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Die Macht der Lira-Krise: Türkische Wirtschaft am Abgrund

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Die Macht der Lira-Krise: Türkische Wirtschaft am Abgrund | Video verfügbar bis 22.08.2019 | Bild: Colorbox

Inhalt in Kürze:
– Die türkische Lira befindet sich seit rund zwei Wochen in Abwärtsturbulenzen.
– Der Wertverfall der Lira beeinflusst auch die Bilanzen des Oldenburger Energieversorgers EWE.
– Die türkische Wirtschaft ist in hohem Maße von Importen abhängig und leidet unter dem Wertverfall.
– Die Ursachen liegen aus Expertensicht vor allem in der Wirtschafts- und Abschottungspolitik der Türkei.

Die türkische Lira befindet sich seit rund zwei Wochen in heftigen Abwärtsturbulenzen. Der Wertverfall trifft auch unmittelbar Unternehmen in Niedersachsen. Der kommunale Energieversorger EWE aus Oldenburg beliefert seit 2007 in der Türkei über zwei Tochterfirmen fast eine Million türkischer Kunden mit Gas. Noch 2013 schwärmte EWE in einem Werbevideo davon, dass die Türkei im Energiesektor einer der größten Wachstumsmärkte Europas sei. Das Unternehmen lobte sich selbst dafür, dieses Potenzial als einer der ersten entdeckt zu haben. Doch selbst als die beiden türkischen Tochterfirmen der EWE im Rahmen der Säuberungswellen nach dem gescheiterten Putsch 2016 unter politischen Druck gerieten, hielt das EWE-Management am Türkei-Geschäft fest.

Wertverfall beeinflusst Bilanzen der EWE

Der Wertverfall der türkischen Lira verhagelt EWE nun aber die Bilanzen. Das Problem an dem Türkei-Investment: EWE kauft das Gas auf dem Weltmarkt ein und bezahlt in US-Dollar. Die türkischen Kunden der EWE begleichen ihre Rechnungen aber in türkischer Lira, den Gas-Preis bestimmt zudem noch die türkische Regierung. Das Währungsrisiko trägt allein die EWE. Zwar haben Vertreter der Parteien in den kommunalen Aufsichtsgremien der EWE schon nach dem Putschversuch 2016 einen Rückzug aus dem Türkei-Engagement gefordert. Aber erst seitdem die Lira fällt, will EWE das Türkei-Geschäft verkaufen.

Gefahr für die türkische Wirtschaft

Auch die türkische Wirtschaft leidet. Die Inflationsrate in der Türkei ist mit mehr als 20 Prozent ohnehin hoch. Außerdem ist die türkische Wirtschaft in hohem Maße von Importen abhängig. Mit dem Wertverfall der eigenen Währung werden die nun teurer. Und: Die Verschuldung in der Türkei ist vor allem in Fremdwährungen notiert. Allein die türkischen Unternehmen haben Schulden mit einem Volumen von 240 Milliarden US-Dollar. Auch der türkische Staat und sogar viele Privatleute sind in Dollar oder Euro verschuldet. Mit dem Wertverfall der Lira steigt die Schuldenlast auf allen Ebenen. Nach Informationen der Deutschen Industrie- und Handelskammer beobachten deutsche Firmen schon jetzt, dass Geschäftspartner in der Türkei Probleme haben, ihre Zahlungsvereinbarungen einzuhalten.

Experten: Gründe liegen in der Wirtschafts- und Abschottungspolitik

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan
Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan macht die USA und Finanzspekulanten für den Absturz seiner Währung verantwortlich. | Bild: picture alliance/Pool Presidency Press Service/AP/dpa

Präsident Erdogan macht die USA und Finanzspekulanten für den Absturz seiner Währung verantwortlich. Denn die Lira hatte massiv an Wert verloren, nachdem der Streit zwischen den USA und der Türkei um den der Türkei inhaftierten Pastor Andrew Brunson eskaliert war und beide Staaten gegenseitig Wirtschaftssanktionen verhängt hatten. Allerdings liegen die Ursachen aus Sicht von Experten vor allem in der Wirtschafts- und Abschottungspolitik der Türkei. Der Staatspräsident hat unlängst massiv in die Unabhängigkeit der Zentralbank eingegriffen. Willkürliche Verhaftungen lassen an der Rechtsstaatlichkeit zweifeln. All dies sind Faktoren, die Kapitalgeber und Fachkräfte aus dem Land treiben. Überdies sind sowohl der Kurs der Lira als auch ausländische Direktinvestitionen schon seit Jahren rückläufig.

Unter anderem am Beispiel der EWE zeigt sich, das offenbar am Ende die Lira-Krise in der Türkei mehr bewirken könnte, als die politische Diplomatie der vergangenen Jahre.

Bericht: Thomas Eckert, Verena von Ondarza
Kamera: Michael Plundrich, Jan Bahls, Matthias Thomaé
Schnitt: Simon Schmidt

Stand: 18.05.2019 05:59 Uhr

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Norddeutscher Rundfunk
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