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Wie Nitrat das Grundwasser belastet

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Wie Nitrat das Grundwasser belastet | Video verfügbar bis 02.09.2021 | Bild: Fotolia / ILYA AKINSHIN

Inhalt in Kürze:
– Das Grundwasser ist vielerorts bereits durch Überdüngung und die Stickstoff-Verbindung Nitrat belastet.
– Noch immer bringen Landwirte mehr Stickstoff aus, als nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer nötig wäre.
– Im Anhang der Düngeverordnung 2017 wurde der Stickstoff-Bedarf einiger Pflanzen entgegen fachlicher Empfehlungen nach oben gesetzt.

Intensive Landwirtschaft beeinträchtigt in vielen Regionen die natürlichen Wasserreserven: Vielerorts ist das Grundwasser bereits durch Überdüngung und die Stickstoff-Verbindung Nitrat belastet. Stickstoff ist Bestandteil von Kot, Urin aus Ställen und Gärresten aus Biogasanlagen. Pflanzen brauchen Stickstoff für ihr Wachstum, daher werden die Felder damit gedüngt. Die meisten Pflanzen nehmen Stickstoff als Nitrat auf, das ist die Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff. Was über den Bedarf der Pflanze hinaus gedüngt wird, wandert durch den Boden nach unten und landet im Grundwasser. Für Trinkwasser liegt der Nitrat-Grenzwert bei 50 Milligramm pro Liter Wasser. Denn im menschlichen Körper kann der Stoff in krebserregendes Nitrit umgewandelt werden.

Wie hoch die Belastung des Grundwassers mit Nitrat ist, lässt sich für die viehreichen Regionen in Niedersachsen auf einer Karte ablesen.

Landwirte bringen mehr Stickstoff aus als erlaubt

Das Gesetz sieht vor, dass pro Hektar nicht mehr als 170 Kilogramm Stickstoff ausgebracht werden. Laut dem Nährstoffbericht Niedersachsen überschreiten einige Landkreise aber diese Obergrenze, mit Folgen für das Grundwasser. So wurden im Düngejahr 2017/2018 in dem Bundesland rund 330.000 Tonnen Stickstoff ausgebracht – 31.000 Tonnen mehr, als nach Berechnungen der Landwirtschaftskammer für die Düngung notwendig gewesen wären. Nach Berechnungen des Bundeslandwirtschaftsministeriums wurden in den Jahren 2015 bis 2017 jährlich im Mittel 35 Prozent mehr Stickstoff ausgebracht, als die Pflanzen aufnehmen konnten.

Nitrat-Richtlinie der EU soll Wasserqualität schützen

Wasser läuft aus einem Hahn.
Für Trinkwasser liegt der Nitrat-Grenzwert bei 50 Milligramm pro Liter Wasser. | Bild: Fotolia / ILYA AKINSHIN

Innerhalb der EU soll die Nitrat-Richtlinie die Wasserqualität in Europa schützen. Nicht nur das Grundwasser soll vor Nitrat-Verunreinigungen aus landwirtschaftlichen Quellen bewahrt werden, sondern auch das Oberflächenwasser wie Flüsse und Seen. Um Meeresschutzziele zu erreichen, sollen Flüsse, die ins Meer münden, am Übergabepunkt zur Nordsee nicht mehr als 2,8 Milligramm Gesamt-Stickstoff pro Liter enthalten. Münden Flüsse in die Ostsee, sollen es nicht mehr als 2,6 Milligramm Gesamt-Stickstoff pro Liter sein. Zahlreiche Flüsse überschreiten diese Werte. Damit wird über die Oberflächengewässer zu viel Nitrat in Nord- und Ostsee eingetragen – und damit werden die Meeresschutzziele verfehlt.

Die EU hat Deutschland wegen der zu hohen Nitrateinträge in Grund- und Oberflächenwasser verklagt. Es drohte eine Strafzahlung von 880.000 Euro täglich, die der Steuerzahler hätte zahlen müssen. Die Strafzahlungen sind zunächst abgewendet. Jetzt muss die Düngeverordnung aber in den Bundesländern flächendeckend angewendet werden und die Nitratwerte müssen in den nächsten Jahren spürbar sinken.

