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Gebrauchte Wohnmobile: Ärger wegen Mängeln

PlayEin Schild, auf dem ein Wohnmobil zu sehen ist.
Gebrauchte Wohnmobile: Ärger wegen Mängeln | Video verfügbar bis 03.06.2021 | Bild: penofoto / imago

Inhalt in Kürze:
Ein Anbieter im niedersächsischen Bockenem hat offenbar mehrfach gebrauchte Wohnmobile mit technischen Mängeln verkauft.
– In einem Fall wird dem Anbieter vorgeworfen, von einem viel zu niedrigen Kilometerstand gewusst zu haben. Entsprechend werfen Experten ihm einen überhöhten Preis vor.
– Im Internet gibt es Beschwerden über den "Club der Wohnmobilfreunde".

Der Traum vom Fliegen ist für viele Deutsche in der Corona-Krise geplatzt. Reisefreudige suchen nach Alternativen und schauen dabei verstärkt nach Häusern auf vier Rädern. Schließlich sind die meisten Campingplätze bereits geöffnet und Abstandsregeln lassen sich dort leichter einhalten. Auch eine "Plusminus"-Autorin freute sich auf ihr erstes Camper-Auto. Gemeinsam mit ihrer Freundin sucht sie rein privat wochenlang im Internet nach einem passenden Angebot. Mitte April dann endlich ein Treffer: ein Renault Master, Baujahr 2003. In der Anzeige heißt es, das Fahrzeug sei "generalüberholt, TÜV neu – für 7.600 Euro." Nur knapp 155.000 gefahrene Kilometer, "technisch wie optisch top". Ausgestattet mit einem Gaskocher, einer Campingtoilette, Waschbecken und Doppelbett, das ideale Auto für den kommenden Urlaub.

Probleme schon kurz nach dem Start

Der Wagen wird von einem "Club der Wohnmobilfreunde Bornum" angeboten. Dieser Club befindet sich am Rande von Bockenem im Vorharz, auf einem heruntergekommenen Industriegelände. Neben einer baufälligen Ruine stehen zahlreiche Wohnmobile, einige von ihnen sind offensichtlich schon sehr alt. Der Clubchef ist bei der Besichtigung dabei. Auf den ersten Blick macht der Renault Master einen guten Eindruck. Mit seinem frischen hellblauen Farbanstrich ist er ein echter Hingucker. Auf der Probefahrt läuft das Wohnmobil rund. Auch wenn ihnen das Auto ein bisschen teuer erscheint, entscheiden sich die beiden Freundinnen spontan für den Kauf. Doch als unsere Autorin und ihre Freundin mit dem neuerworbenen Fahrzeug den Hof verlassen wollen, springt es nicht an. Jetzt hätten die Hamburgerinnen eigentlich schon stutzig werden sollen. Doch da das Problem schnell behoben werden kann, bleiben sie guter Dinge. Erst als kurz vor Ende der Heimfahrt auch noch Radio und Licht im Camper ausfallen, beschleicht die beiden ein komisches Gefühl. Ist der Zustand des Autos vielleicht doch nicht so top wie versprochen?

Falscher Tachostand?

Tachoanzeige eines Wohnmobils
Die Kilometeranzeige zeigt beim Kauf nur knapp 156.000 an, doch kann das stimmen? | Bild: NDR

Unsere Autorin nimmt Kontakt mit den zwei vorherigen Eigentümern des Wagens auf. Sie sind leicht zu finden, ihre Namen stehen in den alten Papieren und auf Rechnungen. Der Vorvorbesitzer erzählt, dass er das Auto im November 2019 verkauft habe und dass der Wagen damals schon knapp 280.000 Kilometer runter hatte. Auch der direkte Vorbesitzer bestätigt den hohen Kilometerstand. Da die Kilometeranzeige nun nur knapp 156.000 anzeigt, schöpft unsere Autorin Verdacht, dass am Tacho gedreht wurde. Sie fragt sich, inwieweit die Angaben des Verkäufers ansonsten stimmen. 

Check beim ADAC 

Schon am nächsten Tag bringt sie das Auto für einen Check zum ADAC. Das Ergebnis der Untersuchung ist erschütternd. Bei der Prüfung werden drei schwere Mängel entdeckt: Ölverlust am Getriebe, eine abgerissene Schraube am Motorlager, die Wagenheberaufnahmen der Vorderachse sind durchgerostet. Laut ADAC-Kfz-Mechaniker Sebastian Grunert hätte das Fahrzeug mit diesen Mängeln keine Plakette und keine Hauptuntersuchung bekommen dürfen. Unsere Autorin ruft gemeinsam mit ihrer Freundin den Verkäufer an, will das Auto aufgrund der Mängel zurückgeben. Der Verkäufer ist einverstanden, nimmt das Auto zurück und gibt ihr ihr Geld wieder. Jetzt, da der private Reinfall abgeschlossen ist, beginnt unsere Autorin zu recherchieren. Hatte sie mit ihrem Wagen einfach nur Pech, oder steckt mehr dahinter? 

Warnungen vor dem "Club der Wohnmobilfreunde" im Netz

Im Netz finden wir zahlreiche Warnungen vor dem "Club der Wohnmobilfreunde Bornum", in dessen Namen der Anbieter das Auto verkauft hat. Über soziale Medien finden wir andere Geschädigte, nehmen Kontakt auf und treffen Rolf Kipphen aus Langenhagen. Auch er fällt auf eine Anzeige für ein Wohnmobil des Clubs der Wohnmobilfreunde rein. Das war 2018. Bei seiner Besichtigung in derselben Werkstatt in Bockenem wurde ihm bestätigt, dass sein Fahrzeug, ein Peugeot J5 Baujahr 1993, in einem einwandfreien Zustand sei. Eine Probefahrt ist an diesem Tag nicht möglich. Da der Wagen zu lange stand, sei die Batterie leer. Doch Rolf Kipphen vertraut dem Clubchef und kauft das Wohnmobil für 8500 Euro. Am nächsten Tag holt er das Fahrzeug ab. 

