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Besorgniserregende Stromlücke

PlayDurch den schleppenden Ausbau der Erneuerbarer Energien könnte es bald zu einem Strom-Engpass in Deutschland kommen.
Besorgniserregende Stromlücke | Bild: SWR

  • Der fehlende Ausbau von erneuerbaren Energien wird den Strompreis in den kommen Jahren nach oben treiben
  • Teurer Strom gefährdet die Wettbewerbsfähigkeit von deutschen Unternehmen
  • Spannungsschwankungen im Stromnetz machen mittelständischen Unternehmen zu schaffen
  • Deutscher Strom könnte zur Mangelware werden, teurer Strom von ausländischen Atom- und Kohlekraftwerken müsste dann zugekauft werden

Bis 2023 könnte der Strompreis von derzeit knapp 32 auf 37 Cent je Kilowattstunde steigen. Verantwortlich ist laut Experten vor allem der langsame Ausbau der erneuerbaren Energien.

Henrik Follmann leitet ein Unternehmen mit mehr als 800 Mitarbeitern. 
Henrik Follmann leitet ein Unternehmen mit mehr als 800 Mitarbeitern.  | Bild: SWR

"Die Entwicklung des Strompreises ist katastrophal und das war absehbar", sagt Henrik Follmann. Der Geschäftsführer der Follmann Chemie GmbH ist stinksauer. Im westfälischen Minden stellt er Klebstoffe und Farben für die Industrie her. "Wir sind jetzt schon nicht wettbewerbsfähig", sagt Henrik Follmann. "Meine Kunden sitzen in Polen, sitzen in Frankreich – und die kaufen dann bei Wettbewerbern, die im Ausland sitzen, ein, die die wahnsinnigen Kosten nicht haben."

Langsamer Ausbau der erneuerbaren Energien erhöht die Preise

Fehlende Stromtrassen sind ein Grund, dass der Strompreis steigt. 
Fehlende Stromtrassen sind ein Grund, dass der Strompreis steigt.  | Bild: SWR

Der Preisanstieg beim Strom stehe im direkten Zusammenhang mit dem zögerlichen Ausbau der erneuerbaren Energien, erklärt Prof. Jürgen Karl von der Universität Nürnberg-Erlangen. Denn um die Versorgungssicherheit in Deutschland zu gewährleisten, müssen bei zu wenig grünem Strom konventionelle, fossile Kraftwerke die Versorgungslücke ausgleichen. "Solange wir so wenig erneuerbare Energien bereitstellen können, ist es einfach so, dass teure Gaskraftwerke, sogar Ölkraftwerke zunehmend eingesetzt werden müssen", sagt Prof. Jürgen Karl. "Je öfter wir diese teuren Gaskraftwerke einsetzen müssen, desto teurer ist der Strompreis."

Dass der Ausbau der Erneuerbaren zu langsam voran geht, wurde jahrelang von der Bundesregierung ignoriert – in dieser Einschätzung sind sich Experten einig. Diese Entwicklung hat Folgen für den Strompreis der Zukunft. Der Ausbau der Windkraft an Land ist beispielsweise durch Abstandsregelungen fast zum Erliegen gekommen. Darüber hinaus verzögern zum Teil jahrelange Genehmigungsverfahren den Ausbau erheblich.

 Netzschwankungen beeinflussen Produktion

Guido Boveleth ärgert sich über das anfällige Stromnetz. 
Guido Boveleth ärgert sich über das anfällige Stromnetz.  | Bild: SWR

Bäcker Guido Boveleth aus dem Rheinland hat ein Problem mit seinem neuen Ofen. „Der ist zwar 30 Prozent sparsamer als der alte Ofen. Aber die neue Sensorik ist darauf angewiesen, dass wir die 50 Herz konstant haben“, sagt Guido Boveleth. Bei leichten Schwankungen im Stromnetz hat sich der Ofen in den vergangenen Monaten immer wieder von selbst abgeschaltet. Der Bäcker musste kiloweise Brot wegschmeißen, weil es nicht fertig gebacken war.

Es fehlen ausreichend Stromtrassen, die Strom vom Norden nach Süden transportieren.
Es fehlen ausreichend Stromtrassen, die Strom vom Norden nach Süden transportieren.  | Bild: SWR

Der Bäckermeister ist nicht der einzige Unternehmer, der mit Netzschwankungen zu kämpfen hat. Bei Chemie-Unternehmer Henrik Follmann fiel in den vergangenen Jahren immer mal wieder komplett der Strom aus. Der letzte Stromausfall habe ihm allein beim Material 100.000 Euro gekostet. Damit das nicht mehr passieren kann, hat der Unternehmer in Notstrom-Generatoren investiert. "Wir haben sensible Geräte, die wir hier betreiben, und mit Schwankungen im Stromnetz oder plötzlichen Ausfällen können unsere Anlagen nicht umgehen", sagt Henrik Follmann. 

Versorgungslücke bis 2030?

Schon heute gibt es Stunden, an denen so viel Wind- und Sonnenenergie produziert wird, dass man damit ganz Deutschland versorgen könnte. Allerdings fehlt es an ausreichenden Stromtrassen, um den grünen Strom durch Deutschland zu transportieren. Damit das Stromnetz nicht kollabiert, müssen immer wieder Windparks im Norden gedrosselt und im Süden fossile Gas- und Kohle-Kraftwerke hochgefahren werden, die den Strom teuer machen.

Aktuell werden noch rund 12 Prozent des deutschen Stroms mit Atomkraftwerken produziert. Wenn diese bis Ende kommenden Jahres vom Netz gehen, wird günstiger und CO2-freier Strom fehlen. 

2022 gehen die letzten Atomkraftwerke vom Netz.
2022 gehen die letzten Atomkraftwerke vom Netz. | Bild: SWR

Experten sind sich einig, dass es zwar nicht zu flächendeckenden Blackouts kommen wird. Sollte der Ausbau von Stromtrassen und erneuerbaren Energien weiterhin so schleppend verlaufen, werden wir in Zukunft den Strom aus dem Ausland kaufen müssen. Strom aus Frankreich und Tschechien wird allerdings weiterhin mit Kohle- und Atomkraft hergestellt.

Preisexplosion zu erwarten

Eine grüne Stromlücke in der Zukunft werde sich auf jeden Fall im Preis niederschlagen, da ist sich Prof. Jürgen Karl von der Universität Nürnberg-Erlangen sicher. "Es wird nicht nur auf dem Energiemarkt zur Preisexplosion kommen, sondern diese Preisexplosion wird sich auf alle Lebensbereiche auswirken. Also billiger wird es ganz bestimmt nicht." Prof. Jürgen Karl rechnet damit, dass der Strompreis für Haushaltskunden bis 2023 auf etwa 37 Cent je Kilowattstunde steigen wird – das wären etwa fünf Cent mehr als derzeit.

Ein Beitrag von Jörg Hommer & Julian Gräfe 
Online-Bearbeitung: Jörg Hommer & Julian Gräfe 
Stand: Oktober 2021
Der Beitrag wurde produziert vom Südwestrundfunk (SWR) für "Das Erste".

Stand: 07.10.2021 18:44 Uhr

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