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Kopf-Prämien für Pflegekräfte – Wie Kliniken bei der Konkurrenz Personal abwerben

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Kopf-Prämien für Pflegekräfte – Wie Kliniken bei der Konkurrenz Personal abwerben | Video verfügbar bis 24.03.2022 | Bild: MDR

• Jahrelang wurde an Pflegepersonal gespart.
• Durch die Corona-Krise hat sich die Belastung im Arbeitsalltag noch zugespitzt.
• Pflegepersonal wechselt zunehmend auch in Teilzeit oder zu Zeitarbeitsfirmen.
• Einige Kliniken werben aggressiv mit teils fünfstelligen Locksummen Mitarbeiter von anderen Einrichtungen ab.

Die Personalnot in den Kliniken spitzt sich immer weiter zu. Und das ist ein Teufelskreis: Wegen der extremen Arbeitsbedingungen und Überbelastung steigen auch immer mehr Pflegekräfte aus dem Beruf aus. Bundesweit können derzeit 20.000 Stellen für Pflegekräfte schon nicht besetzt werden. Und dass der Klinikalltag ein Knochenjob ist, ist kein Geheimnis. Auch Nachwuchs zu finden, ist so natürlich schwer.

Ein Mann mit Maske steht vor einer Radiostation.
Stefan Härtel ist Chef vom Collm-Klinikum in Oschatz. Er sucht auch per Werbespot im Radio nach Mitarbeitern. | Bild: MDR

Punkten durch bessere Arbeitsbedingungen?

Stefan Härtel ist Klinikchef im sächsischen Oschatz. Auch er sucht für sein Haus händeringend Personal. Mindestens zehn Krankenpfleger könnte er einstellen. Er will deswegen einen Werbespot im Radio schalten.

Um den Arbeitsalltag seiner Mitarbeiter am Collm-Klinium attraktiver zu gestalten, wurden längst die Dienstpläne angepasst und verschiedene Schichtmöglichkeiten entwickelt. Ein Baustein sei der "Muttidienst", der von 7 bis 15 Uhr geht. "Wir haben darüber hinaus eine Vielzahl von Sozialleistungen. Wir bezahlen auch die Kindergartenplätze", sagt Klinikchef Härtel.

Das bewog auch Krankenpflegerin Kirstin Kappich, wieder am Collm-Klinikum in Oschatz einzusteigen. Nach der Geburt ihres Kindes konnte sie sich die stressigen Arbeitszeiten im Dreischichtsystem nicht mehr vorstellen und kündigte. Doch mit den neuen Angeboten konnte sie sich gut arrangieren. So wurde es ihr ermöglicht, ein Jahr lang nur Frühdienste zu absolvieren. "Ich bin jetzt allerdings auch wieder im Dreischichtsystem tätig und bin damit auch sehr glücklich", erkärt die Krankenpflegerin.

Eine Hand hält viele Geldscheine.
Ein unmoralisches Angebot oder nicht? Kliniken werben Pflegepersonal von anderen Einrichtungen mit großen Beträgen ab. | Bild: IMAGO / Shotshop

Kopfgeld oder Wechselprämien bis zu 10.000 Euro

Viele andere Krankenhäuser setzen auf das Lockmittel Geld. Kopfgeld- oder sogenannte Wechselprämien sind an der Tagesordnung. So warben die Leipziger Helioskliniken schon vor Corona per Anzeige um Pflegekräfte. Versprochen wurde eine Willkommensprämie bis zu 8.000 Euro für Fachkräfte mit Berufserfahrung. Auch die städtische Klinik in München lockte bereits mit Prämien. Jeder, der eine Pflegekraft erfolgreich abwirbt, sollte 4.000 Euro bekommen. Die Asklepius Klinik in Weißenfels zahlte sogar schon 10.000 Euro für einen neuen Pfleger, wenn dieser mindestens 18 Monate blieb.

Ein Flyer in den Farben rot und weiß.
Auf diesem Flyer werden wechselwilligen Pflegekräften 3.000 Euro als "Ablösesumme" geboten. | Bild: MDR

Abwerbungen direkt am bisherigen Arbeitsplatz

Christiane Jähnert ist Pflegedirektorinin der Zentralklinik im thüringischen Bad Berka. Sie hat selbst schon Pflegekräfte an andere Häuser verloren. Mit welchen Methoden dabei vorgegangen wird, ärgert sie. Direkt am Arbeitsplatz werde offen um die Mitarbeiter gebuhlt. "Direkt bis in den Arbeitsbereich, auf unseren Parkplätzen, vor unseren Eingängen", sagt sie. Das Personal werde sogar auf der Arbeitsstelle unverhohlen angerufen.

