiziden enthalten. Je nach Produkt könnten dann von Fall zu Fall staatliche Importtoleranzen gewährt werden ("risikobasierter Ansatz"). Umweltschutzverbände warnen vor einer Rückkehr von Giften auf europäische Teller "durch die Hintertür", etwa wenn die strikten EU-Regeln im Rahmen von internationalen Handelsverträgen (CETA, Mercosur) aufgeweicht werden. Für Verbraucher bestehe dann die Gefahr, beim Einkaufen zum Beispiel im Supermarkt nicht mehr klar zwischen sauberen europäischen Produkten und belasteter Importware unterscheiden zu können.

"Plusminus" findet Ethylenoxid in Sesamdressing

"Plusminus" hat eigene Laboranalysen von zehn Sesamprodukten in Auftrag gegeben und dabei ebenfalls Ethylenoxid entdeckt: Im "Deep Roasted Sesame Dressing" von Kewpie steckten 0,14 mg Ethylenoxid pro Kilogramm – etwa das dreifache des Rückstandshöchstgehaltes von 0,05 mg, der zugleich der chemischen Nachweisbarkeitsschwelle entspricht. Das Dressing aus einem Hamburger Asia-Markt wurde in den USA produziert und in die EU importiert. Hersteller Kewpie schreibt "Plusminus" dazu: "Wir haben festgestellt, dass die meisten Produkte in Ordnung sind und nur bei einer sehr geringen Anzahl von Chargen Ethylenoxid-Gehalte gefunden wurden, die den geltenden maximalen Rückstandsgehalt überschreiten." Die von "Plusminus" analysierte Probe stamme aus einer der betroffenen Chargen, andere seien nicht betroffen. Ein Rückruf der belasteten Produkte sei in Vorbereitung.

CVUA rät zu Sesam aus ökologischem Anbau

Unter den von Rückrufen betroffenen Produkten waren auch Bio-Produkte. Das CVUA rät dennoch zu Sesam aus ökologischem Anbau. Denn in ökologisch hergestellten Produkten  steckten 100 bis 200 Mal weniger Pestizide als in konventionellen Erzeugnissen.

Bericht: Claudius Maintz
Kamera: Axel Gustav Hesse, Alexander Rott, Manuela Rose
Schnitt: Dietrich Müller, Stephan Hohl, Wolf Krannich

Stand: 25.02.2021 12:42 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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