Reifen nach dem Kauf wieder ausgewechselt? 

Auf der Fahrt von Bockenem nach Langenhagen scheint das Fahrzeug gut zu laufen. Doch plötzlich tauchen die Probleme auf. Als Rolf Kipphen den Wagen abstellen will, kann er plötzlich nicht mehr schalten. Noch glaubt er, dass das bei so einem alten Fahrzeug mal passieren kann. Den Schaden repariert er kurzerhand selbst. Doch als dann wenige Wochen später auch noch die Kupplung versagt, muss das Wohnmobil in die Werkstatt. Kosten: 3500 Euro. Kurz darauf der nächste Schock: Die angeblich neuen Reifen sind laut Werkstatt 15 Jahre alt. Dabei hatte sich Rolf Kipphen bei seiner Besichtigung vor dem Kauf die Reifen genau angeschaut. Heute glaubt der Rentner, dass die neuen Reifen ausgetauscht wurden, nachdem er den Kaufvertrag unterschrieben hat. Da er sich die Reifen beim Abholen nicht mehr angeschaut hat, ist ihm der Wechsel erst Monate später in der Werkstatt aufgefallen. Für die neuen Reifen muss er 500 Euro zahlen. Eine Investition, die notwendig ist, weil sein Wohnmobil sonst keine HU-Plakette bekommen hätte. Die 500 Euro für die Reifen versucht er, vom "Club der Wohnmobilfreunde" erstattet zu bekommen, nach erfolglosem Hin und Her gibt er auf.

10.000 Euro für ein Wohnmobil, das auf 500 Euro geschätzt wird 

Zwei Frauen stehen vor einem Wohnmobil.
Angelika Schulze (links) hat ein Wohnmobil für knapp 10.000 Euro gekauft - ein Gutachter beziffert den Wert auf 500 Euro. | Bild: NDR

Noch schlimmer hat es Angelika Schulze getroffen. Die Rentnerin kauft im Sommer 2018 ein Wohnmobil für knapp 10.000 Euro. Weil sie nur wenig Ahnung von Autos hat, entscheidet sie sich bewusst für den Kauf bei Deutschlands angeblich größtem Wohnmobilclub, von dem sie eine Anzeige auf ebay Kleinanzeigen entdeckt. Sie interessiert sich für einen Fiat Ducato 280, BJ 1986. Angelika Schulze fährt alleine zu der Besichtigung. Wieder ist der Clubchef persönlich vor Ort. Sie vertraut dem Mann und unterschreibt noch am selben Tag den Kaufvertrag. Auf das Wohnmobil hat sie lange gespart. Sie wollte mit dem Wagen in den Urlaub fahren oder auch ihren Kindern eine Freude damit machen. Doch schon auf der ersten Fahrt platzt der Traum vom Urlaub im eigenen Familien-Wohnmobil: Nach knapp 100 Kilometern gibt das Fahrzeug den Geist auf. Angelika Schulze ruft den ADAC. Weil der Dieselfilter verstopft ist, sagt man ihr, dass sie mit diesem Fahrzeug keine Reise unternehmen kann. 

Die Rentnerin will den Wagen verkaufen und lässt ein Gutachten erstellen. Dabei werden schwere Mängel wie Motorölverlust und lose Scheinwerfer entdeckt. Außerdem rostet das Fahrzeug stark. Ein Gutachter schätzt den Wert des Wohnmobils auf 500 Euro. Für Angelika Schulze ein echter Schock. Mittlerweile glaubt die Hannoveranerin nicht mehr daran, dass es sich beim "Club der Wohnmobilfreunde Bornum" um einen echten Club handelt. Auch wir finden bei unseren Recherchen nichts über den Club im Internet, weder eine Webseite noch einen Social-Media-Auftritt, nur negative Erfahrungsberichte.

Ein Anwalt soll die Sache klären 

Angelika Schulze versucht inzwischen, mithilfe ihres Anwalts Thomas Mügge ihr Geld wiederzubekommen. Für ihn ist klar, warum der Verkäufer aus Bockenem seine Fahrzeuge immer wieder im Namen des Wohnmobilclubs verkauft. Der Anwalt glaubt, dass das eine Marketing-Strategie sei, um Wohnmobil-Interessierte anzulocken und deren Vertrauen zu gewinnen. Außerdem versuche der Verkäufer dadurch zu verschleiern, was er eigentlich als Gewerbe betreibe. Denn wenn er des Öfteren solche Wohnmobile verkaufe, falle er unter den Gewerbebegriff. In diesem Falle müssten für ihn auch strengere Haftungsbestimmungen und andere Verjährungsfristen gelten. 

Weil an dem Fahrzeug von seiner Mandantin in so großem Umfang Mängel vorhanden sind, wirft der Rechtsanwalt dem Anbieter betrügerisches Verhalten vor. Er sieht gute Chancen, dass Angelika Schulze ihr Geld noch wiederbekommt. 

Bericht: Susan Penack
Kamera: Kolja Niber, Sebastian Dubielzig
Schnitt: Moritz Ohlsen, Ulrike Jochmann, Sören Schlotfeld

Stand: 03.06.2020 22:45 Uhr

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