Stickstoff-Bedarf einiger Pflanzen nach oben gesetzt

Im Anhang der Düngeverordnung 2017 wurde der Stickstoff-Bedarf einiger Pflanzen entgegen fachlicher Empfehlungen nach oben gesetzt. Das hatte zur Folge, dass Landwirte weiterhin mehr Dünger ausbringen durften, als die Pflanzen tatsächlich benötigen. Laut Prof. Friedhelm Taube, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz beim Bundeslandwirtschaftsministerium, war diese Heraufsetzung der Bedarfswerte die Folge des Einflusses von Lobbyverbänden in Berlin. Es sei um die Durchsetzung bestimmter Interessen jenseits wissenschaftlicher Evidenz gegangen. Die Düngeverordnung 2017 sei damit in Teilaspekten nichts anderes als legalisierte Gewässerverschmutzung gewesen. Sie habe den Zweck erfüllt, nicht noch mehr Gülle und Gärreste aus den Regionen der Intensivtierhaltung zu hohen Kosten exportieren zu müssen. Außerdem sei Zeit für längst überfällige Maßnahmen gewonnen worden, wie etwa eine konsequente Gülle-Separierung in den Betrieben, um festen Dünger exportieren zu können. Das sei zulasten der Gewässer gegangen.

Kritik vom ehemaligen niedersächsischen Landwirtschaftsminister

Auch der frühere niedersächsische Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Bündnis 90/Die Grünen) bestätigt, dass im Jahr 2017 bei einzelnen Pflanzen der Stickstoff-Bedarf künstlich hochgeschraubt worden sei – bei Mais, Rüben und Kartoffeln teilweise um mehr als 20 Prozent. Das Hochsetzen des Stickstoffbedarfs sei maßgeblich von der Agrarindustrie aus dem Raum Cloppenburg/Vechta vorangetrieben worden. Federführend sei der damalige CDU-Bundestagsabgeordnete Franz-Josef Holzenkamp gewesen, heute Präsident des Raiffeisen-Verbands.

Meyer bestätigt gegenüber "Plusminus", dass sich Franz-Josef Holzenkamp in den Verhandlungen mit dem Bund habe garantieren lassen, dass die Massentierhaltung in Cloppenburg-Vechta durch die Düngeverordnung 2017 "nicht betroffen" sei. Es sei darum gegangen, die Massentierhaltungsregionen in Niedersachsen nicht abstocken zu müssen. In diesen Regionen in Niedersachsen werde auch weiterhin überdüngt, das zeige der Nährstoffbericht 2018/2019.

Franz-Josef Holzenkamp stand im Rahmen der Recherche nicht für ein Gespräch zur Verfügung. Schriftlich ließ er mitteilen, die Behauptungen seien unwahr.

Neben Gülle belastet auch Mineraldünger das Grundwasser

Angaben von Professor Taube zufolge zeigen Untersuchungen in Schleswig-Holstein, dass etwa die Hälfte der Landwirte im hohen Norden nicht für eine hohe Nitratbelastung des Grundwassers verantwortlich sei. Bei der anderen Hälfte der Landwirte, die zu viel Stickstoff ausbringen, sei das Problem, dass zusätzlich zur ausgebrachten Gülle auch noch Mineraldünger verwendet werde. Dadurch erhofften sich die Landwirte einen höheren Ertrag.

Diese Analyse bestätigte der ehemalige Landwirtschaftsminister Christian Meyer auch für Niedersachsen. Die – zusätzlich zur Gülle – ausgebrachten Mineraldüngermengen seien ein großes Problem für den Trinkwasserschutz.

Facebook-Gespräch von Gero Hocker – Plattform für Lobbyismus?

Der agrarpolitische Sprecher der FDP im Bundestag, Dr. Gero Hocker, interviewte für ein Facebook-Format den Lobbyisten eines großen Düngemittelkonzerns. Produziert wurde das Video von Gero Hockers Büro-Mitarbeitern, die parallel eine Agentur gegründet hatten. Der Gast zahlte die Produktionskosten. In dem Gespräch wurde auch ein Video gezeigt, das Dr. Gero Hocker als Erklärungsvideo zu der Frage bezeichnete, wo sich die Landwirtschaft gegenwärtig im Jahr 2020 befinde. Dieses Video wirkt allerdings wie ein Werbevideo für die Mineraldüngerindustrie. Der ehemalige niedersächsische Landwirtschaftsminister Meyer gibt zu bedenken, dass Gero Hocker sich mit diesem Facebook-Gespräch möglicherweise eine spätere Karriere bei einem Mineraldüngerkonzern ermöglicht habe.

Schriftliche Anfragen dazu beantwortete Hocker nicht. Auf seiner Homepage heißt es, die Facebook-Interviews seien rechtlich nicht zu beanstanden und es bestehe keine Verbindung zwischen politischen Entscheidungen und dem Gesprächsformat. 

Bericht: Alexa Höber
Kamera: Philip Boesecke
Schnitt: André Bergmann

Stand: 02.09.2020 22:40 Uhr

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