Dass Krankenhäuser wie Wirtschaftsunternehmen agieren und sich gegenseitig die Pflegekräfte abwerben, ist für  Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung zwar nachvollziehbar, aber nicht der richtige Weg. Das Ganze könne sich immer weiter steigern, warnt er: "Wir befürchten, wenn diese Spirale weiter nach oben geöffnet wird, wird es kleinere Einrichtungen geben, die das nicht finanzieren können und die dann als Verlierer aus diesem Wettbewerb heraus gehen."

Ein Mann mit Brille sitzt in einem Büro.
Prof. Michael Isfort vom Deutschen Institut für Pflegeforschung warnt vor einer sich immer weiterführenden Spirale bei den Abwerbungen. | Bild: MDR

Personalmangel als Ergebnis verfehlter Personalpolitik

Nachdem jahrelang am Pflegepersonal gespart wurde, lässt sich der Mangel nicht von heute auf morgen beheben, auch wenn die Kassen mittlerweile jede neu besetzte Stelle refinanzieren. Und die Situation hat sich in den Klinken mit Corona verschärft. "Unsere Pflegekräfte haben nach Corona oft auf Teilzeit gewechselt, weil die Belastung im Arbeitsalltag seht hoch ist", sagt Christiane Jähnert. Um die eigene Gesundheit zu schonen, werde immer häufiger die Arbeitszeit verkürzt.

Eine Frau mit Mundschutz steht auf einem Klinikflur.
Christiane Jähnert, Pflegedirektorin in der Zentralklinik Bad Berka, ärgert sich über die unmoralischen Abwerbemethoden anderer Kliniken. | Bild: MDR

Geregelte Zeitarbeit statt unplanbarer Stress im Klinikalltag?

Die 56-jährige Antje Wichert aus Gladbeck hatte schon vor Corona gekündigt. Fast 40 Jahre arbeitete sie in einer Festanstellung als Krankenschwester. Überstunden, Doppelschichten und Stress bestimmten ihren Arbeitsalltag. Deshalb wechselte sie zu einer Zeitarbeitsfirma und arbeitet jetzt als Leihkrankenschwester in verschiedenen Häusern. Die 56-Jährige kann sich jetzt bei der Dienstplanung einbringen und habe geregelte Arbeitszeiten. Dafür bekomme sie sogar noch mehr Geld. "Ich habe meinen alten Spaß an der Arbeit wiedergefunden“, betont sie.

Eine Frau mit Maske steht vor einer Straße.
Kirstin Kappich übt ihren Beruf als Krankenpflegerin über eine Zeitarbeitsfirma aus, weil die Arbeitsbedingungen dort besser sind. | Bild: MDR

Antje Wichert ist kein Einzelfall. Bei der Kölner Zeitarbeitsfirma "promedi", bei der sie angestellt ist, kennt man das Problem. Der Chef muss die Pfleger nicht aus den Kliniken abwerben, sie wechseln freiwillig in die Zeitarbeit. "Die Pflegekräfte kommen zu uns, da sie sich ihre Schichtzeiten aussuchen können. Wir können garantieren, ob sie Frühdienste, Spätdienste oder Nachtdienste machen. Urlaub ist bei uns garantiert“, beschreibt Geschäftsführer Daniel Köhler die Arbeitsbedingungen dort.

Ausbildung von Bewerbern aus dem Ausland

Pflegedirektorin Christiane Jähnert setzt in Bad Berka auch auf die verstärkte Ausbildung neuer Pflegekräfte im eigenen Haus, um dem Personalmangel entgegenzutreten. Jedes Jahr werden in ihrem Haus 40 Krankenpfleger ausgebildet. Und viele Bewerber kommen aus dem Ausland.

Zwei Krankenpflegerinnen bei der Arbeit.
Velo aus Madagaskar ist in Bad Berka im zweiten Ausbildungsjahr. | Bild: MDR

Damit diese so schnell wie möglich Deutsch lernen, investiert die Klinik zusätzlich in Sprachkurse. Für die Pflegedirektorin ist das der einzige Weg, um für die Zukunft gewappnet zu sein. "Wenn mir mit diesen jungen Leuten gut umgehen, sie gut ausbilden, sie gut dabei begleiten, werden sie unser Haus schätzen lernen und hoffentlich ein ganzes Weilchen bei uns bleiben", hofft Christiane Jähnert.

Autorin: Christiane Cichy
Bearbeitung: Carmen Brehme

Stand: 25.03.2021 10:36 Uhr

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